Bildung als Privileg?

Soziologen der Universitäten Münster und Bern zeigen Gründe für unterschiedliche Bildungswege


Die erste PISA-Studie im Jahr 2000 war für viele ein Schock, die aktuelle hat den Befund noch verschärft – nicht nur wegen der mittelmäßigen Leistungen der Schüler, sondern weil sich zeigte, wie stark die Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Klassen noch immer in Deutschland zementiert sind. „Man wollte vorher einfach nicht wahrhaben, dass es noch immer eine entscheidende Rolle spielt, aus welchem Elternhaus ein Kind kommt“, so Prof. Dr. Wolfgang Lauterbach von der Universität Münster. „Durch PISA hat sich das endlich geändert.“ Der Soziologe hat gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr. Rolf Becker von der Universität Bern den Sammelband „Bildung als Privileg?“ herausgegeben.

Das Fragezeichen im Titel des Buches hätten sich die beiden eigentlich sparen können, denn die Befunde sind eindeutig: In Deutschland hängen die Bildungschancen der Kinder anders als in vielen anderen europäischen Ländern immer noch stark davon ab, welcher Schicht ihre Eltern angehören. Nur 21 Prozent aller Studienanfänger haben nach den jüngsten Zahlen des Deutschen Studentenwerks einen Vater mit maximal Hauptschulabschluss. Von drei Komponenten ist laut Lauterbach abhängig, welche Bildungskarriere ein Kind einschlägt: von den individuellen Leistungen, von der Herkunftsfamilie und von der Schule. Doch die Herkunft hat den größten Einfluss. Während Studien zeigen, dass Lehrer bei ihren Empfehlungen, ob ein Kind das Gymnasium besuchen solle, weit gehend tatsächlich die Leistungen in den Mittelpunkt stellen, ist dies bei den Eltern häufig nicht der Fall.

„Wenn ein Kind aus einer bildungsfernen Familie gute Leistungen erbringt, geht es deswegen trotzdem nicht zwingend auf das Gymnasium“, so Lauterbach. Oft genüge schon der Realschulabschluss, oder er sei sogar ein sozialer Aufstieg. Dieser Abschluss bedeutet häufig schon einen Statusgewinn gegenüber den Eltern und so sei das Abitur nicht unbedingt ein lohnende Alternative. Bei bildungsnahen Familien hingegen wird das Abitur als selbstverständlich vorausgesetzt. Und ohne Abitur kein Studium: „Bis Mitte 20 kumulieren sich mehrmalige Entscheidungen, wobei die folgenschwerste bereits mit zehn Jahren getroffen wird“, so der Soziologe.

Das sei die eigentliche Krux des deutschen Bildungssystems: Der Einfluss der Eltern sei zu groß und die bedeutendste Entscheidung müsste viel zu früh getroffen werden. „Was vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrungen einmal verständlich gewesen war, nämlich nach der Zeit des Nationalsozialismus den Einfluss des Staates zurückzudrängen und die Verantwortung weit gehend der Familie zu übertragen, ist heute nicht mehr zeitgemäß und führt nur zu sozialer Ungerechtigkeit“, so Lauterbach.

Deshalb sei es wichtig, Entscheidungen, die für ein ganzes Leben gelten, nicht so früh anzusetzen. Als Beispiel nennt er Schweden. Dort werden die Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet, erst danach trennen sich ihre Wege. Jugendliche werden sich im Alter von 16 Jahren sehr viel unabhängiger von ihren Eltern entscheiden können, als das bei zehnjährigen Kindern der Fall ist. Die Ganztagsschule hält Lauterbach ebenfalls für ein taugliches Instrument, um den Einfluss der Eltern zu verringern. Allerdings reiche der reine Ausbau der Angebotsinfrastruktur nicht aus. „Wir brauchen neue Lernformen, um bildungsferne Schüler besser motivieren zu können.“

Was die Durchlässigkeit der Schulformen betrifft, so zeigt sich, dass Schulformwechsel eher selten sind. Schulformen sind eher hermetisch voneinander abgeschottet. Allerdings ist hier die Diskussion nicht ganz einheitlich. Was allerdings die Teilnahme an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen betrifft, so zeigt sich, dass auch der zweite Bildungsweg nur von Personen eingeschlagen wird, die hochmotiviert sind und über die entsprechenden Ressourcen verfügen.

Die Sorge, gleiche Chancen für alle bedeute Nivellierung, weist Lauterbach zurück: „Wenn man das Schulsystem vereinheitlicht und die soziale Herkunft zurückdrängt, haben wir ja immer noch sehr individuelle Schüler, die alle einen unterschiedlichen IQ haben und unterschiedliche Leistungen erbringen – entscheidend wird eben nur die Leistung sein.“

Rolf Becker, Wolfgang Lauterbach (Hrsg.), „Bildung als Privileg?. Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit“, vs-Verlag 2004, 445 Seiten, ISBN 3-531-14259-3

Media Contact

Brigitte Nussbaum idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-muenster.de/

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