Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Anstieg des Meeresspiegels schneller und höher als erwartet?

17.12.2007
Tübinger Geologen legen neue Ergebnisse in "Nature Geoscience" vor

In Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung stellt das Ausmaß des Meeresspiegelanstiegs eine der größten Unsicherheiten dar. In der neuesten Ausgabe von "Nature Geoscience" dokumentiert eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universitäten Tübingen, Southampton, Cambridge und New York zum ersten Mal einen durchschnittlichen Anstieg des Meeresspiegels von 1,60 Metern innerhalb von 100 Jahren während der letzten Warmphase unseres Planeten (vor circa 124.000 bis 119.000 Jahren).

Aufgrund einer unterschiedlichen Konfiguration der Erdbewegung um die Sonne war das Klima damals wärmer als heute. Durch das Abschmelzen enormer Volumen des Grönland- und Antarktis-Eises erreichte der Meeresspiegel einen höchsten Stand von circa sechs Metern über dem heutigen. Die neuen Resultate zeigen zum ersten Mal, wie schnell der Meeresspiegel diesen Höchststand erreichte.

Mit Hilfe einer neuen Methode haben die Autoren versucht, eine Rekonstruktion des Meeresspiegelanstiegs für die letzte Warmzeit im Roten Meer zu erstellen. Zu dieser Zeit war es in Grönland etwa drei bis fünf Grad Celsius wärmer als heute. Eine ähnliche Erwärmung wird in 50 bis100 Jahren erwartet. Die Analyse der Tiefseesedimente, die als Klimaarchiv benutzt wurden, ergab, dass der Meeresspiegelanstieg, bezogen auf den Eisvolumenverlust in Grönland und der Antarktis, tatsächlich sehr hoch war. Die durchschnittliche Zunahme von 1,60 Metern innerhalb von 100 Jahren ist etwa zweimal so hoch wie das geschätzte Maximum des IPCC Berichts zum Klimawandel und bietet daher ein mögliches Szenario, das im Extremfall eintreten könnte. Für sichere Prognosen sind weitere Daten über Klimaprozesse der Vergangenheit notwendig. Ebenso müssen dynamische Eisprozesse in die Modellrechnungen einbezogen werden, um Klimaveränderungen verstehen zu können.

Klimarekonstruktionen aus Tiefseesedimentkernen und deren Zusammensetzung, vorwiegend Mikrofossilien, sind seit vielen Jahren ein wichtiger Forschungschwerpunkt der Mikropaläontologen am Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen. Die Basis dafür bildet eine ausgezeichnete Sammlung von Sedimentkernen aus der Region des Mittelmeers, des Roten und des Arabischen Meeres, die bei Ozeantiefbohrungen gewonnen wurden und in modernen Kühllagern in Tübingen aufbewahrt sind.

Prof. Eelco Rohling, Southampton, Erst-Autor der Publikation kommentiert die Ergebnisse: "Heute wird eine zum Teil sehr aggressive Debatte über die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs geführt. Unsere Ergebnisse sind starke Argumente dafür, dass die sich aus Modellrechnungen ergebenden Daten und damit die Prognosen, die im IPCC-Bericht zum Klimawandel (IPCC Fourth Assessment) stehen, zu niedrig sind. Dies könnte daran liegen, dass diese Abschätzungen hauptsächlich die Ausdehnung und das Abschmelzen des Eises an der Oberfläche berücksichtigen, nicht aber den Einfluss dynamischer Eisschichtenprozesse mit einbezogen haben. Bis heute sind keine zufriedenstellenden Daten vorhanden, die den Meerespiegelanstieg in seiner vollen Komplexität erfassen und erklären könnten."

Kontakt:

Prof. Michal Kucera, Prof. Christoph Hemleben
Institut für Geowissenschaften
Sigwartstr. 10
72076 Tübingen
Tel.: (07071) 29-74674
michal.kucera@uni-tuebingen.de
http://www.micropal.uni-tuebingen.de/
Publikation:
Rohling, E.J., Grant, K., Hemleben, Ch., Siddall, M., Hoogakker, B.A.A., Bolshaw, M., Kucera, M. High rates of sea-level rise during the last interglacial period. Nature Geoscience. DOI: 10.1038/ngeo.2007.28

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.micropal.uni-tuebingen.de/

Weitere Berichte zu: Klimawandel Meeresspiegel Meeresspiegelanstieg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Der steile Aufstieg der Berner Alpen
24.03.2017 | Universität Bern

nachricht Internationales Team um Oldenburger Meeresforscher untersucht Meeresoberfläche
21.03.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise