Bildung zertifizieren

Bildung zertifizieren – Vorschläge zur Verbesserung des Bildungswesens

Wer eine Aus- oder Fortbildungsmaßnahme abschließt, sollte dafür ein allgemein anerkanntes Zertifikat erhalten. Damit ist sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Arbeitnehmer der Wert einer Bildungsmaßnahme transparenter. Und das fördert die Bereitschaft, Zeit in die eigene Qualifikation zu investieren. Zu diesem Ergebnis kommt Dr. Ulrike Pütz von der wirtschaftspolitischen Seminar der Universität zu Köln. Das Aus- und Fortbildungssystem sollte immer wieder daraufhin überprüft werden, ob es noch den aktuellen Anforderungen entspricht.

Der Staat kann mit dem System der beruflichen Qualifikation verschiedene Ziele verfolgen. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit ist die Mobilität der Arbeitnehmer ein wichtiges Ziel. Verliert jemand seinen Job, so sollte die berufliche Qualifikation breit genug sein, um problemlos eine andere Stelle finden zu können. Hier zeigt das deutsche System Schwächen. Natürlich ist es auch wichtig, eine hohe allgemeine Bildung zu sichern. Der Bildungsstandart der Bevölkerung ist ein Standortfaktor. Doch in Zeiten knapper Kassen ist nach Dr. Pütz ein drittes denkbares Ziel des Staates, die eigenen Kosten bei der Aus- und Fortbildung möglichst weit herunterzufahren.

Dr. Pütz empfiehlt, durch ein System von Zertifikaten die Bereitschaft zur Aus- und Weiterbildung zu fördern. Sie wecken den Ehrgeiz der Arbeitnehmer und mehren die Transparenz sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer. Wenn nicht klar ist, was eine Fortbildung wert ist, dann weiß der Arbeitgeber nicht, wie qualifiziert Bewerber wirklich sind. In Ländern, wo dies so ist, wird dann mit einem stark eingeschränkten Kündigungsschutz reagiert. Außerdem regt Dr. Pütz eine Diskussion über Auswirkungen und Ziele verschiedener Ausbildungssysteme an.

In Deutschland wird im dualen System ausgebildet. Azubis lernen ihren Beruf in Betrieben und in Berufsschulen. In anderen Staaten wie den USA oder Italien ist sogenanntes „On the Job Training“, also das sofortige Einarbeiten in eine bestimmte Stelle die Regel. Österreich bildet mit beruflichen Vollzeitschulen aus. Während der Ausbildung arbeiten die Azubis dort nicht im Betrieb. Das deutsche Ausbildungssystem bietet den Absolventen große Sicherheit bei der Qualität ihrer Qualifikation. Andererseits haben sie Schwierigkeiten beim Berufswechsel. Deshalb sollte das Aus- und Fortbildungssystem immer wieder daraufhin überprüft werden, ob es noch zeitgemäß ist.

Das duale System ist ein spezialisiertes Ausbildungssystem. Scharf umrissene Ausbildungen qualifizieren für ein relativ schmales Berufsfeld. Das beeinträchtigt die Mobilität der Arbeitnehmer. Es ist schwierig, von einem in den anderen Ausbildungsberuf zu wechseln, selbst wenn beide Tätigkeiten relativ ähnlich sind. Auf der anderen Seite weiß der Azubi, welche Berufsaussichten ihm seine Ausbildung bietet. Selbst wenn er nach seiner Ausbildung keine Stelle findet, seine Bildungsinvestition aus ökonomischer Sicht also vergeblich war, hat er Sicherheiten. Tarifverträge sichern eine der Ausbildung angemessene Bezahlung. Wird er arbeitslos, so hat er Anspruch auf eine ausbildungsadäquate Neubeschäftigung. Oft muss der arbeitslose Azubi sich für Berufe bewerben, für die er nicht ausgebildet ist. Dies unterstützt der Staat durch Umschulungen für Arbeitslose. Durch die Kombination aus Arbeitslosenunterstützung und Umschulungen bekommt er eine zweite Chance. Dieses System ersetzt in Deutschland praktisch die Garantie dafür, das eine Bildungsmaßnahme auch nützlich ist. Nach Dr. Pütz wäre auch denkbar, dass Staat und Unternehmen sich diese Versicherungsaufgabe teilen.

Der Arbeitnehmer möchte mit Investitionen in Bildung seine Berufsaussichten verbessern. Im Idealfall erhöht er damit seinen Lohn. Dr. Pütz weist aber nach, dass es für Arbeitnehmer keinesfalls immer das Ziel ist, sich möglichst generell weiterzubilden. Dies hängt von der Arbeitsmarktsituation ab. Droht der Verlust des Arbeitsplatzes, dann versucht er oft, diesen durch spezielle Fortbildung zu sichern. Er qualifiziert sich gezielt für die Stelle, die er zu verlieren droht.

Denkbar wäre nach Auffassung von Dr. Pütz dass sich der Staat sich weitgehend aus Bildung und Ausbildung zurückzieht. Private Investoren legen dann ihr Geld nicht nur in Aktien an. Sie haben auch die Wahl zwischen breitgestreuten Abiturientenfonds, hochriskanten Künstlerfonds oder renditeträchtigen Medizinstudentenfonds. Dies würde dem Staat hohe Kosten ersparen. Doch eine solche Entwicklung wäre nicht ohne Nachteile. Allianzen zwischen Industrie und Hochschulen etwa werden durch zweckgebundene Forschung erkauft. Eine zu große Verknüpfung von finanziellem Interesse und Wissenschaft würde die akademische Forschungsfreiheit stark einschränken. Verantwortlich: Christoph Uhlhaas

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Gabriele Rutzen idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-koeln.de

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