Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Zähnchen aus dem Meer" als Bonner Fossil des Monats

25.03.2008
Würde man ein Stück Kalkstein nehmen, dass vor 500 Millionen Jahren im Meer abgelagert wurde, und würde es in Säure werfen - zurück blieben viele tausend winziger Zähnchen längst ausgestorbener Meeresbewohner. Diese so genannten Conodonten sind ab 1. April im Goldfuß-Museum der Universität Bonn als "Fossil des Monats" zu bestaunen.

Conodonten ("Kegelzähne") finden sich massenhaft in sehr alten Gesteinsschichten. Sie sind mikroskopisch kleine Überreste von wurmähnlichen Meeresbewohnern, die vor etwa 550 bis 230 Millionen Jahren im Kambrium und Trias lebten. Die ca. 0,5 mm großen Mikrofossilien bestehen aus Kalzium-Phosphat und können leicht mit Säure aus Kalksteinen gewonnen werden.

Die Tiere sind die artenreichste Gruppe fossiler früher Wirbeltiere überhaupt und waren sehr erfolgreich: Sie haben 300 Millionen Jahre in den Ozeanen gelebt; warum sie dann vor 200 Millionen Jahren ausgestorben sind, ist unklar. Der rasche Formenwandel sowie das massenhafte Vorkommen machen die der winzigen Kegelzähne zu sehr bedeutenden Leitfossilien. Mit ihnen lässt sich beispielsweise das relative Alter von Gesteinen recht genau bestimmen. Auch zum Vergleich von Erdschichten aus verschiedenen Fundorten eignen sie sich sehr gut.

Zudem sind Klima- und Umweltveränderungen vor vielen hundert Millionen Jahren im Phosphat der winzigen Conodonten in Form der Isotopenzusammensetzung "archiviert". Mit chemischen Verfahren können Paläontologen heute dieses Archiv auswerten und so wichtige Erkenntnisse über die damaligen Umweltbedingungen gewinnen. Mit diesen Methoden in der Conodontenforschung beschäftigt sich auch Dr. Sandra I. Kaiser, die seit dem 1. Februar als neue Kustodin am Goldfuß-Museum der Uni Bonn tätig ist.

... mehr zu:
»Fossil »Gestein

Conodonten kann man ebenso als "fossiles Thermometer" benutzen: Sie ändern bei hohen Temperaturen ihre Farbe. Jeder Farbton lässt sich einem bestimmten Temperaturbereich zuordnen und gibt damit Aufschluss über die Erwärmung des Gesteins in der Vergangenheit. Wichtig ist diese Information beispielsweise bei der Erkundung möglicher Erdöllagerstätten.

Conodonten wurden erstmals von Christian H. Pander im Jahre 1856 beschrieben. Zu welchem Tier die "Zähne" gehörten, fand man aber erst 1982 heraus. Bei der Sichtung von Museumsbeständen entdeckte Euan N.K. Clarkson auf einem Sandstein den Abdruck eines vollständigen "Conodontentieres". Der Stein befand sich schon seit langer Zeit in einer Museumssammlung in Edinburgh und war also ein klassischer Museumsfund - ein schönes Beispiel für die fundamentale Bedeutung von musealem Sammeln und Bewahren. Clarkson entdeckte den Abdruck eines vier Zentimeter langen, wurmähnlichen Organismus. Der Körper wurde von einem inneren elastischen Stützorgan (Chorda dorsalis) durchzogen. Das Conodontentier war also ein so genanntes "Chordatier" ohne verknöcherte Wirbelsäule und Schädel - ein Verwandter der Wirbeltiere.

Am Kopfende befanden sich zwei große Augen sowie ein Apparat aus spiegelsymmetrisch angeordneten Zähnchen, den Conodonten. Diese waren entsprechend ihrer Funktion im "Fressapparat" verschieden geformt. Zusammenhängende Conodonten-Apparate findet man in der Regel nur dann, wenn das komplette Tier als Fossil erhalten ist.

Am Institut für Paläontologie widmet man sich schon lange der Erforschung der winzigen Kegelzähne und ihrer längst ausgestorbenen Besitzer. Ein Bonner Wissenschaftler erhielt dafür im Jahr 2003 gar eine bedeutende Auszeichnung: Die "Pander Society", eine internationale Vereinigung von Paläontologen zur Erforschung der Conodonten, ehrte Professor Klaus Jürgen Müller für herausragende Verdienste um die Erforschung von Conodonten.

Kontakt:
Dr. Sandra Kaiser
Institut für Paläontologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-4682
E-Mail: sakaiser@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.museen.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Fossil Gestein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

nachricht Wasser - der heimliche Treiber des Kohlenstoffkreislaufs?
17.01.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik