Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ruskin und Turner im Dienste der Glaziologie

23.01.2008
Gemälde als Wegweiser zur Klimageschichte

Anhand historischer Dokumente (Fotos, Gemälde, Texte usw.) haben Forschende der Universität Bern mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds die Ausdehnungen des Gletschers Mer de Glace in Chamonix (Frankreich) zwischen 1570 und 2003 rekonstruiert. Mit diesem Ansatz lassen sich neue Erkenntnisse zu den klimatischen Veränderungen in der Kleinen Eiszeit gewinnen, zu der noch keine gesicherten wissenschaftlichen Messdaten vorliegen. Die Wissenschafter wollen diese Methode nun auch bei anderen Gletschern in den Alpen und in Skandinavien anwenden.


Ausdehnung des Mer-de-Glace-Gletschers in den Jahren 1644 (grün), 1821 (rot) und 1895 (orange). Zwischen 1821 und 1895 zog sich der Gletscher um 1,2 Kilometer zurück. S. Nussbaumer/SNF

Die Veränderung der Ausdehnung von Gletschern ist ein aussagekräftiger Klimaindikator. Diese Schwankungen liefern nicht nur wertvolle Orientierungspunkte für die Bestimmung des Klimas in der Vergangenheit, sondern auch für eine Einschätzung der Folgen des bevorstehenden Klimawandels. Eigentliche wissenschaftliche Messdaten sind jedoch erst für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts verfügbar, also für das Ende der Kleinen Eiszeit. In dieser Kälteperiode, die vom Ende des Mittelalters bis zur Ende des 19. Jahrhunderts dauerte, stiessen die imposantesten Alpengletscher bis in die grossen Alpentäler vor. Um die Dimensionen der Gletscher in früheren Abschnitten dieser Epoche in Erfahrung zu bringen, braucht es indirekte Methoden.

Anhand historischer Aufzeichnungen (Skizzen, Bilder, Fotos, topografische Karten, Berichte und Beschreibungen zum Chamonix-Tal) haben nun Forschende des Geographischen Instituts der Universität Bern mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds das Vorrücken und Zurückweichen des Mer de Glace in Chamonix (F) im Zeitraum 1570-2003* genau bestimmt. Zusätzlich haben sie diese Daten mit den Schwankungen des Unteren Grindelwaldgletschers verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Ausdehnung der beiden Gletscher während der Kleinen Eiszeit synchron veränderte - trotz unterschiedlicher geographischer und klimatischer Bedingungen.

... mehr zu:
»Eiszeit »Gletscher

Aufschlussreiche Skizzen

Zur Bestimmung der Schwankungen des Mer de Glace hat das Geografenteam mehr als 150 Aufzeichnungen unter die Lupe genommen. Mit topografischen Elementen wie Weiler, Hügel oder Felsaufschlüsse als Bezugspunkte übertrugen sie dann die Umrisse der Gletscherzunge auf eine Karte. Dieser Einbezug von Geschichtsdokumenten gestaltet sich komplizierter, als es scheinen mag. Nur Aufzeichnungen, die drei Kriterien erfüllen, werden berücksichtigt: Erstens muss klar sein, wann das Beweisstück entstand, und vor allem, wann sich der Künstler oder die Künstlerin dort aufhielt. Bei einem Bild zum Beispiel können zwischen der ersten Skizze vor Ort und dem letzten Pinselstrich in Atelier Monate oder sogar Jahre liegen. Zweitens muss es sich um eine wahrheitsgetreue, topografisch korrekte Abbildung oder Beschreibung handeln. Schliesslich muss sich der Standort, von dem aus das Dokument anfertigt wurde, lokalisieren lassen, was genaue Kenntnisse des Geländes voraussetzt.

Zum Teil wurden auch Werke berühmter Künstler wie John Ruskin und William Turner analysiert. Besonders nützliche Hinweise bargen jedoch Zeichnungen und Bilder von Jean-Antoine Linck und Samuel Birmann, Fotografien der Brüder Bisson sowie Karten von James David Forbes und Eugène Viollet-le-Duc. Die mit Anmerkungen und Kommentaren ergänzten Skizzenhefte erwiesen sich als wahre Fundgrube.

Vorzeigegletscher

Nicht allen Gletschern lassen sich jedoch mit der beschriebenen Methode die Geheimnisse ihrer Vergangenheit entlocken. Nur zu den bekanntesten und am leichtesten zugänglichen Eisgiganten sind genügend Aufzeichnungen vorhanden. Die meisten davon befinden sich in den Alpen, einige aber auch in Skandinavien. Das Mer de Glace - das "Eismeer" - zog bereits im 18. Jahrhundert die Reisenden in seinen Bann. Die Zunge des Gletschers reichte damals noch weit bis ins Chamonix-Tal hinein, und die durch das Vorrücken verursachten Schäden sorgten für Aufsehen bei Gästen und Bevölkerung. Entsprechend umfangreich sind die Unterlagen zum "Eismeer". Noch heute bestaunen jedes Jahr Tausende von Touristen den Gletscher.

Das Mer de Glace ist der grösste Gletscher der westlichen Alpen. Er liegt im Montblanc-Massiv, erstreckt sich zwischen 4000 und 1500 Metern Höhe über eine Länge von 12 Kilometern und bedeckt eine Fläche von 32 km2. Zwischen 1570 und 2003 bewegte er sich mehrmals vor und zurück. Die maximale Ausdehnung erreichte er 1644. Bei diesem Vormarsch zerstörte der Gletscher die Weiler Châtelard und Bonanay; erst an den Toren des Weilers Bois machte er halt. Andere Höchstwerte wurden 1600, 1720, 1778, 1821 und 1852 registriert. Seither zieht sich das Mer de Glace mehr oder weniger kontinuierlich zurück. Das Eismeer ist heute vom Tal aus nicht mehr zu sehen - innerhalb von 150 Jahren ist es um zwei Kilometer geschrumpft.

Vergleich mit Skandinavien

Nachdem sich der historische Ansatz bewährt hat, will das Berner Forschungsteam seine Arbeiten nun auf weitere Gletscher in den Alpen und Skandinavien ausdehnen. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Bewegten sich die Gletscher in Skandinavien zeitgleich mit den Gletschern der Alpen vor und zurück? Wo ergaben sich Abweichungen? Die Antworten auf diese Fragen werden wertvolle Einblicke in die Kleine Eiszeit und ihre Klimaschwankungen ermöglichen.

*Nussbaumer S.U., Zumbühl H.J., Steiner D.: Fluctuations of the "Mer de Glace" (Mont Blanc area, France) AD 1500-2050: an interdisciplinary approach using new historical data and neural network simulations. Zeitschrift für Gletscherkunde und Glazialgeologie, Bd. 40, 2007

Kontakt:
Prof. Dr. Heinz J. Zumbühl
Geographisches Institut, Klimatologie und Meteorologie
Hallerstrasse 12, CH-3012 Bern
Tel. +41 (0)31 631 85 51, E-Mail: zumbuehl@giub.unibe.ch
Samuel Nussbaumer
Geographisches Institut, Klimatologie und Meteorologie
Hallerstrasse 12, CH-3012 Bern
Tel. +41 (0)31 631 85 51, E-Mail: samuel.nussbaumer@giub.unibe.ch

| idw
Weitere Informationen:
http://www.giub.unibe.ch/~snus/glacier.htm
http://www.snf.ch

Weitere Berichte zu: Eiszeit Gletscher

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Open Science auf offener See
19.01.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Bisher älteste bekannte Sauerstoffoase entdeckt
18.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

CES Innovation Award für kombinierte Blick- und Spracheingabe im Auto

23.01.2018 | Förderungen Preise

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics