Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ausgrabung einer europaweit einmaligen Fossillagerstätte

22.07.2003


Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojektes der Kreisarchäologie Göppingen und dem Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen wurden seit Juli 2002 entlang der neuen Trasse der B 10 bei Eislingen (Landkreis Göppingen) umfassende Ausgrabungen vorgenommen.



Dabei konnten bislang die Reste von insgesamt neun Ichthyosauriern freigelegt und geborgen werden. Die Funde lassen sich den Gattungen Temnodontosaurus ("Schnittzahnsaurier"), Stenopterygius ("Schmalflosser"), sowie einer möglicherweise noch unbekannten Gattung zuordnen. Von herausragender Bedeutung aus der Grabungskampagne 2002 ist das zu etwa 60 Prozent vollständige Skelett eines Temnodontosaurus. Hierbei handelt es sich um ein nicht ausgewachsenes Tier von 6 Metern Länge - erwachsene Tiere erreichten Längen von über 10 Metern, möglicherweise bis zu 15 Metern. Darüber hinaus gelang es, Skeletteile von vier Exemplaren der Gattung Stenopterygius und Reste eines zweiten Temnodontosaurus aufzudecken und zu sichern.



Im Verlauf der diesjährigen Grabungskampagne (Juni-Juli 2003) wurde das nahezu vollständige Skelett eines Stenopterygius geborgen. Im Rahmen von Sondierungen, die im Vorfeld der Ausweitung der Grabungsfläche durchgeführt wurden, stießen die Wissenschaftler auf ein weiteres Skelett. Aufgrund der noch andauernden Präparationsmaßnahmen ist eine sichere Bestimmung derzeit nicht möglich. Die bisher vorliegenden Skelett-Teile lassen es möglich erscheinen, dass eine neue, noch unbekannte Art eines Fischsauriers vorliegt. Die Gesteinsschicht, aus der all diese Funde stammen, hat sich am Grund des Jurameeres vor etwa 180 Millionen Jahren gebildet. Sie zeichnet sich durch die Ablagerung tausender Belemnitenrostren (Teile des Innenskeletts ausgestorbener Verwandter der heutigen Kalmare) aus. Derartige Anreicherungen werden als "Belemnitenschlachtfeld" bezeichnet. Die Befundsituation macht deutlich, dass die Anreicherung von Ichthyosaurierresten in besagter Schicht viel weiträumiger ist als bisher angenommen: Es wird derzeit davon ausgegangen, dass der Eislinger Ichthyosaurierfriedhof eine Fläche von mindestens 10.000 Quadratmetern umfasst.

Von besonderer Bedeutung ist, dass die Eislinger Fischsaurier jünger sind als ihre berühmten Artgenossen aus dem Posidonienschiefer von Holzmaden. Im Gegensatz zu diesen zumeist stark verformten Exemplaren liegen die Eislinger Individuen in sehr guter, dreidimensionaler Erhaltung vor, was sie für die Wissenschaft besonders wertvoll werden lässt. Parallel zu der Göppinger/Tübinger Grabung wurde vom Staatlichen Museum für Naturkunde, Stuttgart, unter der Leitung von Dr. Rainer Schoch ein Teilskelett eines Temnodontosaurus geborgen, das allerdings aus geologisch älteren Schichten des Posidonienschiefers stammt, ebenso wie ein bereits im letzten Jahr von Tübinger Seite geborgener, unvollständiger Schädel dieses Riesenichthyosauriers. Diese ergänzenden Funde unterstreichen die Bedeutung der Eislinger Fundstelle für die Wirbeltierpaläontologie. Der Eislinger Ichthyosaurierfriedhof gewährt einen ungeahnt tiefen Einblick in das Ökosystem des Jurameeres vor 180 Millionen Jahren: Die Nahrungskette lässt sich angefangen von einzelligen Mikroorganismen (so genannten Dinoflagellaten) über Muscheln, Ammoniten und Belemniten, bis hin zu Fischen und letztlich den großen Räubern wie Haien, Krokodilen und Ichthyosauriern rekonstruieren. Von den nächstliegenden Landmassen wurden bis zu sieben Meter lange Baumstämme eingeschwemmt.

Beide Grabungskampagnen wurden von Dr. Reinhard Rademacher (Kreisarchäologie Göppingen) und Philipe Havlik (Institut für Geowissenschaften, Tübingen) geleitet. Die Zusammenarbeit zwischen Ärchäologie und Paläontologie/Geologie führte zu ungewöhnlich genauen Grabungsmethoden, die sehr detaillierte Rückschlüsse auf die Ablagerungsbedingungen erlauben. Hierbei kamen modernste Vermessungs- und Dokumentationstechniken, wie GPS, digitale Fotografie sowie präzise archäologische Arbeitsmethoden zum Einsatz. Im Rahmen der Ausgrabung wurde von dem Tübinger Geowissenschaftler Dr. Michael Montenari ein feinstratigraphisches Profil aufgenommen, welches zur exakten Datierung der Funde durch rasterelektronenmikroskopische Analysen und zu einer paläoökologischen Rekonstruktion für die Schicht, in der die Saurier enthalten waren, führen wird. Die Präparationen begannen bereits im September 2002 und werden am Tübinger Institut von Henrik Stöhr und Philipe Havlik durchgeführt. Die wissenschaftliche Auswertung des Skelettmaterials leitet der Ichthyosaurierexperte Dr. Michael Maisch (Tübingen). An der Ausgrabung waren neben dem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kreisarchäologie, Herrn Winfried Poldrack, auch Stundenten und Mitarbeiter der Universität Tübingen beteiligt. Ein reibungsloser Ablauf der Grabungen war nur durch die logistische Unterstützung des Straßenbauamts Kirchheim u. Teck, der Baufirma Leonhard Weiss, der Gemeinde Eislingen und der Firma Stahlbau Nägele möglich. Nach Abschluss der Bearbeitung sind sowohl eine Sonderausstellung zur Grabung als auch eine Dauerpräsentation des 2002 geborgenen, urzeitlichen Räubers Temnodontosaurus als Skelettmontage durch die Kreisarchäologie Göppingen und das Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen in der neuen Stadthalle von Eislingen geplant.

Rückfragen an:

Dr. Reinhard Rademacher
Kreisarchäologe für den Landkreis Göppingen
Tel. 07161 - 50318-17
E-Mail: r.rademacher@landkreis-goeppingen.de

Dr.Michael Maisch
wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Geowissenschaften der
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Tel. 07071 - 29-77561 oder 29-72495

Dr. Michael Montenari
wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Geowissenschaften der
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Tel. 07071 - 29-73066

Prof. Dr. Hans-Ulrich Pfretzschner
Professor für Wirbeltierpaläontologie am
Institut für Geowissenschaften der Uni Tübingen
Tel. 07071 - 29-76984
E-Mail: hans-ulrich.pfretzschner@uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen
22.08.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

nachricht Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen
18.08.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer IPM präsentiert »Deep Learning Framework« zur automatisierten Interpretation von 3D-Daten

22.08.2017 | Informationstechnologie

Globale Klimaextreme nach Vulkanausbrüchen

22.08.2017 | Geowissenschaften

RWI/ISL-Containerumschlag-Index erreicht neuen Höchstwert

22.08.2017 | Wirtschaft Finanzen