Rostocker Neurochip-Technologie wird europäisch

Mit etwa zwei Millionen Euro wird die EU ein Forschungsprojekt fördern, in dem neue Wirkstoffe für die Schmerztherapie bei schwer krebskranken Patienten entwickelt werden sollen. Beteiligt sind elf Partner aus sechs EU-Ländern, dabei eine Rostocker Forschergruppe des Landesforschungsschwerpunktes ?Innovationsnetzwerk Biosystemtechnik? Ziel der gemeinsamen Forschung, so Teilprojektleiter Prof. Dieter Weiss vom Institut für Biowissenschaften der Universität Rostock, sei die Suche nach neuen Medikamenten, mit denen Patienten auch im letzten Krebsstadium Schmerzfreiheit ohne unangenehme Nebenwirkungen erreichen. Derzeit werden vor allem Opiate oder über die Haut wirkende Schmerzpflaster eingesetzt, die den Schmerz hemmen, aber oft nicht gut vertragen werden. Die ohnehin geschwächten Patienten leiden dann häufig unter Atemproblemen, Schweißausbrüchen, Verdauungs- oder Bewusstseinsstörungen.

Das Projekt, das noch dieses Jahr starten wird, baut auf neuesten Erkenntnissen der neurobiologischen Forschung auf. So weiß man heute, dass die Rezeptor-Moleküle, über die die Schmerzwahrnehmung von den befallenen Organen zum Rückenmark und dann zum Gehirn geleitet wird, bei Entzündungen oder Tumorerkrankungen verändert sind. Die Blockade dieser veränderten Schmerzrezeptoren durch eine neue Klasse von ?smart drugs? verspricht eine bessere Wirkung als der Einsatz von traditionellen Medikamenten mit nur einem Wirkort. Die neuen Medikamente greifen nicht nur spezifisch an den veränderten Rezeptoren an, sondern blockieren auch die Weiterleitung der Schmerzsignale an das Gehirn auf mehreren Ebenen zugleich.

Die neuen Wirkstoffe werden mit dem in Rostock entwickelten Sensorsystem NeuroSensorix® getestet. Bei dieser Neurochip-Technik werden Netzwerke aus lebenden Nervenzellen auf einem Siliziumchip gezüchtet, der mit Ableitelektroden zur Messung der elektrischen Signale versehen ist. Werden Medikamente zugegeben, treten Veränderungen der elektrischen Kommunikation im Netzwerk auf, die in einem Computer ausgewertet werden und Aufschluss über die Wirkungsweise der Substanz geben. Die Suche nach neuen Medikamenten wird damit deutlich verbessert, auch weil die Ergebnisse aussagekräftiger sind, als solche, die in Tierversuchen gewonnen werden können.

Mit diesem Forschungsprojekt können die Rostocker Wissenschaftler auf ihren Erfahrungen aufbauen, die sie bereits bei der erfolgreichen Testung von Epilepsiemedikamenten und Narkosemitteln mit dem Nervenzellchip gesammelt hatten. Dieses Projekt ist eine weitere Referenz dafür, dass die Rostocker Forscher eine ideale Testplattform zum Screening von Medikamenten für das Nervensystem entwickelt haben. Die neuen Wirkstoffe werden mit Verfahren der kombinatorischen Chemie synthetisiert, dies sind intelligente Suchverfahren in Substanzbibliotheken und Multikomponentenreaktionen. Geleitet wird das Projekt vom Medizinischen Forschungszentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau, unterstützt durch das Steinbeis Team Nordost in Rostock.

Kontaktadresse
Frank Graage
Tel +49 381 4913043
e-mail: frank.graage@uni-rostock.de

Ansprechpartner für Medien

Dr.-Ing. Karl-Heinz Kutz idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-rostock.de

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Neues Computermodell verbessert Therapie

Mithilfe mathematischer Bildverarbeitung haben Wissenschafter der Forschungskooperation BioTechMed-Graz einen Weg gefunden, digitale Zwillinge von menschlichen Herzen zu erstellen. Die Methode eröffnet völlig neue Möglichkeiten in der klinischen Diagnostik. Obwohl die…

Teamarbeit im Molekül

Chemiker der Universität Jena erschließen Synergieeffekt von Gallium. Sie haben eine Verbindung hergestellt, die durch zwei Gallium-Atome in der Lage ist, die Bindung zwischen Fluor und Kohlenstoff zu spalten. Gemeinsam…

Älteste Karbonate im Sonnensystem

Die Altersdatierung des Flensburg-Meteoriten erfolgte mithilfe der Heidelberger Ionensonde. Ein 2019 in Norddeutschland niedergegangener Meteorit enthält Karbonate, die zu den ältesten im Sonnensystem überhaupt zählen und zugleich einen Nachweis der…

Partner & Förderer

Indem Sie die Website weiterhin nutzen, stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. mehr Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind so eingestellt, dass sie "Cookies zulassen", um Ihnen das bestmögliche Surferlebnis zu bieten. Wenn Sie diese Website weiterhin nutzen, ohne Ihre Cookie-Einstellungen zu ändern, oder wenn Sie unten auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

schließen