Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Führten Erdhebungen zur Entstehung des Menschen?

15.05.2003


Die Bildung des Ruwenzorigebirges in Ostafrika hat möglicherweise zur Entwicklung der ersten Menschen geführt. Mit dieser Hypothese startet im Sommer dieses Jahres ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Dr. Uwe Ring, Geowissenschaftler an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, nach Uganda, um durch Gesteinsuntersuchungen Aufschluss über die Geschichte der Menschheit zu erhalten.


"Wir wollen herausfinden, ob die Hebung des Ruwenzorigebirges zeitlich mit der Hominidenentwicklung in Ostafrika übereinstimmt", erklärt Ring. "Das würde die wissenschaftlich äußerst provokante These erhärten, dass die Menschwerdung durch Prozesse im Erdinnern kontrolliert wurde."

Das Ruwenzorigebirge zwischen Uganda und Kongo ist mit seiner großen Höhe eines der größten Rätsel in den Geowissenschaften. Gebirgshöhen über 5.000 Meter findet man weltweit nur in Bereichen, wo Kontinentplatten aufeinander stoßen. Der Ostafrikanische Graben ist aber ein Bereich, wo sich diese Platten auseinander bewegen, wie beispielsweise auch im Rheingraben. Entlang einer Linie vom Roten Meer über Äthiopien nach Mosambik entfernt sich das östliche Afrika mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Zentimeter pro Jahr vom Kontinent. Die Ruwenzoris - auch als "Mondberge" bekannt - gehören zu einem vulkanisch sehr aktiven Bereich im Ostafrikanischen Graben. Ab einer Höhe von etwa 4.500 Meter sind die Berge vergletschert. Annähernd 320 Regentage im Jahr bedingen ein extremes Klima mit Feuchtigkeit und Nebel, die in den Ruwenzoris eine fast surreale Traumwelt entstehen ließen. Die Vegetation sprengt alle gewohnten Maße: Heidekraut wächst bis zu acht Meter Höhe, Verwandte der Gartenlobelie werden mannshoch und das Kreuzkrautgewächs wächst in 3.000 bis 4.000 Meter Höhe zu baumhohen Wäldern heran.


Seit einigen Jahren forschen Geowissenschaftler und Paläozoologen verschiedener Hochschulen und Museen aus dem Rhein-Main-Gebiet intensiv über Zusammenhänge zwischen der Entwicklung des Ostafrikanischen Grabensystems und der Entwicklung der frühen Menschen (Hominiden). Bekannt ist, dass die Entwicklung der Hominiden maßgeblich durch klimatische Faktoren gesteuert wurde: Eine weltweite Abkühlung soll vor etwa sechs bis acht Millionen Jahren die beginnende Abspaltung der Hominiden von den Menschenaffen bedingt haben. Die Hominiden entwickelten sich zunächst ausnahmslos im trockenen, östlichen Bereich des afrikanischen Kontinents - während der westliche Teil Afrikas, insbesondere das Kongo-Becken, ab diesem Zeitraum sehr feucht wurde. Später, vor ca. drei Millionen Jahren, fand in Ostafrika eine entscheidende zweite Etappe der Hominidenentwicklung statt und die Gattung "Homo" entwickelte sich.

Ungeklärt ist indes die Ursache dieser gravierenden Klimaveränderungen in Afrika. "Die gängige Meinung ist, dass globale Klimaschwankungen wie langandauernde Vereisungsperioden an den Polkappen die wesentlichen Kontrollfaktoren waren", erläutert Ring. Allerdings trenne der Ostafrikanische Graben die durch unterschiedliche klimatische Entwicklungen gekennzeichneten Bereiche West- und Ostafrikas und somit könne die globale Vereisungsthese nicht die Klimadifferenzierung innerhalb Afrikas erklären. Die Mainzer und Frankfurter Geowissenschaftler gehen jetzt davon aus, dass Hebungsprozesse entlang der Grabenschultern des Ostafrikanischen Grabens der wesentliche Auslöser für die Klimadifferenzierung in Afrika waren und somit unsere Menschheitsentwicklung entscheidend beeinflusst haben.
Computersimulationen belegen nach Darstellung von Ring, dass vermutlich schon eine mittlere Hebung von 1.500 bis 2.000 Metern ausreicht, um nachhaltige Klimaveränderungen zu bewirken. Die Grabenschultern des westlichen Arms des Ostafrikanischen Grabens wurden um 2.000 bis 2.500 Meter über den Meeresspiegel angehoben; das Ruwenzorigebirge im Westen Ugandas erreicht sogar über 5.000 Meter. Dadurch konnte sich eine Barriere bzw. Wetterscheide ausbilden und feuchte westliche Winde vom Atlantik regneten - und regnen heute noch - im Kongo-Becken ab, während der Osten Afrikas in einen Regenschatten geriet.

Bisherige Forschungsarbeiten des "Rhein-Main-Teams" im Ostafrikanischen Graben zeigen deutliche Überschneidungen zwischen markanten Phasen der Grabenbildung und den Zeitpunkten der Klimaveränderungen und Hominidenentwicklung: Vor acht Millionen Jahren begann sich der Ostafrikanische Graben zu strukturieren und es kommt zu erheblichem Vulkanismus und Hebungsprozessen. Vor drei Millionen Jahren kam es zu einer zweiten markanten Vulkanismusphase und zu weiteren starken Hebungsbewegungen. Zu diesem Zeitpunkt soll sich das Ruwenzorigebirge herausgehoben haben. "Es spricht also einiges dafür, dass die durch erdinnere Kräfte gesteuerten Hebungspulse an den Grabenschultern letztlich der wesentliche steuernde Faktor in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit waren", führt Ring aus.

Unter seiner Leitung wird ein Rhein-Main-Geoteam zusammen mit Geologen der Makerere Universität in Kampala (Uganda) die Hebungsgeschichte des Ruwenzorigebirges im Ostafrikanischen Grabensystem quantitativ untersuchen. Es soll die mit der Heraushebung der Ruwenzoris zum vergletscherten Hochgebirge und die damit einhergehende Abkühlung der Gesteine genau datiert werden. Dafür werden Methoden der sogenannten Niedrigtemperaturchronometrie verwendet. Diese beruhen im Wesentlichen auf dem natürlichen radioaktiven Zerfall. Schwere Isotope wie Uran und Thorium zerfallen in mehreren Stufen bis am Schluss ein stabiler Blei-Atomkern übrig bleibt. Bei jedem Zerfall fliegt aus dem Kern ein Alpha-Teilchen (Helium-Atomkern) heraus, der winzig kleine Defekte im Kristallgitter von Mineralen erzeugt. Wenn man nun die Oberfläche eines solchen Minerals mit einer Säure anätzt, vergrößern sich die Strahlenschäden um das Hundertfache und werden in speziellen optischen Mikroskopen sichtbar und man kann das Mineral datieren. Sammelt man Gesteinsproben entlang eines vertikalen Profils vom Fuß der Ruwenzoris bis zu ihrem Gipfel, so kann man den Hebungsprozess zeitlich nachvollziehen und man kann auch erkennen, ob die Hebung episodisch oder kontinuierlich ablief. Ziel ist es herauszufinden, ob die Hebung der Ruwenzoris zeitlich mit Phasen der Hominidenentwicklung in Ostafrika korreliert. Oder anders gesagt: Lassen sich konkrete Hinweise finden, ob und dass durch Prozesse im oberen Erdmantel kontrollierte Hebungsvorgänge die Entwicklung der frühen Hominiden wesentlich bestimmt haben?

"Die Bündelung der breitgefächerten Kompetenzen in den geowissenschaftlichen Instituten der Universitäten in Mainz und Frankfurt sowie am Senckenberg-Institut in Frankfurt und auch am Hessischen Landesmuseum in Darmstadt lassen neue, wichtige Erkenntnisse über unsere frühe Entwicklungsgeschichte erwarten," vermutet Ring. Das Projekt, an dem Geochronologen, Sedimentologen, Paläoanthropologen und Strukturgeologen beteiligt sind, soll mit einer Laufzeit von mehreren Jahren im Sommer 2003 starten und wird zunächst durch den Forschungsfond der Universität Mainz gefördert. Beteiligt ist auch der Paläoanthropologe Prof. Friedemann Schrenk aus Frankfurt, der in den vergangenen Jahren erfolgreich vor allem in Malawi und Tansania zur Entwicklungsgeschichte der Menschen geforscht hat. Schrenk und Ring haben bereits mehrfach projektweise in Ostafrika zusammengearbeitet.

Kontakt und Informationen:

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Geowissenschaften
Prof. Dr. Uwe Ring
Tel. 06131 - 39-22164
Fax 06131 - 39-24769
E-Mail: ring@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/~ring

Weitere Berichte zu: Hominiden Hominidenentwicklung Ostafrika Ruwenzorigebirge

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Unter hohem Druck elastisch: Bayreuther Forscher erschließen Zusammensetzung des Erdmantels
30.03.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Von der Bottnischen See bis ins Kattegat – Der Klimageschichte der Ostsee auf der Spur
28.03.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE