Nordrhein-Westfalen in Europa: Den Strukturwandel ins Land holen


Vorschläge aus dem Institut Arbeit und Technik für eine strukturpolitische Internationalisierungsstrategie – Potenziale globaler Arbeitsteilung gezielt ausschöpfen

Die Chancen, die sich aus der Internationalisierung der Produktion für den Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen ergeben könnten, werden bisher kaum genutzt. Zwar ist das Land mit einem Volumen von 182,4 Milliarden DM 1999 immer noch Spitzenreiter im Export und liegt auch mit 26 Prozent Anteil an den ausländischen Direktinvestitionen vor den anderen Bundesländern. Die Außenwirtschaft spiegelt jedoch die traditionelle Industriestruktur wider – und damit auch die strukturellen Probleme des Landes. Auf den Wachstumsmärkten der Welt ist die Industrie des Landes mit ihrer Produktpalette kaum vertreten und von außen kommen relativ wenig Impulse zur Entwicklung der „neuen“, forschungsintensiven Branchen.

Zu diesem Schluss kommen Forschungsarbeiten des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) zum Zusammenhang von Strukturwandel und Internationalisierung. Chemie, Maschinenbau, Metallerzeugung und -verarbeitung und Automobilproduktion machten 1999 allein 65 Prozent des Exports aus. „Während die Exporte der Bundesrepublik in den vergangenen zehn Jahren um 53 Prozent zunahmen, wuchsen die Exporte aus NRW aber nur um 15 Prozent. Auch der deutliche Exportüberschuss signalisiert nur bedingt Stärke, da NRW zwar im mittleren (höherwertigen) Technikbereich stark ist, im wertschöpfungsintensiven Spitzentechnikbereich aber nicht mithalten kann“ stellen die IAT-Wissenschaftler Dr. Wolfgang Potratz und Brigitta Widmaier fest.

Die ausländischen Direktinvestitionen in NRW stiegen seit 1990 um 117,5 Prozent auf 95,7 Mrd. DM und liegen mit dieser Zuwachsrate deutlich über dem Bundesdurchschnitt (86,5 Prozent). Nordrhein-westfälische Direktinvestitionen im Ausland beliefen sich 1997 auf 121,3 Milliarden DM, ein Plus von 106,7 Prozent seit 1990 (Bund: +126,7). Die mit Abstand begehrtesten Objekte ausländischer Investoren sind jedoch die „klassischen“ Industrien, „neue“ Branchen mit hoher F+E-Intensität sind nur schwach vertreten.

Handel führt zu einer Arbeitsteilung entlang von Faktorintensitäten (z.B.: kapital- und technologieintensive Güter in Westeuropa, ressourcen- und arbeitsintensive Güter in Osteuropa) und „erzwingt Strukturwandel“, so die IAT-Wissenschaftler. Direktinvestitionen, längerfristig und strategisch angelegt, erlauben es, den Strukturwandel zu organisieren. Durch ihre Präsenz können die Unternehmen unmittelbar auf den jeweiligen Märkten agieren und die regionalen Potenziale des Gastlandes nutzen. Dabei geht es keineswegs immer nur um billige Produktionsstätten. Laut Statistik konzentrieren sich die Direktinvestitionen auf Europa und die USA, also auf Länder, in denen sich der Gewinn der Direktinvestitionen nicht aus Kosteneinsparungen, sondern aus innovativen Impulsen ergibt.

Direktinvestitionen ermöglichen also strategisches Handeln und machen damit den Strukturwandel beeinflussbar. Da „internationalisierte“ Unternehmen stabiler und wachstumsstärker sind als andere, wie empirische Untersuchungen zeigen, plädieren Potratz und Widmaier für eine strukturpolitische Strategie, die ganz bewusst auf die Internationalisierung der nordrhein-westfälischen Wirtschaft und insbesondere ihrer kleinen und mittleren Unternehmen setzt. Wesentliche Komponenten einer solchen Strategie sind eine Reduktion der Transaktionskosten der Internationalisierung und die Einbindung der Unternehmen in internationale Netzwerke. Solche Netzwerke bieten den Vorteil, dass die damit einhergehende Arbeitsteilung selbst beeinflusst und organisiert werden kann. Damit erweitern sich zeitliche Spielräume und es können konkrete Trajekte entwickelt werden, um die heimische Produktion zu reorganisieren.

Aktuell sind aus der Erweiterung des europäischen Wirtschaftsraumes nach Mittel- und Osteuropa neue Impulse zu erwarten. Der NRW-Export in diese Länder verfünffachte sich in den letzten zehn Jahren. Allerdings hat der Handel mit den MOE-Ländern, der für NRW derzeit etwa 10 Prozent ausmacht, nur dann Wachstumschancen, wenn sich das Niveau der gehandelten Güter angleicht. Direktinvestitionen und Netzwerke bieten die Möglichkeit, die sich langsam spezialisierenden industriellen Kerne der EU-Beitrittskandidaten in bestehende oder neue Produktionsketten zu integrieren. Aufgrund des qualifizierten Arbeitskräftepotenzials und einiger durchaus weltmarktfähiger Branchen (Computertechnik, Software, Schiffsbau u.a.) könnten hier neue Produkte und Produktionssysteme entstehen, die auf Drittmärkten konkurrenzfähig sind. „Im Handel haben Deutschland und NRW zwar auf diesen Märkten eine dominierende Position, aber eine Ausschöpfung der innovativen Potenziale durch Kooperation und Arbeitsteilung, wie sie durch Direktinvestitionen ermöglicht werden, steht vorläufig noch aus“, stellen die IAT-Wissenschaftler fest.

Für weitere Fragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Wolfgang Potratz
Tel.: 0209/1707-177

Brigitta Widmaier
Tel.: 0209/1707-127

Claudia Braczko
Tel.: 0209/1707-176

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