An der Börse oder daran vorbei? – Für Privatinvestoren keine Entweder-Oder-Frage!

Unter der Überschrift „An der Börse oder daran vorbei“ befragten die Universität Augsburg und das FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe insgesamt 1.804 Privatinvestoren zum Online Brokerage. Das wesentliche Ergebnis dieser Befragung lässt sich in drei Feststellungen umschreiben: 1) Die Einstellungen der Privatinvestoren zum börslichen bzw. zum außerbörslichen Handel lassen sich nicht auf ein reines „Dafür“ oder „Dagegen“ reduzieren. 2) Die Wahl des Transaktionsweges wird stark durch das Produkt motiviert, wobei innovative Produkte den außerbörslichen Handel stärken. 3) Bei transaktionsabhängigen Geschäftsmodellen sind außerbörslich Erfahrene interessante Kunden – für Marktbetreiber wie auch für Online Broker.


Online-Brokerage steht für die selbstbestimmte Abwicklung von Wertpapiergeschäften durch Privatinvestoren via Internet. In Deutschland sind es mittlerweile wieder weit über zwei Millionen Privatinvestoren die regelmäßig über einen Online Broker oder die Online Brokerage-Funktionalität ihrer Geschäftsbank handeln. Was motiviert diese Privatinvestoren zum Handeln, was dazu, entweder dem börslichen oder aber dem außerbörslichen Handel den Vorzug bei der Durchführung von Transaktionen zu geben?

Den bislang weitgehend nicht hinterfragten Motiven ging jetzt eine Online-Umfrage auf den Grund. Diese Umfrage wurde als ein Gemeinschaftsprojekt des von Prof. Buhl geleiteten Kernkompetenzzentrums IT & Finanzdienstleistungen der Universität Augsburg und des Forschungsbereichs Information Process Engineering (Gruppe Prof. Weinhardt) des Forschungszentrum Informatik (FZI) in Karlsruhe in der Zeit vom 22. Juli 2005 bis zum 22. August 2005 durchgeführt. Insgesamt konnten – mit der Hilfe von mehreren großzügigen Werbepartnern aus dem Finanzbereich – weit über 5.000 Teilnehmer zur Teilnahme an der Befragung animiert werden, von denen 1.804 Personen in die Auswertung eingingen.

1) Die Einstellungen zum börslichen bzw. zum außerbörslichen Handel lassen sich nicht auf ein reines „Dafür“ oder „Dagegen“ reduzieren

Von den befragten Privatinvestoren gibt ein Drittel an, noch nie außerbörslich gehandelt zu haben. Das fehlende Vertrauen in die Sicherheit und Ordnungsmäßigkeit spielt hier offensichtlich eine wesentliche Rolle. Umgekehrt kann allerdings nicht bestätigt werden, dass die Teilnehmer an außerbörslichen Märkten generell wagemutige Spieler sind, denn: Das selbst angegebene Risikoprofil und die Bereitschaft, sich außerbörslich zu engagieren, erweisen sich als signifikant unabhängig voneinander.

Vielmehr scheinen Investoren den „Außerbörslichen Handel“ mit steigender Handelserfahrung zunehmend als wertvolle Alternative wahrzunehmen und dann zielgerichtet einzusetzen. Die offensichtlich wichtigsten Argumente: die Erwartung niedrigerer Transaktionsgebühren und einer schnelleren Ausführung.

„Für die Handelsplatzentscheidung sind aber offensichtlich nicht nur personenspezifische Merkmale ausschlaggebend, vielmehr spielt vor allem die transaktionsspezifische Situation eine entscheidende Rolle. Denn“, so Dr. Holtmann vom FZI, „im untersuchten Sample hängt die außerbörsliche Aktivität stark vom jeweils gehandelten Produkt ab, und es wird außerbörslich signifikant häufiger gekauft als verkauft“.

2) Die Wahl des Transaktionsweges wird stark durch das Produkt motiviert, wobei innovative Produkte den außerbörslichen Handel stärken

Zwar bleiben die Börsen bei fast allen abgefragten Produktkategorien auch weiterhin der in Summe am häufigsten genannte Transaktionsweg, gerade bei den außerbörslich erfahrenen Investoren und bei den innovativeren Produkten wie den Zertifikaten machen die außerbörslichen Handelsoptionen in den letzten Monaten aber Boden gut: 20 Prozent der außerbörslich Aktiven im Sample wurden zum außerbörslichen Handel erst im letzten Jahr animiert.

Aktien und Aktienanleihen werden von mehr als 75 Prozent der Befragungsteilnehmer hauptsächlich an börslichen Handelsplätzen gehandelt. Mehr als ein Drittel der außerbörslich Erfahrenen nutzt jedoch für Aktiengeschäfte die angebotenen Alternativoptionen. Knock-out-Produkte sind dabei das Vorzeigeprodukt für den außerbörslichen Handel. 53 Prozent der Befragungsteilnehmer geben an, beim Kauf von Knock-out-Produkten hauptsächlich außerbörslich zu ordern, und unter den außerbörslich Erfahrenen sind es sogar 80 Prozent. Anders beim Verkauf: Hier sind es lediglich 48 bzw. 73 Prozent. Je nach Produktkategorie geben 36 bis 40 Prozent der Befragungsteilnehmer bei den unterschiedlichen Anlagezertifikaten und Optionsscheinen an, diese hauptsächlich außerbörslich zu ordern.

3) Bei transaktionsabhängigen Geschäftsmodellen sind außerbörslich Erfahrene interessante Kunden – für Marktbetreiber wie auch für Online Broker

Kunden mit hohem Depotvolumen gelten als attraktive Kunden. Ein höheres individuelles Bruttoeinkommen und Depotvolumen der Teilnehmer führt zu durchschnittlich höheren Transaktionsvolumina. Die Transaktionshäufigkeit – für die meisten Geschäftsmodelle die zentrale Größe – wird aber dadurch nicht signifikant beeinflusst. Über 90 Prozent aller Retailtrades bewegen sich abhängig vom Produkt zumeist deutlich unter 10.000 Euro. Insgesamt dürfte der Effekt der höheren Volumina auf die Umsätze der Broker und Börsen aufgrund der unterschiedlichen Erlösmodelle zwar unterschiedlich ausfallen, von zwingender Bedeutung für eine segmentspezifische Kundenansprache scheint er aber nicht zu sein.

Die außerbörslich erfahrenen Investoren sind insofern interessant, als sie auch die allgemein aktiveren sind. Aufgrund der typischerweise transaktionsgebundenen Geschäftsmodelle der sell-side – also der Dienstleister im Wertpapierhandel – sind sie somit auch für Online-Broker und Marktplatzbetreiber die eigentlich interessanten Kunden. Da sie häufig transaktionsspezifisch zwischen den Marktalternativen wählen, ist es für den Erfolg eines Online Brokers wichtig, die relevanten Handelsoptionen im börslichen und außerbörslichen Bereich angebunden zu haben. „Dabei reicht es jedoch bei weitem nicht aus, möglichst viele verschiedene Handelsplätze anzubieten“, so Projektleiter Dr. Kundisch vom Augsburger Kernkompetenzzentrum: „Ganz entscheidend sind offensichtlich auch Qualität, Geschwindigkeit und Personalisierbarkeit des zur Verfügung gestellten Frontends zur Ordereingabe“.

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Dr. Dennis Kundisch
Lehrstuhl für BWL, Wirtschaftsinformatik & Financial Engineering
Kernkompetenzzentrum IT & Finanzdienstleistungen
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Tel.: 0821-25923-19
E-Mail: dennis.kundisch@wiwi.uni-augsburg.de

Dr. Carsten Holtmann
FZI Forschungszentrum Informatik
Forschungsbereich Information Process Engineering
76131 Karlsruhe
Tel.: +49 / (0)721 / 96 54 850
E-Mail: holtmann@fzi.de

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Klaus P. Prem idw

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