Rentenmarkt: Erhöhte Nervosität

Seit Anfang September sehen sich Anleiheinvestoren mit ungünstigen US-Vorgaben, aber auch mit einer Eintrübung des heimischen Nachrichtenumfeldes konfrontiert. Das bisher unterstellte Konjunkturkorrektiv durch hohe Rohstoffkosten ist angesichts einer begonnenen Konsolidierung der Ölnotierungen sowie insgesamt robuster makroökonomischer Datenlage infrage gestellt, so dass der Blick verstärkt auf der Teuerungsentwicklung ruht. Da auch die EZB das Inflationsthema seit einiger Zeit verstärkt aufgreift, besteht die Sorge, dass ein erster Zinsschritt möglicherweise sogar noch in diesem Jahr gewagt werden könnte. Infolge der geänderten Risikowahrnehmung stiegen die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen spürbar (aktuell 3,51 Prozent) und verkürzten dabei ihren Verzinsungsrückstand gegenüber US-Staatspapieren auf unter 110 Basispunkte. Sowohl US- als auch Euroland-Renditen haben dabei jeweils technische Abwärtstrends signifikant nach oben durchbrochen.

Die konjunkturellen Signale fielen zuletzt sowohl in den USA als auch hierzulande positiv aus. Vor allem wichtige industrielle Frühindikatoren (ISM-Index, Ifo-Geschäftsklima) präsentierten sich im Oktober robust. In Deutschland entwickelten sich darüber hinaus die September-Auftragseingänge und die Produktion deutlich besser als erwartet, und die Exportperspektive wird weiterhin gestützt durch die derzeitige Schwäche des Euros. Inwieweit davon aber künftig auch der Private Verbrauch profitieren wird, bleibt ungewiss. Höhere Energierechnungen dürften zunächst einige Kaufkraft abschöpfen, und für die USA könnten gestiegene Hypothekenzinsen bremsend auf den für das Wohlstandsempfinden enorm wichtigen Immobiliensektor wirken. Statt der konjunkturellen Schwachpunkte stehen jedoch trotz merklicher Beruhigung der Ölpreise derzeit für die Bond-Investoren Teuerungsaspekte im Vordergrund. Einerseits weisen die Preiskomponenten von Einkaufsmanagerumfragen beidseits des Atlantiks deutlich auf die im Jahresvergleich erhöhten Produzentenpreisniveaus hin (USA: +6,9 Prozent, Euroland +4,3 Prozent). Auf der anderen Seite steht die Sorge vor Zweitrundeneffekten. In den USA zogen die Löhne im Oktober unerwartet stark an und das Beige Book enthält Hinweise auf erhöhte Preisüberwälzung auf den Endverbraucher. Die EZB spricht von gestiegenen Risiken und dürfte zusätzlich durch ein Wachstum der Geldmenge M3 um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr alarmiert sein.

Unter dem Strich dürfen die Rentenmarktakteure zwar nach substanzieller Verschärfung der Rhetorik seitens der Notenbanken auf eine Verschnaufpause hoffen. Für Entwarnung ist es jedoch zu früh, solange sich nicht Sorgen um Kernraten-Effekte bei der Teuerung als überzogen herausstellen. Eine gewisse – die Grundstimmung belastende – Anspannung sollte daher erhalten bleiben, zumal selbst bei einem weiteren Ölpreisrückgang eher die steigende Konjunkturzuversicht im Vordergrund stehen dürfte. In diesem Umfeld bleibt die erhöhte Flexibilität von Anlagen in kürzeren Laufzeiten einer im historischen Vergleich noch immer unterdurchschnittlichen Mehrrendite für längere Bindungsfristen vorzuziehen.

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Jürgen Pitzer presseportal

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