Unbemerkt durchs Internet surfen


FU-Informatiker entwickelt eine "virtuelle Tarnkappe"

Wer im Internet surft, hinterlässt Spuren. Anhand der Internet-Protokoll-Nummer (IP-Nummer), die jeden in Verbindung zum Internet stehenden Computer eindeutig identifiziert, lässt sich nachvollziehen, welcher Internet-Benutzer wann welche Seiten aufgerufen hat. Bisher jedenfalls: Denn ein Forscherteam um den FU-Gastprofessor Dr. Hannes Federrath hat ein Programm entwickelt, das jedem Surfer ermöglicht, seine Datenspuren im Internet zu verwischen.

Wählt man sich über Java Anon Proxy (JAP), so der Name der Software, ins Internet ein, wird jede Anfrage mehrfach verschlüsselt an den Webserver geschickt. Die Verschlüsselung erfolgt durch mehrere hintereinander geschaltete "Anonymisier-Stationen". Diese sammeln zunächst Nachrichtenpakete von mehreren Nutzern, bevor sie sie umkodiert und umsortiert weiterleiten. Da der Anonymitätsdienst von vielen Kunden gleichzeitig genutzt wird, werden die Internetverbindungen jedes Einzelnen in der Masse versteckt: So kann nicht einmal der Betreiber des Anonymitätsdienstes sagen, welcher Nutzer welche Internetseite aufgerufen hat.

Welchen Nutzen das Ganze hat? Zunächst einmal schützt es vor unliebsamer Werbung. Immer mehr Firmen lassen von professionellen Datensammlern Persönlichkeitsprofile von Internet-Usern erstellen, mit deren Hilfe sie dann gezielt werben können. Ein Beispiel: Wenn jemand online eine Eintrittskarte für die CeBIT ordert, eine Pizza Calzone anfordert und ein als Geschenk verpacktes Buch bestellt, so könnte es sich um einen stressgeplagten IT-Fachmann handeln, der auch an einem Last-Minute-Flug auf die Bahamas interessiert ist.

Dr. Hannes Federrath geht jedoch noch weiter: Er hält es für denkbar, dass in Zukunft Lebensversicherungen vor einem Vertragsabschluss Erkundigungen über ihre Kunden einholen: "Stellen Sie sich vor, Sie haben zuvor zufällig im Internet Informationen über eine schwere Krankheit gesucht, an der ein Freund von Ihnen leidet. Vielleicht wird Ihnen dann nur noch ein ungünstiger Tarif angeboten." Solch einen Datenmissbrauch zu verhindern, ist das Ziel von Java Anon Proxy, das im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekts "Anonymität im Internet" entstanden ist und zusammen mit dem Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein durchgeführt wird.

Dass der von JAP benutzte Verschlüsselungscode von Computer-Spezialisten "geknackt" werden könnte, hält Dr. Federrath für unwahrscheinlich: "Der von uns verwendete AES-Algorithmus ist nach menschlichem Ermessen derzeit nicht zu dechiffrieren", so der Internet-Experte. Da bereite ihm schon eher Sorgen, dass die "Tarnkappe für das Internet" missbraucht werden könnte. So sei, um nur ein harmloses Beispiel zu nennen, durchaus vorstellbar, dass Internet-Surfer unerkannt Chatrooms beträten und die dort Anwesenden beleidigten. Für etwaige kriminelle Handlungen fühlt sich Dr. Federrath jedoch nicht verantwortlich: "Uns ist klar, dass der Schutz der Identität auch missbraucht werden kann. Über unseren Dienst werden Daten transportiert, für deren Inhalt wir nicht verantwortlich sind", so der Informatiker. Wenn die Post eine Briefbombe befördere, mache sie sich ja auch nicht schuldig. Trotzdem halte er eine öffentliche Diskussion darüber, wie viel Anonymität im Internet sinnvoll ist, und mit welchen Mitteln bei der Strafverfolgung vorgegangen werden kann, für wichtig.

Mit dem Thema Datenschutz beschäftigt sich Dr. Federrath bereits seit einigen Jahren. So promovierte er 1998 an der Technischen Universität Dresden über die Sicherheit mobiler Kommunikation. "Die Privatsphäre eines Menschen ist ungeheuer wichtig", meint der Informatiker. "Jeder sollte die Kontrolle darüber behalten können, wer was von ihm weiß." Nach einem einjährigen Forschungsaufenthalt am International Computer Science Institute Berkeley, Kalifornien, kam der Internet-Fachmann im WS 2000/2001 als Gastprofessor an die Freie Universität Berlin.

Zurzeit ist eine Testversion von Java Anon Proxy als kostenloses Download-Programm im Internet unter http://www.anon.inf.tu-dresden.de erhältlich. Seit ihrer Einrichtung im Dezember letzten Jahres ist die Seite von rund 160.000 Internet-Surfern besucht worden, ca. 2.000 Personen nutzen das Programm nach Schätzungen regelmäßig. Erste Gespräche über eine Vermarktung der Software haben bereits stattgefunden.

Thorsten Lichtblau

Nähere Informationen gibt Ihnen gern:
Dr. Hannes Federrath, Institut für Informatik der Freien Universität Berlin, Takustr. 9, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838-75169, Fax: 030/838-75109, E-mail: feder@inf.fu-berlin.de

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