Vom Retortenbaby bis zur Pille für den Mann

Während die Weltbevölkerung mittlerweile längst die Sechs-Milliarden-Grenze überschritten hat und das Problem der Überbevölkerung zu immer verheerenderen Folgen für Menschen und Umwelt führt, lastet auf vielen Paaren in der westlichen Welt ein großer Leidensdruck, weil sich der gewünschte Nachwuchs partout nicht einstellt. Verträgliche Lösungen für beide Problemkreise werden von der gegenüber anderen medizinischen Fachgebieten noch jungen Reproduktionsmedizin erwartet, die sich der Erforschung der komplexen Mechanismen der menschlichen Fortpflanzung, der Behandlung ihrer Störungen sowie der Suche nach neuen Möglichkeiten zur Empfängnisverhütung verschrieben hat. Die bundesweit bislang einzige Universität, die über einen eigenen Lehrstuhl für dieses Fachgebiet verfügt, ist die Universität Münster. Am 1. September 2001 begeht das Institut für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums Münster im Rahmen eines wissenschaftlichen Festsymposiums sein „Silberjubiläum“.

Keimzelle des Instituts, das heute insbesondere durch seine innovativen Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der männlichen Fertilität international hohe Reputation genießt, war die 1976 gegründete Abteilung für Experimentelle Endokrinologie an der münsterschen Universitäts-Frauenklinik. Von Anfang an war es das Ziel des damaligen Abteilungsleiters und heutigen Direktors des Instituts für Reproduktionsmedizin, Prof. Dr. Eberhard Nieschlag, und des damaligen Direktors der Frauenklinik, Prof. Dr. Hermann P. G. Schneider, ein Zentrum zu schaffen, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt betreut werden. „Dass es ein solcher Erfolg werden würde, entsprach unseren kühnsten Träumen“, blickt Nieschlag auf die „Gründerzeit“ zurück.

Doch schon bald nahmen die ehrgeizigen Pläne, ein modernes Konzept der Reproduktionsmedizin zu entwickeln und umzusetzen, konkretere Gestalt an. 1980 richtete die Max-Planck-Gesellschaft an der Universität Münster unter der Leitung von Prof. Nieschlag eine Klinische Forschergruppe für Reproduktionsmedizin ein, wodurch die Forschungen auf diesem zukunftsträchtigen Gebiet in hohem Maße vorgetrieben werden konnten. Die erfolgreiche Arbeit gipfelte neun Jahre später schließlich in der Zusammenführung der Abteilung für Experimentelle Endokrinologie und der klinischen Forschergruppe zum heutigen Institut für Reproduktionsmedizin.
Im selben Jahr richtete die deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) an diesem Institut eine Forschergruppe ein, seit 1995 besteht eine konfokale DFG-Forschergruppe gemeinsam mit der Universität Hamburg. Beide Forschergruppen konzentrieren sich auf Aspekte der männlichen Fortpflanzungsfunktionen.

Für erstes größeres Aufsehen sorgte am Pfingstmontag des Jahres 1984 ein kleines Mädchen, das im Universitätsklinikum Münster zur Welt kam: Es war das erste „Retortenbaby“ in Nordrhein-Westfalen – erstes sichtbares Ergebnis erfolgreicher klinisch-wissenschaftlicher Arbeit im Bereich der Fortpflanzungsmedizin. Kinderlosen Ehepaaren doch noch zum ersehnten Baby zu verhelfen, ist auch heute nach wie vor einer der Schwerpunkte des Instituts, das auf diesem Gebiet eng mit der Frauenklinik kooperiert. Ihr Hauptaugenmerk legen die derzeit rund 50 Mitarbeiter – darunter seit Jahren auch immer viele Wissenschaftler aus dem Ausland – heute jedoch auf die Andrologie. Das Interesse an der Männerheilkunde ist in den letzten Jahren weltweit gestiegen, wobei dem Institut in Münster eine Vorreiterrolle zukommt. Immerhin vier von 16 Zentren der Europäischen Akademie für Andrologie sind heute an deutschen Universitäten angesiedelt, eines davon in Münster. Das Interesse der münsterschen Wissenschaftler richtet sich dabei unter anderem auf mögliche Störungen der männlichen Zeugungsfähigkeit sowie auf die Probleme des alternden Mannes.

Die größte Aufmerksamkeit nicht nur in der internationalen Fachwelt, sondern auch in einer breiten Öffentlichkeit haben die münsterschen Reproduktionsmediziner jedoch im Laufe der Jahre immer wieder durch ihre Forschungen auf dem Gebiet der männlichen Empfängnisverhütung erfahren. Die Entwicklung einer „Pille für den Mann“ ist untrennbar mit dem Institut für Reproduktionsmedizinin Münster verbunden. Nach anfänglichem Zögern ist jetzt auch die Pharmaindustrie eingestiegen. „Zu unseren großen Erfolgen gehört es“, so Nieschlag, „in jahrelanger mühsamer Forschung so viel Vorarbeit geleistet zu haben, dass seit drei Jahren zwei namhafte Pharmafirmen an der klinischen Entwicklung arbeiten und, unter anderem mit uns, Studien zur Effektivität durchführen.“ Laut Nieschlag rechnen die Firmen mit einer Markteinführung bis zum Jahr 2006.

Media Contact

Jutta Reising idw

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