Frauen in der industriellen Forschung Europas unterrepräsentiert – die Unternehmen wollen dies ändern

Trotz des wachsenden Anteils weiblicher Graduierter sind insgesamt nur 15 % der Frauen in der Industrieforschung tätig. Über 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in Berlin zusammen, um das Thema „Frauen in der industriellen Forschung – Mehr Schwung für Europa“ zu erörtern. Die gemeinsam mit dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung veranstaltete Konferenz ist ein entscheidender Schritt in der EU-Strategie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen in der industriellen Forschung in Europa zu fördern. Auf der Grundlage des Berichtes „Frauen in der Industriellen Forschung – Ein Alarmsignal für Europas Unternehmen“ wurden die Ergebnisse einer europäischen Studie über Statistiken, Fallstudien und die Strategien verschiedener Länder und Unternehmen sowie nachahmenswerte Beispiele vorgestellt und diskutiert. Das Ziel der Konferenz bestand in der Entwicklung möglicher Handlungsperspektiven, um gemeinsam mit den Unternehmen Frauen in der industriellen Forschung zu fördern: Eine Gruppe von Unternehmensleitern präsentierte in Berlin ihre Vorstellungen, wie Frauen stärker an der Industrieforschung beteiligt werden können.

„Frauen in der Industrieforschung sind ein vernachlässigtes Potenzial. Nur 15 % der 500.000 in der Industrie tätigen Forscher in Europa sind Frauen“ stellt das für Forschung zuständige Kommissionsmitglied, Philippe Busquin, fest. „Wenn Europa sein selbst gestecktes Ziel erreichen will, bis 2010 3 % seines Bruttoinlandsprodukts in die Forschung zu investieren, müssen wir alle Ressourcen mobilisieren – vor allem die Frauen, die zwar wissenschaftlich ausgebildet sind, doch möglicherweise nicht mehr arbeiten, weil sie von den Unternehmen und der Gesellschaft nicht unterstützt werden. Dies kann es für Frauen unmöglich machen, ihr Berufs- und Privatleben zu vereinbaren. Noch auffallender ist die Tatsache, dass die Mitgliedstaaten mit einer, absolut gesehen, sehr hohen Zahl von Wissenschaftlern den prozentual niedrigsten Anteil von Frauen in der Industrieforschung haben.“

Frauen sind gut in der Forschung – bekommen aber keine Jobs

Hinter dem Durchschnitt von 15 % (gestützt auf die 10 Länder, in denen geschlechtsdifferenzierte Daten erhoben werden), verbergen sich große nationale Unterschiede: von 24 % in Portugal bis zu einem so geringen Anteil wie 9 % in Österreich oder 9,6 % in Deutschland, auf das etwa 150.000 (d. h. ein Drittel) aller in der Industrie tätigen Forscher in der Gemeinschaft entfallen. In den Beitrittsländern ist der Anteil der Frauen in der Industrieforschung höher (25,8 %), bei einer allerdings kleinen Bevölkerungszahl. So erhöht sich, alle 25 europäischen Länder zusammengenommen, der Anteil im Vergleich zur EU15 nur um 1 % auf 15,9 %.

Im Jahr 2000 wurden in der EU 30 % aller Hochschulabschlüsse in den Natur- und Ingenieurwissenschaften von Frauen erzielt. In den letzten Jahren stieg deren Zahl ebenso wie die Gesamtzahl der Absolventen, doch kann nicht behauptet werden, dass das Problem bei der Qualifikation liegt. So haben nur 78 von 100 hoch qualifizierten Frauen einen Arbeitsplatz, bei ihren männlichen Kollegen sind es 87.

Statistik

Der heute veröffentlichte Bericht “Women in industrial research: Analysis of statistical data and good practices of companies” (Frauen in der industriellen Forschung: Analysen der statistischen Daten und nachahmenswerte Beispiele von Unternehmen), enthält die Ergebnisse statistischer Analysen der Situation von Frauen in der Industrieforschung. Die Daten wurden in den Mitgliedstaaten der EU, in den Beitrittländern und assoziierten Ländern erhoben, befassen sich aber auch mit der Situation in anderen OECD-Ländern wie den USA, Kanada und Japan. Darüber hinaus nennt und beschreibt der Bericht dreißig nachahmenswerte Beispiele, wie im privaten Forschungssektor Frauen stärker beteiligt und ihre Karriere besser gefördert werden können.

Unternehmen in Europa gehen mit gutem Beispiel voran

Viele Unternehmen haben die Notwendigkeit erkannt, dass sie das Potenzial ihrer Forscherinnen, die vorübergehend ihre wissenschaftliche Karriere unterbrechen, stärker mobilisieren müssen. In den einzelnen europäischen Ländern gibt es unterschiedliche Initiativen. Offenheit und Transparenz in der Unternehmenskultur sind Voraussetzung für die Entwicklung und Förderung von Personal. Die Erhebung und Veröffentlichung von Daten über die Position und die Rolle von Frauen in Unternehmen sind ein erster Schritt auf dem Weg zu einer echten Gleichstellung, vor allem in der Forschung.

Auf der Konferenz legte die Kommission eine neue Broschüre vor „Women in industrial Research – Good Practices in companies across Europe“ (Frauen in der industriellen Forschung – Nachahmenswerte Beispiele in europäischen Unternehmen). Sie enthält eine Reihe von Fallstudien, gestützt auf Daten, die im Rahmen einer von der Europäischen Kommission, der WIR-Expertengruppe und der European Industrial Research Management Association (EIRMA) durchgeführten Umfrage erhoben wurden.

Die vorgestellten Beispiel erstrecken sich auf viele Initiativen auf den Gebieten Einstellung, Vernetzung, Mentoring, Monitoring, Vielfalt, Flexibilität und familienfreundliche Politik. Der Bericht enthält auch Interviews, die mit Wissenschaftlerinnen zu verschiedenen Zeitpunkten ihrer Karriere sowie mit Personalvertretern führender F&E-Unternehmen geführt wurden. Der Bericht gibt Unternehmen und Arbeitgebern Anregungen für die praktische Umsetzung, wie das Potenzial ihrer Forscherinnen gehalten werden kann und sie damit ihre Wettbewerbsposition festigen können.

Engagement der CEO-Gruppe

Die Industrie hat den Ball aufgegriffen, der ihr durch den von der Kommission Anfang des Jahres erstmals vorgelegten alarmierenden Bericht zugespielt wurde. Kommissionsmitglied Busquin hat Herrn Andrew Gould, CEO von Schlumberger Frankreich, gebeten, eine Gruppe von CEO zu bilden, die bereit sind, die Situation der Wissenschaftlerinnen in ihren Unternehmen zu verbessern. Die Kommission begrüßt diese Initiative sehr und wird sie unterstützen.

Die Konferenz

Die Themenschwerpunkte der Berliner Konferenz waren:

  • Junge Wissenschaftlerinnen – Wie können mehr junge Frauen für Karrieren in der industriellen Forschung motiviert werden?
  • Karrieren von Frauen in der industriellen Forschung und positive Beispiele aus Unternehmen
  • Stärkung der Beteiligung von Frauen an Innovationen und Unternehmensgründungen
  • Verbesserung der Informationsgrundlage über die Situation von Frauen in der industriellen Forschung
  • Frauen in Spitzenpositionen in der industriellen Forschung
  • Die Bedeutung von Rollenbildern, Netzwerken und Mentoring

Die Konferenzunterlagen werden Anfang nächsten Jahres zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen zur Konferenz und den entsprechenden Maßnahmen können unter folgender Internetseite abgerufen werden:
http://www.wir-conference.de

Berichte über „Frauen in der Industrieforschung“
Die folgenden Berichte über Frauen in der Industrieforschung sind auf Englisch in gedruckter bzw. elektronischer Form über folgende Internetseite abrufbar: http://europa.eu.int/comm/research/wir:

  • Bericht der hochrangigen Expertengruppe: “Frauen in der industriellen Forschung – Ein Alarmsignal für Europas Unternehmen”, Helga Rübsamen-Waigman et al. (eds.); jetzt auch auf Deutsch und Französisch erhältlich, 76 Seiten
  • Studie: “Women in Industrial Research – Analysis of statistical data and good practices in companies”, Danièle Meulders et al. (eds.), 164 Seiten
  • Nachahmenswerte Beispiele: “Women in Industrial Research – Good practices in companies across Europe”, 32 Seiten

    Zum Thema “Frauen und Wissenschaft” finden Sie mehr unter:
    http://europa.eu.int/comm/research/science-society/women-science/women-science_en.html

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