Niedrige Löhne – hohe Beschäftigung? Augsburger Studie bestätigt Zweifel

Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (rechts) eröffnet zusammen mit Industriepartnern, hier Dr. Klaus Enßlin, Vorstand des Raumfahrtunternehmens Astrium, den internationalen Kongress für Satellitennavigation "Mercatorpark" in München.


Vernachlässigung der Innovationstätigkeit aufgrund mangelnden Lohndrucks gefährdet langfristig positive Beschäftigungsentwicklung –

Dass Lohnzurückhaltung seitens der Gewerkschaften wesentliche Voraussetzung erfolgreicher Beschäftigungspolitik sei, gilt dem ökonomischen Mainstream als Binsenweisheit. Als positives Beispiel wird gerne das niederländische „Poldermodell“ angeführt. Wer, wie z. B. der Delfter Ökonom Alfred Kleinknecht, die langfristige Tragfähigkeit dieses Modells frühzeitig bezweifelte, galt als Außenseiter. Mittlerweile scheint allerdings nicht nur eine besorgniserregende volkswirtschaftliche Entwicklung in den Niederlanden solchen Außenseitern Recht zu geben. Eine jetzt am Augsburger Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre/Innovationsökonomik abgeschlossene Studie untermauert vielmehr auch in einem mathematischen Modell, dass die durch Lohnkostenmäßigung kurzfristig zu erzielende positive Beschäftigungsentwicklung mittel- und langfristig durch die negativen Auswirkungen einer komplementären Vernachlässigung der Innovationstätigkeit zunichte gemacht wird. Langfristig sind durch Lohnzurückhaltung negative Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation zu befürchten.

Die wirtschaftspolitische Situation in nahezu allen industrialisierten Volkswirtschaften ist seit nunmehr zwei Jahrzehnten durch eine andauernde Beschäftigungsproblematik gekennzeichnet. Dessen ungeachtet besteht innerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion nach wie vor Uneinigkeit darüber, mit welchem wirtschaftspolitischen Instrumentarium der Beschäftigungskrise begegnet werden kann.

DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN

Vom ökonomischen Mainstream werden die üblichen Verdächtigen wie technischer Fortschritt, Strukturwandel und Lohnkosten für ein unbefriedigendes Beschäftigungsniveau verantwortlich gemacht. Dementsprechend wird als positives Beispiel für eine erfolgreiche Beschäftigungspolitik gerne auf das sog. „Poldermodell“ aus den Niederlanden verwiesen. In Holland konstituierte bereits 1982 der „Vertrag von Wassenaar“ einen von den wichtigsten gesellschaftlichen Gruppen getragenen Kompromiss, dessen Kerninhalte Lohnzurückhaltung insbesondere von Seiten der Gewerkschaften und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes – z. B. eine massive Ausdehnung von Teilzeitarbeitsplätzen etc. – sind.

FEHLENDE MODERNISIERUNGSMOTIVATION

In jüngster Zeit stellen allerdings besorgniserregende Entwicklungen in den Niederlanden gerade diesem „Poldermodell“ kein gutes Zeugnis aus. Durch die Konzentration auf die Lohnkosten und deren nur weit unterhalb des Produktivitätswachstums liegende Zuwachsraten konnte einerseits zwar – in Zeiten, in denen andere Volkswirtschaften beinahe jährlich mit neuen Höchstständen in ihren Arbeitslosenquoten aufwarteten – kurzfristig neue Beschäftigung geschaffen werden. Auf der anderen Seite zeigt sich heute, dass die holländischen Unternehmen nur unzureichend in die Modernisierung ihrer Produktionsanlagen und -technologien investiert haben. Die holländischen Fabriken waren aufgrund der relativ niedrigeren Kosten über eine längere Zeit wirtschaftlich. Vor dem Hintergrund einer intensiven internationalen Verflechtung verschärft sich die daraus entstehende Problematik für die holländische Volkswirtschaft zusätzlich. So sind gerade Produktionsanlagen von multinationalen Konzernen in den Niederlanden durch die sich jetzt abzeichnende konjunkturelle Abschwächung von der Schließung bedroht. Während höhere Lohnkosten an anderen Standorten zu Rationalisierungs- und Verbesserungsinvestitionen geführt haben, wurden entsprechende Anstrengungen in Holland vernachlässigt. In der Konsequenz geraten die vergleichsweise älteren holländischen Produktionsstätten bei Auslastungsproblemen als erste in Schwierigkeiten.

Gerade der auch von der Mainstream-Ökonomik als Hauptursache für die anhaltende Arbeitslosigkeit identifizierte Strukturwandel zeichnet sich in der industrialisierten Welt vor allem durch einen Wandel hin zur wissensbasierten Gesellschaft aus. Neue Technologien sind der Motor für wirtschaftliche Dynamik und für jenes wirtschaftliche Wachstum, das als conditio sine qua non für einen zufriedenstellenden Beschäftigungsgrad gilt. Vor diesem Hintergrund drängen sich modifizierte Erklärungsansätze für das Problem einer niedrigen Beschäftigung auf, und dementsprechend kommen auch andere Lösungsansätze in den Blick.

INNOVATIONSDRUCK DURCH HÖHERE LOHNKOSTEN

Im Rahmen der auf Fragen des wirtschaftlichen Wandels und der technologischen Entwicklung konzentrierten Forschungen am Augsburger Lehrstuhl für Innovationsökonomik (Prof. Dr. Horst Hanusch) haben Bernd Ebersberger und Andreas Pyka mit der Studie „Innovation, Sectoral Employment and Wages“ nun solch einen alternativen Erklärungsansatz formuliert, der in der Lage ist, auch langfristige Phänomene in die Analyse mit einzubeziehen. Dabei zeigt sich, dass Lohnkostenmäßigung in der kurzen Frist durchaus die von ihr erwartete positive Beschäftigungsentwicklung anstoßen kann; mittelfristig und auf lange Sicht wird dieser positive Effekt jedoch von den negativen Auswirkungen einer vernachlässigten Innovationstätigkeit gefährdet, wenn nicht sogar überkompensiert. Anders formuliert: Branchen, die nicht kurzfristig von Lohnzurückhaltung profitieren können, stehen unter einem erhöhten Druck, die höheren Kosten über innovative Produktionstechnologien und neue Produkte auszugleichen. Auf volkswirtschaftlicher Ebene wirkt sich diese Strategie in Form eines vergleichsweise höheren Beschäftigungswachstums aus.

Ebersberger und Pyka sind in der Lage, in einem mathematischen Modell jene Entwicklungen abzubilden, die Alfred Kleinknecht von der technischen Universität in Delft in seiner Kritik am sog. „Poldermodell“ seit geraumer Zeit betont. Aufgrund seiner Skepsis gegenüber der Wirksamkeit dieses holländischen Modells wurde Kleinknecht über Jahre hinweg in eine Außenseiterrolle gedrängt. In Verbindung mit den jüngsten wirtschaftlichen Daten aus den Niederlanden lassen die Ergebnisse von Ebersberger und Pyka Kleinknechts Zurückhaltung gegenüber einer einseitig auf Lohnmäßigung focussierten Politik als durchaus gerechtfertigt erscheinen.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Bernd Ebersberger/Dr. Andreas Pyka, Lehrstuhl für Innovationsökonomik,
Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Augsburg, 86135 Augsburg,
Telefon 0821/598-4177 oder -4178, 
bernd.ebersberger@wiso.uni-augsburg.de
, andreas.pyka@wiso.uni-augsburg.de

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Klaus P. Prem idw

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