Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pathologische Glücksspieler: Impulskontrolle möglich

06.02.2008
Pathologische Glücksspieler treffen irrationale Entscheidungen und handeln stark impulsgesteuert. Soweit die gängige Einschätzung.

Sie wird von Dr. Bernd Sobottka widerlegt. In seiner an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg angefertigten Dissertation zeigt Sobottka: Auch diese Spieler können Impulse kontrollieren und ein kompetentes Entscheidungsverhalten erlernen. Der Psychotherapeut ist sich sicher: Die angewandte Verhaltensmedizin kann den Glücksspielern helfen.

Peter Meier (Name geändert) kommt an keinem Casino, an keiner Spielhalle vorbei, ohne hineinzugehen und den Inhalt seines Portemonnaies auf den Kopf zu hauen. Er ist hoch verschuldet, seine Frau hat ihn verlassen. Doch Spielen ist und bleibt sein zentraler Lebensinhalt. Meier ist ein pathologischer, ein krankhafter Glücksspieler. "Mehr als 100 Menschen wie Herr Meier haben wir jedes Jahr in der Klinik", sagt Dr. Bernd Sobottka, Leitender Psychologe der Klinik Schweriner See, einer Kooperationsklinik der Martin-Luther-Universität.

Der 46-Jährige will den Betroffenen so gut wie möglich helfen. Deshalb hat er das "Entscheidungsverhalten bei pathologischen Glücksspielern" erforscht. Unter diesem Titel ist seine Dissertation als Buch erschienen - ein Buch, das es in sich hat. "Die Arbeit ist absolut innovativ. In dieser Güte liegen auf dem bislang nur sparsam bearbeiteten Gebiet nur wenige Arbeiten vor", sagt Sobottkas Doktorvater Prof. Dr. Bernd Leplow, klinischer Psychologe an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. "Die besondere Qualität besteht in der experimentellen Untersuchung von Patienten mit einer schweren psychischen Störung, wobei das übliche Laborsetting zusätzlich die Realsituation simulierte."

Herr Meier und weitere Glücksspieler, dazu als Kontrollgruppen alkoholabhängige Patienten und gesunde Menschen, haben eine Reihe von Fragen über ihre eigene Persönlichkeit beantwortet und sich auf eine ganz besondere Laborsituation eingelassen: Bernd Sobottka erzeugte Spielhallenatmosphäre, sorgte für einen schummrigen Raum mit der passenden Geräuschkulisse, hängte Bilder von Spielautomaten auf, lud zu einem Kartenspiel ein. Den Teilnehmern winkte Spielgeld als ideeller Gewinn, ein Pfund Kaffee als realer. "Das Kartenspiel war ähnlich angelegt wie das typische Automatenspiel, bei dem man als Spieler zum Beispiel eine Reihe mit gleichen Symbolen anpeilt", erläutert Sobottka. Das gleiche Spiel wurde mit den Probanden ebenfalls unter Bedingungen gespielt, die frei von Spielhallen-Assoziationen waren.

"Das durchaus überraschende Ergebnis: Die Glücksspieler erzielten in der an Spielhallen erinnernden Situation bessere Ergebnisse. Im Laufe des Spiels waren sie in der Lage, ein rationales Entscheidungsverhalten zu erlernen", berichtet Sobottka. "Anders als in der Fachwelt bislang angenommen, scheint es keine grundsätzlichen Defizite im Entscheidungsverhalten von Glücksspielern zu geben." Und nicht nur das: Während sich sogar die Glücksspieler selbst als impulsiv handelnd erleben, trafen sie die Entscheidungen im Kartenspiel nicht schneller und wahlloser als die anderen untersuchten Gruppen. "Unter den von uns hergestellten Bedingungen waren sie absolut in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren", konstatiert der Forscher.

Bernd Sobottka zieht aus seinen Ergebnissen entscheidende Schlussfolgerungen: "Die vorliegenden Befunde deuten auf ein suchtspezifisches Entscheidungsverhalten bei Glücksspielern unter Beteiligung von Stoffwechselprozessen im Gehirn, die dem so genannten Belohnungssystem zuzuordnen sind. Die Spieler suchen quasi in bestimmter Weise nach Erfahrungen, die ihnen ein gutes Gefühl vermitteln. Ich bin mir nun sicher, dass wir den Patienten mit bewährten verhaltensbezogenen Therapie-Techniken helfen können."

Bislang habe man den Betroffenen oft wichtige Entscheidungsfähigkeiten abgesprochen, ist von einer eher ungünstigen Behandlungsprognose ausgegangen und hat Maßnahmen zur Glücksspielabstinenz in den Vordergrund gestellt. "Die Ergebnisse legen nun nahe, dass diese Menschen in einer erfolgreichen Therapie auch alternative Möglichkeiten entwickeln müssen, um ihr Belohnungssystem zu aktivieren. Positive Erfahrungen im Sport oder bei sozialen Kontakten könnten beispielsweise helfen. Die alternativen Möglichkeiten sind natürlich für jeden Patienten individuell herauszufinden. Wichtig ist, dass wir für die Spieler spezielle Angebote bereithalten."

Sobottka weiß, dass die Impulskontrolle in einer realen Situation mit echtem Geld statt des Spielgeldes durchaus noch zum Problem werden könnte. "Aber wir wissen jetzt, dass die Spieler grundsätzlich zur Kontrolle ihrer Impulse fähig sind. Mit bestimmten Stimulus-Kontroll-Techniken können wir also eventuell der Gefahr vorbeugen und zum Beispiel den Gang in die Spielhalle verhindern helfen."

Angaben zum Buch:
Bernd Sobottka: Entscheidungsverhalten bei pathologischen Glücksspielern
(Dissertation, Universität Halle 2007)
Pabst Science Publishers, 166 Seiten, ISBN 978-3-89967-367-8
Preis: 20 Euro
Ansprechpartner:
Dr. phil. Bernd Sobottka
Tel.: 03867 900161
E-Mail: bsobottka@ahg.de
Prof. Dr. Bernd Leplow
Tel.: 0345 55 24358
E-Mail: bernd.leplow@psych.uni-halle.de

Carsten Heckmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

Weitere Berichte zu: Entscheidungsverhalten Glücksspieler

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Ohne Berufsausbildung fünfmal so hohe Arbeitslosenquote
15.10.2019 | Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB)

nachricht Mittelstädte wachsen nicht nur im Süden
15.10.2019 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste Ameise der Welt - Wüstenflitzer haben kurze Beine, aber eine perfekte Koordination

Silberameisen gelten als schnellste Ameisen der Welt - obwohl ihre Beine verhältnismäßig kurz sind. Daher haben Forschende der Universität Ulm den besonderen Laufstil dieses "Wüstenflitzers" auf einer Ameisen-Rennstrecke ergründet. Veröffentlicht wurde diese Entdeckung jüngst im „Journal of Experimental Biology“.

Sie geht auf Nahrungssuche, wenn andere Siesta halten: Die saharische Silberameise macht vor allem in der Mittagshitze der Sahara und in den Wüsten der...

Im Focus: Fraunhofer FHR zeigt kontaktlose, zerstörungsfreie Qualitätskontrolle von Kunststoffprodukten auf der K 2019

Auf der K 2019, der Weltleitmesse für die Kunststoff- und Kautschukindustrie vom 16.-23. Oktober in Düsseldorf, demonstriert das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR das breite Anwendungsspektrum des von ihm entwickelten Millimeterwellen-Scanners SAMMI® im Kunststoffbereich. Im Rahmen des Messeauftritts führen die Wissenschaftler die vielseitigen Möglichkeiten der Millimeterwellentechnologie zur kontaktlosen, zerstörungsfreien Prüfung von Kunststoffprodukten vor.

Millimeterwellen sind in der Lage, nicht leitende, sogenannte dielektrische Materialien zu durchdringen. Damit eigen sie sich in besonderem Maße zum Einsatz in...

Im Focus: Solving the mystery of quantum light in thin layers

A very special kind of light is emitted by tungsten diselenide layers. The reason for this has been unclear. Now an explanation has been found at TU Wien (Vienna)

It is an exotic phenomenon that nobody was able to explain for years: when energy is supplied to a thin layer of the material tungsten diselenide, it begins to...

Im Focus: Rätsel gelöst: Das Quantenleuchten dünner Schichten

Eine ganz spezielle Art von Licht wird von Wolfram-Diselenid-Schichten ausgesandt. Warum das so ist, war bisher unklar. An der TU Wien wurde nun eine Erklärung gefunden.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen, das jahrelang niemand erklären konnte: Wenn man einer dünnen Schicht des Materials Wolfram-Diselenid Energie zuführt, dann...

Im Focus: Wie sich Reibung bei topologischen Isolatoren kontrollieren lässt

Topologische Isolatoren sind neuartige Materialien, die elektrischen Strom an der Oberfläche leiten, sich im Innern aber wie Isolatoren verhalten. Wie sie auf Reibung reagieren, haben Physiker der Universität Basel und der Technischen Universität Istanbul nun erstmals untersucht. Ihr Experiment zeigt, dass die durch Reibung erzeugt Wärme deutlich geringer ausfällt als in herkömmlichen Materialien. Dafür verantwortlich ist ein neuartiger Quantenmechanismus, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift «Nature Materials».

Dank ihren einzigartigen elektrischen Eigenschaften versprechen topologische Isolatoren zahlreiche Neuerungen in der Elektronik- und Computerindustrie, aber...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

VR-/AR-Technologien aus der Nische holen

18.10.2019 | Veranstaltungen

Ein Marktplatz zur digitalen Transformation

18.10.2019 | Veranstaltungen

Wenn der Mensch auf Künstliche Intelligenz trifft

17.10.2019 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Insekten teilen den gleichen Signalweg zur dreidimensionalen Entwicklung ihres Körpers

18.10.2019 | Biowissenschaften Chemie

Volle Wertschöpfungskette in der Mikrosystemtechnik – vom Chip bis zum Prototyp

18.10.2019 | Physik Astronomie

Innovative Datenanalyse von Fraunhofer Austria

18.10.2019 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics