„Giftmüll“-Papiere und die Finanzkrise. Regensburger Wissenschaftler legen Risikoanalyse vor

Die Krise hat ihren Ursprung in der Immobilienblase am US-amerikanischen Häusermarkt in Verbindung mit der Verbriefung von Hypothekendarlehen an Subprime-Schuldner, d.h. Schuldner mit geringer Bonität.

Eine Risikoanalyse, die von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lehrstuhls für Statistik der Universität Regensburg um Prof. Dr. Alfred Hamerle durchgeführt wurde, offenbart in diesem Zusammenhang fundamentale Fehleinschätzungen bestimmter Risiken. Die Regensburger Untersuchung zeigt, dass der Handel mit Hypothekendarlehen an Subprime-Schuldner zu falschen Anreizen und fatalen Entwicklungen geführt hat, die letztendlich für das enorme Ausmaß der entstandenen Verluste mitverantwortlich waren.

Angesichts der erheblichen Verwerfungen an den internationalen Finanzmärkten wird aus Sicht der Regensburger Forscher deutlich, dass der Identifikation und Messung der Risikoeigenschaften dieser Produkte eine zentrale Bedeutung zukommt. Offensichtlich wurden im Vorfeld der Krise wesentliche Risikocharakteristika der Produkte falsch eingeschätzt und ihre potentiellen Vorzüge überbewertet. Viele Investoren haben diese Papiere wie Industrieanleihen (Corporate Bonds) betrachtet und sich vollständig auf die Bonitätseinschätzungen der Ratingagenturen verlassen. Dabei wurden aber andere Risiken, die aus den Ratingeinstufungen nicht hervorgehen, übersehen bzw. ignoriert. Der Grundsatz, dass man als Investor stets selbst in der Lage sein sollte, ein Wertpapier zu bewerten und seinen Preis zu bestimmen, wurde sträflich außer Acht gelassen.

Eine detaillierte Analyse der Risiken dieser komplexen Finanzprodukte ist nach Meinung der Wissenschaftler deshalb sowohl für ein adäquates Risikomanagement als auch zur Vermeidung der Wiederholung einer solchen Krise zwingend notwendig. Die Analysen der Regensburger Wirtschaftswissenschaftler sind vor kurzem in einem englischsprachigen Sammelband erschienen (s. u. Literatur). Ein weiterer Beitrag wird in Kürze im Wissenschaftsmagazin „Blick in die Wissenschaft“ veröffentlicht, das von der Universität Regensburg herausgegeben wird.

Zum Hintergrund:
Noch bis kurz vor dem Platzen der großen Immobilienblase konnten speziell mit Krediten an Schuldner mit geringer Bonität deutlich höhere Renditen erzielt werden als mit Standard-Hypothekendarlehen. Der Anteil der Subprime-Darlehen in den USA stieg von 7,2 % der neu vergebenen Hypothekenkredite im Jahr 2001 auf 20,6 % der neu vergebenen Hypothekenkredite im Jahr 2006. Um ständig neue Kunden gewinnen zu können, wurden die Kreditvergabestandards dramatisch gesenkt. Es wurden Kredite an Schuldner ohne Bonität vergeben, die diese „im Normalfall“ kaum zurückzahlen konnten.

Im Zuge der Immobilienkrise in den USA wurden die Bestände an schlechten Krediten plötzlich „sichtbar“ und es kam zu rasch steigenden Verlusten bei den entsprechenden Verbriefungen. Völlig unerwartet für viele Investoren stuften die sogenannten Rating-Agenturen (z.B. Standard & Poors, Moody`s oder Fitch) die Ratings von hunderten von Papieren um mehrere Punkte herunter und aus zunächst gut bewerteten Finanztiteln wurde „Giftmüll“ bzw. „hochtoxische“ Papiere, wie den Schlagzeilen der Tagespresse zu entnehmen war. Für komplexe Wertpapier-Produkte ist die Bewertung durch Rating-Agenturen von zentraler Bedeutung. Als Folge ergaben sich deshalb dramatische Wertverluste in den Bilanzen von Banken und Investoren.

Literatur:
Martin Donhauser, Alfred Hamerle, Kilian Plank, Quantifying Systematic Risks in a Portfolio of Collateralised Debt Obligations, in: Daniel Rösch, Harald Scheule (Hrsg.), Model Risk – Identification, Measurement and Management, London 2010, S. 457–488
Ansprechpartner für Medienvertreter:
Prof. Dr. Alfred Hamerle
Universität Regensburg
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Tel.: 0941 943-2570
Alfred.Hamerle@wiwi.uni-regensburg.de

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