Aktienmarkt: Mangelndes Vertrauen

An den Börsen rund um den Globus herrscht seit Wochen tiefe Verunsicherung. Die fragwürdigen Buchhaltungspraktiken des kollabierten US-Energiehändlers Enron haben nicht nur in Amerika eine generelle Erosion des Vertrauens in die Aussagekraft vorgelegter Bilanzen ausgelöst. Selbst die Rechenwerke renommierter Gesellschaften gerieten zeitweilig in das Fadenkreuz der Kritik. Daneben belasteten aber auch anhaltende Sorgen über die zukünftige Gewinnentwicklung, zumal die meisten Unternehmen in der zu Ende gehenden Berichtssaison auffällige Zurückhaltung hinsichtlich Prognosen übten. Unterstrichen wurde die desolate hiesige Marktverfassung nicht zuletzt durch die gescheiterte Sekundärplatzierung der eher konservativen BHW-Aktie. Unter dem Strich sind im bisherigen Jahresverlauf beim DAX und Nemax 50-Index schon wieder Verluste von 7 bzw. 17 Prozent zu verkraften. M-DAX-Titel zeigten sich dagegen per saldo stabil.

Jenseits des Atlantiks bleiben die Ängste der Investoren vorerst virulent. Die bekannt gewordenen Fälle „kreativer Buchführung“ haben jedenfalls das Risiko- und Realitätsbewusstsein der Investoren nachhaltig geschärft. Gleichwohl rechtfertigen die zuletzt veröffentlichten Makrodaten überwiegend konjunkturelle Zuversicht. Hinweise auf die noch immer vorhandene Fragilität des Aufschwungs lieferte allerdings zuletzt der Index des Verbrauchervertrauens der Universität Michigan, der im Februar von 93,0 auf 90,9 Punkte zurückging. Dennoch wird von den Wall Street-Ökonomen überwiegend schon für das erste Quartal eine deutliche Wachstumsbeschleunigung von auf das Jahr hochgerechnet mindestens plus 1 Prozent (nach plus 0,2 bzw. minus 1,3 Prozent in den Vorquartalen) unterstellt.

In Euroland deuten verbesserte Daten wie u. a. der Anstieg der Dezember-Industrieproduktion von 0,8 Prozent gegenüber Vormonat sowie die – wenn auch nur marginale – Zunahme des Geschäftsklimaindikators der EU-Kommission im Januar (plus 0,1 auf 99,0 Punkte) das Auslaufen der Wirtschaftsflaute an. Angesichts zunächst nur verhaltener transatlantischer Impulse dürfte der sich abzeichnende Aufschwung aber nur von geringer Dynamik gekennzeichnet sein. Weiterhin kraftlos präsentiert sich Deutschland, da insbesondere die hiesige Verbrauchernachfrage wenig Schub zu entfalten scheint. Wenngleich sich die Industrieaufträge im Dezember preis- und saisonbereinigt überraschend um 4,2 erhöhten, erwarten die Prognostiker mehrheitlich für 2002 nur eine reale Expansionsrate von unter 1 Prozent (jüngste Schätzung des DIHK maximal 0,5 Prozent). Vor diesem schwachen konjunkturellen Hintergrund besteht hinsichtlich der Gewinnerwartungen für das laufende und kommende Jahr vermutlich noch erheblicher Korrekturbedarf, zumal nach dem Enron-Debakel der Druck zu konservativeren Bilanzierungspraktiken zunehmen dürfte. Insgesamt sind die Aussichten auf eine baldige Trendwende am deutschen Aktienmarkt vorerst nicht sonderlich hoch einzuschätzen.

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