Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Es ist ein Mädchen! Das "älteste" Baby stellt sich vor

21.09.2006
Fund eines dreijährigen Australopithecus afarensis Kindes ermöglicht erstmals, Fragen zur frühen Evolution des Menschen zu beantworten
Vor 3,3 Millionen Jahren starb ein 3-jähriges Mädchen in der Region Dikika im heutigen Äthiopien. Sein fast vollständig erhaltenes Skelett gibt den Forschern nun einmalige Einblicke in unsere Vergangenheit. Das historische Alter des Skelettes und das biologische Alter des Kindes zum Todeszeitpunkt machen diesen Fund zu einem in der Geschichte der Paläoanthropologie einmaligen. Der von einem Forscherteam unter der Leitung von Zeresenay Alemseged vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in der Fachzeitschrift Nature (September 21, 2006) vorgestellte Fund wird substanziell dazu beitragen Gestalt, Körperbau, Verhalten, Fortbewegungs- und Entwicklungsmuster unserer frühen Vorfahren besser zu verstehen und viele neue Wege zur Erforschung der Kindheit unserer frühmenschlichen Vorfahren eröffnen.

Der neue Skelettfund ist der älteste und vollständigste, der jemals von einem kindlichen menschlichen Vorfahren gemacht worden ist. Das Mädchen, das 150.000 Jahre vor Lucy gelebt hat, aber derselben Art Australopithecus afarensis angehört, war zu seinem Todeszeitpunkt drei Jahre alt. Das Skelett des Kindes wurde in der Region Dikika in Äthiopien von einem Team von Paläoanthropologen vom Dikika-Forschungsprojekt (DRP; Dikika Research Project) unter der Leitung von Zeresenay Alemseged vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie entdeckt. An dem internationalen und fachübergreifenden Projekt sind Experten verschiedener Forschungsbereiche und mehr als 40 Feldforschungsassistenten beteiligt. Der erste Teil des Kinderskelettes wurde bereits am 10. Dezember 2000 gefunden. Die Ausgrabung des Gesamtskelettes erforderte weitere vier Jahre, in denen intensiv nach weiteren Teilen gesucht wurde.

Bisher hatte man gut erhaltene Kinderskelette nur von weniger alten Hominiden gefunden, wie z.B. vom Neandertaler. Ältere Überreste von Kinderskeletten bestanden lediglich aus Schädel, Teilen des Kiefers oder einigen einzelnen Zähnen. Das Skelett des Dikika-Mädchens hingegen ist komplett und in einem sehr guten Zustand. Daher kann man es tatsächlich als einen der größten Funde in der Geschichte der Paläoanthropologie bezeichnen. Der Fund besteht aus einem Schädel, dem Abdruck des natürlichen Gehirns im Sandstein, der den Schädel ausfüllt, und bisher völlig unbekannten oder nur wenig bekannten Skelettteilen, wie z.B. dem Zungenbeinknochen. Vom oberen Skelettteil fanden die Paläoanthropologen den Großteil der Wirbelsäule, beide Schulterblätter, die Rippen und beide Schlüsselbeine.

Schulterblätter sind unter den dokumentierten fossilen Funden der frühesten Vorfahren des Menschen so gut wie nicht vertreten. Lediglich von Lucy und einem Australopithecus africanus sind die Schulterblätter unvollständig erhalten geblieben. Teile der unteren Gliedmaßen, darunter beide Kniescheiben und substanzielle Teile der Hüfte und des Schienbeins beider Beine, wurden gefunden, ebenso wie ein fast kompletter Fuß. Hinweise in den Gesteinsablagerungen am Fundort sowie fehlende Hinweise auf eine Aktivität von Fleischfressern, Abrieb oder einen Transport der Leiche, verraten den Forschern, dass das Mädchen vermutlich während einer Flut und kurz nach Eintritt ihres Todes begraben wurde. Möglichweise hatte diese Flut sogar den Tod des Mädchens verursacht.

Bei seinem Auffinden waren alle Knochen des oberen Skelettteils, darunter der Schädel, die Schulterblätter, die Schlüsselbeine, die Rippen und die Wirbelsäule, in einem sehr kompakten Sandsteinblock eingeschlossen und klebten aneinander. Meist stehen Paläoanthropologen vor dem Problem, die sehr bruchstückhaften Teile eines Fundes wieder zusammenfügen zu müssen. Im Falle des Dikika-Mädchens war die Herausforderung eine umgekehrte: Sedimente mussten mit Hilfe von zahntechnischen Instrumenten aus den Rippenzwischenräumen und der gekrümmten Wirbelsäule Korn für Korn entfernt werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie benötigten dazu bisher fünf Jahre. Der Fund wurde am Diagnostischen Zentrum in Nairobi, Kenia, mittels Computertomografie gescannt. Diese Technik ermöglichte es den Forschern, die sich herausbildenden "zweiten" Zähne zu untersuchen und das Geschlecht sowie Alter des fossilen Fundes zum Todeszeitpunkt festzustellen.

Was macht den Fund wissenschaftlich so bedeutend?

1. Das Dikika-Mädchen ermöglicht es den Forschern erstmals, die komplette Schädelmorphologie eines jungen Australopithecus afarensis zu untersuchen. Basierend auf dem neuen Fund können sie nun feststellen, wie der Schädel des Australopithecus afarensis sich während des Wachstums, insbesondere beim Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, veränderte.

2. Das Gehirnvolumen des Dikika-Mädchens wird auf etwa 330 cm³ geschätzt und unterscheidet sich damit nicht sehr von dem eines gleichaltrigen Schimpansen. Wenn man das Gehirnvolumen des 3-jährigen Kindes aber mit dem eines erwachsenen Vertreters derselben Art vergleicht, stellt man fest, dass die Gehirngröße des Dikika-Babys nur zwischen 63-88 Prozent der eines erwachsenen Australopithecus afarensis erreicht. Ein dreijähriger Schimpanse hingegen verfügt bereits über mehr als 90 Prozent des Gehirnvolumens eines erwachsenen Schimpansen. Das relativ langsame Gehirnwachstum, das die Forscher beim Australopithecus afarensis beobachten konnten, kommt dem des modernen Menschen näher als dem des Schimpansen und weist auf eine Veränderung im Verhalten der Art hin, die vor 3,5 Millionen Jahren lebte.

3. Das Postcranium (Skelettteile unterhalb des Schädels) besteht aus vielen Knochen, die grundlegende Informationen zur Fortbewegung und Körpergröße des Australopithecus afarensis enthalten. Der Femur (Oberschenkelknochen), die Tibia (Schienbein) und der Fuß des Kindes liefern den Beweis, dass der Australopithecus afarensis bereits im Alter von drei Jahren aufrecht gegangen ist. Die zwei Schulterblätter aber sind denen von Gorillas ähnlich. Die Finger sind lang und gekrümmt, wie man es von anderen Vertretern des Australopithecus afarensis kennt. Damit rücken alte, nach wie vor unbeantwortete Fragen wieder in den Blick: Obwohl Australopithecus afarensis am Boden ein echter Zweibeiner war, behielt er möglicherweise seine Fähigkeit zum Erklettern von Bäumen bei. Das könnte ihn und seine Nachkommen davor geschützt haben, während des Schlafens Raubtieren zum Opfer zu fallen.

4. Ein besonders seltener und aufregender Teil des Fundes ist der Zungenbeinknochen des Dikika-Mädchens. In seiner Gestalt ist er dem Zungenbeinknochen der afrikanischen Menschenaffen sehr ähnlich und unterscheidet sich von dem des modernen Menschen. Die Beschaffenheit dieses Knochens bei ausgestorbenen Arten, mit Ausnahme des Neandertalers, ist noch völlig unbekannt. Er spielt vermutlich eine wichtige Rolle bei der Produktion menschlicher Sprache und hilft den Forschern, die Konstruktion und Evolution des menschlichen Sprechapparates besser zu verstehen.

Die Aufbereitung des neuen fossilen Fundes ist noch nicht abgeschlossen. Bisher war es noch nicht möglich, alle Teile des Skelettes zu untersuchen. Dies betrifft vor allem die Rippen, die Rückenwirbel, die Schlüsselbeine und ihre Bedeutung für die Fortbewegung des Australopithecus afarensis. Nach zukünftigen weiteren Untersuchungen werden wir über ein sehr genaues Bild des Körperbaus eines Australopithecus afarensis Babys verfügen und können dann mehr über Verhalten, Körperproportionen und -größe sowie die Entwicklung des Skelettes bei frühen Vorfahren des Menschen erfahren.

Das Dikika-Forschungsprojekt wurde bis 2004 vom Französischen Zentrum für Äthiopienstudien, dem Institute of Human Origins der Arizona State University, der Leakey Stiftung und der National Geographic Society finanziell und logistisch unterstützt. Seit 2004 finanziert und fördert die Max-Planck-Gesellschaft das Projekt. Das Dikika-Forschungsprojekt führt seine Feldforschungs- und Laborarbeit mit der Genehmigung und unter Federführung der ARCCH (Authority for Research and Conservation of Cultural Heritage = Behörde für die Erforschung und den Erhalt kulturellen Erbes), dem Äthiopischen Nationalmuseum und mehreren Regionalbüros in Äthiopien durch. Mehr als 40 Personen, darunter einige Wissenschaftler, haben dazu beigetragen, die Überreste des Babys freizulegen und die geologischen und Umweltbedingungen sowie die Bedeutung des Fundes zu verstehen.

Originalveröffentlichung:

Zeresenay Alemseged, Fred Spoor, William H. Kimbel, René Bobe, Denis Geraads, Denné Reed & Jonathan G. Wynn
A juvenile early hominin skeleton from Dikika, Ethiopia
Nature. September 21, 2006

Jonathan G. Wynn, Zeresenay Alemseged, René Bobe, Denis Geraads, Denné Reed & Diana C. Roman
Geological and palaeontological context of a Pliocene juvenile hominin at Dikika, Ethiopia
Nature. September 21, 2006

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Australopithecus Baby Dikika Dikika-Mädchen Skelett Vorfahren

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen
18.08.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Klimawandel: Bäume binden im Alter große Mengen Kohlenstoff
17.08.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie