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Die Erde rumort - aber nicht intensiver als früher

21.11.2002


Seit 100 Jahren werden an Universität Leipzig Erdbeben aufgezeichnet



Mit der Einrichtung einer Erdbebenwarte im Jahre 1902 zählte die Universität Leipzig international zu den Pionieren bei der Erfassung seismischer Phänomene. 1934 wurde die Messstation auf den Collm bei Oschatz verlegt, wo sie noch heute zahlreiche wissenschaftliche Aufgaben erfüllt.

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Anno 1902, etwa 27 Jahre nach dem Beginn der wissenschaftlichen Erdbebenbeobachtungen in Sachsen durch Credner, wurde an der Universität Leipzig mit der messtechnischen Registrierung seismologischer Phänomene begonnen. Am Paläontologischen Institut entstand eine Erdbebenwarte, deren Herzstück der sogenannte Wiechert Seismograf war. Dieses Horizontalpendel registrierte die Beben auf einem berußten Papierstreifen.

Doch als rund um das Institut in der Leipziger Talstraße 35, dort wo noch heute die Fakultät für Physik und Geowissenschaften ansässig ist, Baugeschehen, Industrie und Verkehr die Gegend immer mehr erschütterten, musste die Messstation auf ein ruhigeres, nicht durch Menschenwerk zum Beben gebrachtes Fleckchen Erde umziehen. Der neue und seitdem beibehaltene Standort der Warte wurde 1934 das Geophysikalische Observatorium Collm bei Oschatz . Es gehört heute zur Fakultät für Physik und Geowissenschaften und ist eingeknüpft in das Deutsche Seismische Regionalnetz und damit in einen weltweiten Verbund von Beobachtungsstationen.

Mehrere Tausend Erdbeben jährlich werden auf dem Collm registriert. "Etwa ab der Magnitude 4,8 (Richter-Skala) können wir 95 % aller Beben, die irgendwo im Erdkörper stattfanden, hier erfassen", erläutert Prof. Dr. Franz Jacobs, Direktor des Instituts für Geophysik und Geologie. Das klingt nach ziemlich viel Bewegung. Doch die meisten Beben kommen schon kraftlos und in gemächlichen Wellen im Sächsischen an und werden nur noch von den hochempfindlichen Messgeräten "gespürt".

Auch die Beben, die Ende Oktober die Region um den mittelitalienischen Ort Foggia erschütterten, ließen auf dem Collm die Seismografen ausschlagen. Und wieder einmal tauchte angesichts der Bilder in der Öffentlichkeit die Frage auf, ob die Menschheit die Erde unter den Füßen verliert. "An unserer Universität registrieren wir Erdbewegungen seit 100 Jahren, und Schriften zu den Naturgewalten gibt es seit Menschengedenken", so Prof. Jacobs. "Und all das lässt den Schluss zu: Die Anzahl der Beben und auch die der mitunter fälschlicherweise damit in Verbindung gebrachten Vulkanausbrüche zeigt sich seit Jahrtausenden unverändert. Nur die Verletzlichkeit der Zivilisation ist - beispielsweise durch ihre komplizierte Infrastruktur - gewachsen. Hinzu kommt, dass es nicht mehr funktioniert wie einst, als ’fern in der Türkei’ etwas passierte, und keiner erfuhr es. Die vermeintlich ansteigende Erdbebenhäufigkeit sehe ich als eine Resultat der erhöhten Wahrnehmung und als gewachsenes Interesse an den reichlich vorhandenen Informationen über Naturkatastrophen."

Das bringt allerdings keinen Trost für die direkt Betroffenen. In Europa sind es vor allem die Mittelmeerländer, in denen Erdbeben und Vulkanausbrüche den Menschen immer wieder Angst und Schrecken bringen. Die geologischen Ursache dieser Katastrophen ist die Bewegung der Kontinentalplatten von Europa und Afrika. Sie treffen im Mittelmeerraum aufeinander, wodurch die Erdkruste dort besonders instabil ist. Erdbebenregionen bilden sich und Vulkane brechen - meist zeitlich unabhängig davon - aus. Schaut man mit einer schärferen Brille auf das Puzzle, sind rund um die Adria noch viel mehr sich gegeneinander verschiebende Blöcke zu sehen.

Dieses Geschehen vermag der Mensch, anders als zum Beispiel bei den jüngsten Flutkatastrophen in Deutschland, weder auszulösen noch zu verstärken, weder zu reduzieren noch zu verhindern. Lediglich bei manchen Talsperrenbauten wurde nach dem Auffüllen in der Umgebung des künstlichen Gewässers eine erhöhte Seismizität festgestellt. Trifft dies zusammen mit fehlerhaft gebauten Staumauern, kann es zu menschgemachten Katastrophen kommen.
Alle Beobachtungen lassen uns mit Sicherheit sagen: In Mitteldeutschland sind keine zerstörerischen Erdbeben zu befürchten. Das Leipziger Beben von 1982 brachte es auf ganze 2,4 (Richter-Skala). Im Vogtland treten immer wieder Beben und schwache Erdbebenschwärme auf. Im Jahre 1985 wurde ein Beben der Stärke 4,6 gemessen. Menschen nahmen diese Beben mitunter war, sind aber noch nie zu Schaden gekommen. Nichts spricht dafür, dass sich dies in absehbarer Zeit ändern könnte.

Die relative Erdbebenruhe der hiesigen Gegend heißt für die Mitarbeiter des Geophysikalischen Observatoriums jedoch keinesfalls Däumchendrehen, denn es gibt keinen Moment, wo nicht irgendwo die Erde erzittern würde. Außerdem zählen zu den Aufgaben des Observatoriums neben der Registrierung von Beben auch Messungen von Veränderungen in der 80 bis 100 km hohen Ionosphäre, von Ebbe und Flut, von Erdmagnetismus und von Erdströmen. Ebbe und Flut am Collm? "Man darf dabei nicht nur ans Meer denken", erläutert Prof. Jacobs. "Mond und Sonne bringen durch ihre enorme Anziehungskraft alle Bestandteile der Erde in Bewegung. Dieses Heben und Senken der Erdkruste messen wir über Schwerkraftveränderungen".

Zu den Forschungsthemen an denen im Institut derzeit gearbeitet wird zählt die künstliche Erzeugung von schwachen Erderschütterungen. "Solche Mini-Beben sind nutzbar," so Prof. Jacobs, "um Baugrund zu untersuchen, Rohstoffe zu entdecken und auch um Gestein zu cracken und damit künstliche Spalten zu erzeugen. In diese Spalten könnte kaltes Wasser eingepresst werden, damit es in der Tiefe die Erdwärme aufnimmt und anderswo als heiße Quelle austritt und genutzt werden kann. Auch die Möglichkeiten der unterirdischen Einlagerung von Erdöl, Erdgas und Schadstoffen entwickeln wir auf diesem Wege weiter."

Kontakt:
Prof. Dr. Franz Jacobs
Telefon: 0341 97-32 800

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.geo.uni-leipzig.de

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