Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Altsteinzeit im Achtal und die ersten modernen Menschen in Europa

28.08.2001


Eingang zum Geißenklösterle


Grabungssituation im Innern des Geißenklösterle. Im
linken Bildteil ist die Oberkante des mittelpaläolithischen
Schichtpaketes erkennbar.
Alle Rechte an den Bilder: © Universität Tübingen


In den Höhlen des Achtals wird seit dem 19. Jh. die Altsteinzeit erforscht. Seit dem 18. Juni dieses Jahres wird im Hohle Fels bei Schelklingen und im Geißenklösterle bei Blaubeuren wieder ausgegraben. Eine internationale Mannschaft aus mehr als 20 Archäologen, Studierenden und Auszubildenden ist unter der Leitung von Nicholas Conard und Hans-Peter Uerpmann vom Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen täglich im Gelände und im Labor tätig.

Was ist am Achtal so interessant? Das Achtal, bis vor etwa 200.000 Jahren von der Urdonau durchflossen, bildet mit seinen vielen Höhlen sowie den benachbarten Höhlen im Alb-Donau-Kreis eine der bedeutendsten urgeschichtlichen Regionen in Europa. Von hier stammen unter anderem die knapp 40.000 Jahre alten Kunstwerke und Musikinstrumente aus dem Geißenklösterle, die die ältesten Belege für Kunst und Musik weltweit darstellen. Andere Fundplätze der Alb, wie Vogelherd und Hohlenstein-Stadel im nahegelegenen Lonetal, lieferten ebenfalls bedeutendes Fundgut aus der Zeit der sogenannten Aurignacien-Kultur, als der moderne Homo sapiens sapiens zum ersten Mal nach Europa kam und die Neandertaler verdrängte. Laut Conard erreichten moderne Menschen die Schwäbische Alb über eine schnelle Einwanderung entlang der Donau; hier entstanden dann schlagartig eine Reihe bedeutender kultureller Entwicklungen.

Gerade diese Begegnung zwischen dem Neandertaler und dem modernen Menschen steht im Mittelpunkt der Forschungsausgrabungen. Während am Hohle Fels seit Jahren ununterbrochen gegraben wird, stellt die Arbeit am Geißenklösterle die erste Ausgrabungskampagne seit 1991 dar. Erstmals wird jetzt an diesen beiden 3 km voneinander entfernten Fundplätzen parallel die Zeit des Übergangs vom Neandertaler zum modernen Mensch bzw. vom Mittelpaläolithikum zum Jungpaläolithikum erforscht.

Die Ausgrabungen am Geißenklösterle ergänzen die wegweisenden Ergebnisse der Grabungen durch den Tübinger Professor Joachim Hahn aus den 1970er und 80er Jahren. Hier ist eine ungewöhnlich vollständige kulturelle Abfolge der Eiszeit gut dokumentiert. Die Hauptphasen des Jungpaläolithikums bis in das Aurignacien (vor 30.000-40.000 Jahren) sind vorhanden. Die älteste Aurignacien-Fundschicht ist gekennzeichnet durch eine gut erhaltene Feuerstelle, diverse Steinartefakte und Abfall von der Elfenbeinbearbeitung. Darunter folgen fundleere Kalkschutt-Schichten, bis dann die Periode der letzten Neandertaler am Fundplatz durch Geräte des Mittelpaläolithikums belegt ist. Zumindest am Geißenklösterle ist bislang keine zeitliche Überlappung beider Menschenarten belegbar.

Die diesjährigen Ausgrabungen am Hohle Fels brachten sehr positive Überraschungen. Obwohl Hohle Fels längst bekannt ist für seinen Fundreichtum aus dem späten (Magdalénien: vor 12.000-18.000 Jahren) und mittleren (Gravettien: vor 22.000-30.000 Jahren) Jungpaläolithikum, war bis zu diesem Jahr das Aurignacien dort noch nicht entdeckt. In der diesjährigen Kampagne gelang es der Mannschaft, die seit fünf Jahren intensiv ausgegrabene und extrem fundreiche 29.000 Jahre alte Brandschicht des frühen Gravettien abzuschliessen. Damit war der Weg in die tieferen Schichten frei. Zum ersten Mal wurden die Aurignacien-Schichten über eine größere Fläche freigelegt. Inzwischen sind nicht weniger als fünf teilweise sehr fundreiche Horizonte dokumentiert. Diese noch nicht datierten Schichten reichen bis in die Zeit, als moderne Menschen und Neandertaler Europa bewohnten. Die Steinartefakte bestehen aus zahlreichen Kratzern, Sticheln und anderen typischen Werkzeugen dieser Periode. Darüber hinaus konnten Schmuckstücke aus Zähnen und Knochen, Artefakte aus organischem Material sowie eine Brandschicht belegt werden. Momentan wird noch tiefer gegraben, um die erhofften Schichten aus der Zeit der Begegnung zwischen Homo sapiens sapiens und dem Neandertaler zu erreichen.

Die Grabungen werden gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Heidelberger Zement, dem Universitätsbund Tübingen, der Museumsgesellschaft Schelklingen, dem Landesdenkmalamt und der Gesellschaft für Urgeschichte.


Nähere Informationen:


Prof. Nicholas J. Conard, Telefon: 29-7 24 16, E-Mail: nicholas.conard@uni-tuebingen.de
Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Burgsteige 11 (Schloß)

Michael Seifert | idw

Weitere Berichte zu: Achtal Altsteinzeit Höhle Jungpaläolithikum Neandertaler

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klimawandel: Bäume binden im Alter große Mengen Kohlenstoff
17.08.2017 | Universität Hamburg

nachricht Neue Grundlagen für die Verbesserung von Klima-und Vegetationsmodellen
08.08.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neues Verfahren zur Inprozesskontrolle in der Warmumformung

18.08.2017 | Verfahrenstechnologie

Auf dem Weg zu künstlichem Gewebe- und Organersatz aus dem 3D-Drucker

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungsnachrichten