Zukunft von Bildung und Arbeit – Die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im Fokus

BLK prognostiziert wachsenden Arbeitskräftemangel und fordert zusätzliche Investitionen in die Bildung; es müssen

  • das vorhandenen Bildungspotential besser ausgeschöpft,
  • das Erwerbstätigenpotential erhöht,
  • der Arbeitsmarkt für qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittländern geöffnet und
  • Methoden zur Früherkennung von Qualifikationsdefiziten weiter entwickelt werden.

Die BLK hat heute einen Bericht über die Arbeitsmarktentwicklung für die nächsten Jahrzehnte vorgelegt. Wesentliche Aussage der Studie: Ab 2010 und danach fortschreitend werden in Deutschland die Arbeitskräfte rar.

Der Bericht fokussiert einen Zeitraum, in der die Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt deutlich durchschlagen werden. Der Zeitraum nach 2015 wird bei unveränderter Tendenz ausgesprochen kritisch für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Regierungen in Bund und Ländern werden dieser Entwicklung schon heute aus bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Sicht höchste Aufmerksamkeit schenken müssen.

Der Bericht liefert auf Basis der seit 1978 für die alten Länder und seit 1993 auch für die neuen Länder verfolgbaren Trends eine Projektion bis zum Jahr 2015 zum Arbeitskräftebedarf differenziert nach Qualifikationsstufen und Berufsfeldern. Zusätzlich werden alternative Berechnungen des Arbeitskräftebedarfs nach haushaltsbezogenen und DV-Dienstleistungen durchgeführt.
Waren die beginnenden 90er Jahre noch gekennzeichnet von wachsender Arbeitslosigkeit der Hochschulabsolventinnen und -absolventen, haben sich inzwischen die Arbeitsmarktsignale der Wirtschaft grundlegend geändert. Schon heute werden Fachkräfte gesucht, insbesondere technisch und naturwissenschaftlich ausgerichtete Hochschulabsolventinnen und -absolventen.
Bildungspolitik und -planung stehen vor großen Herausforderungen, die sie zu einem stärker abgestimmtem Vorgehen mit Arbeitsmarkt-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zwingen. Zwar lässt diese Entwicklung aller Voraussicht nach die vorhandene hohe Arbeitslosigkeit abschmelzen, doch dem sich abzeichnenden Mangel an qualifizierten Fachkräften und Hochschulabsolventen muss gleichzeitig entgegengewirkt werden. Die Situation verschärft sich zusätzlich durch Überalterung der erwerbstätigen Bevölkerung. Bund und Länder müssen jetzt gemeinsam mit der Wirtschaft handeln, soll nicht die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland Schaden nehmen.

Die Ergebnisse des Berichts im einzelnen:
Der Bedarf an Arbeitskräften wird in den nächsten Jahren zunehmen.
In den alten Ländern wird bei Fortschreibung der langfristigen Trends der Bedarf an Erwerbstätigen bis zum Jahr 2015 um 2,6 Mio. auf 31,1 Mio. steigen. Für die neuen Länder ergibt sich (bei jährlichem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 4,2 % und einem Wachstum der Arbeitsproduktivität von 4,4 % bzw. 4,0 %) ein Verbleib auf dem Stand von 2000 bei etwa 6,2 Mio. bzw. ein Anstieg auf 6,5 Mio. Erwerbstätige. Bundesweit wird 2015 der Arbeitskräftebedarf bei 37,3 – 37,6 Mio. liegen.

Der Rückgang der Bevölkerung führt trotz weiter steigender Frauenerwerbsquote zu einem Rückgang von Erwerbspersonen. Die aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden lassen sich nicht mehr in ausreichendem Maße durch ins Erwerbsleben eintretende junge Menschen ersetzen. Das Arbeitskräfteangebot wird aufgrund der demographischen Entwicklung bis 2015 um insgesamt 1,8 Mio. auf knapp 37 Mio. Erwerbspersonen sinken. Davon entfallen gut 1 Mio. auf die alten und knapp 0,8 Mio. auf die neuen Länder. Fazit: Verringertes Arbeitskräfteangebot und Überalterung der Erwerbsbevölkerung.

Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sowie Zuwanderungen können die Entwicklung mindern helfen. Eine höhere Zuwanderung, wie in der jüngsten Bevölkerungsprognose enthalten, würde dazu führen, dass die Zahl lediglich auf gut 38 Mio. sinkt, wobei jedoch die Struktur der Qualifikationen der Zuwanderer von der am Arbeitsmarkt nachgefragten abweichen dürfte.
Der rechnerische Vergleich des Arbeitskräftebedarfs von Staat und Wirtschaft mit dem Angebot, kann zu der Annahme verleiten, in den nächsten Jahren würde sich der Sockel an Arbeitslosen verringern und ab 2015 auflösen.
Doch dieses Ergebnis wird so nicht eintreten, weil eine vollständige Übereinstimmung der angebotenen und der nachgefragten Qualifikationen kaum jemals erreicht wird. So ist faktisch bereits vor 2015 mit einem Arbeitskräftemangel für bestimmte Qualifikationen und Branchen zu rechnen und gleichzeitig wird es weiterhin Arbeitslosigkeit geben. Denn selbst bei globaler Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage sind das spezifische Angebot und der konkrete Bedarf im Hinblick auf Fachrichtungen, Zusatzkenntnisse, Alter u.a. nie vollständig deckungsgleich. Es ist also damit zu rechnen, dass durch die demographische Entwicklung zunehmend ein Mangel an nachgefragten Qualifikationen eintreten wird, wenn das Arbeitskräfteangebot nicht erhöht wird. Nach 2015 wird sich dieser Mangel dramatisch verschärfen. Er wird durch eine Verringerung des Neuangebotes aus dem Bildungswesen, aber auch durch steigenden Anteil der aus dem Erwerbsleben Ausscheidenden bestimmt. Eine Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen oder eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit könnten das Erwerbspersonenangebot verbessern, dürften jedoch für das notwendige Erwerbspersonenpotenzial nicht ausreichen. Damit stellt sich die politisch zu entscheidende Frage nach Zuwanderungen.

Entwicklung der Qualifikationen
Hinsichtlich der Bildungsabschlüsse bis 2015 kann folgendes festgehalten werden:

  • Der Trend zur Höherqualifizierung wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Dies gilt für Hochschulabsolventinnen und -absolventen wie für Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung.
  • Der Anteil der Hochschulabsolventen (Universität und Fachhochschule) am Gesamtbedarf an Erwerbstätigen (1978 in den alten Ländern noch 8 %), der derzeit bei 16,5 % liegt, wird auf über 18 % im Jahr 2015 steigen. Dadurch wird sich der Bedarf an Hochqualifizierten – in der Basisvariante – von 1999 bis zum Jahre 2015 um rund 16 % erhöhen. Bis 2015 steigt auch das Angebot an entsprechend Qualifizierten – jedoch nicht im gleichen Maße, da bei den Neuzugängen aus dem Bildungssystem der Anteil der Hochschulabschlüsse in den alten Ländern nahezu unverändert bleibt und dadurch absolut gesehen kaum ausreicht, um den Arbeitskräftebedarf zu decken. Insgesamt wird in den alten Ländern der Anteil der Hochschulabsolventen gemessen am Gesamtangebot von 15,7 % bis 2015 auf 18 % ansteigen. In den neuen Ländern ist mit einer Annäherung an die Strukturen der alten Länder zu rechnen.
  • Nach dem Jahr 2010 wird der steigende Bedarf an Hochschulabsolventen zu einer Unterdeckung führen, insbesondere in zukunftsträchtigen Bereichen. Diese Entwicklung könnte sich als Wachstumsbremse erweisen. Der gegenwärtige Trend zur Höherqualifizierung wird sich dabei fortsetzen und zu mehr Arbeitsplätzen für Höherqualifizierte im Dienstleistungssektor führen und vor allem auch durch einen Abbau von Arbeitsplätzen für Geringerqualifizierte in der Industrie gekennzeichnet sein.
  • Der Anteil von Erwerbspersonen mit abgeschlossener Berufsausbildung stieg in den alten Ländern von 62,5 % im Jahre 1978 auf derzeit 68,7 % und wird im Jahre 2015 69,5 % betragen. Der Anteil der Absolventen mit abgeschlossener Berufsausbildung sinkt demgegenüber von 70,2 % leicht um einen Punkt. Ab 2015 werden mehr Personen mit berufsbildendem Abschluss – ähnlich wie bei den Hochschulabsolventen – benötigt. Das Arbeitskräfteangebot mit abgeschlossener Berufsausbildung wird den entsprechenden Bedarf an Arbeitskräften rechnerisch nahezu decken. Dabei gilt jedoch hier ebenfalls, dass die Übereinstimmung hochaggregierter Gesamtzahlen eine tatsächliche Übereinstimmung im Detail nicht garantieren muss, so dass hier tendenziell eher ein Mangel an gesuchten Arbeitskräften zu erwarten ist.
  • Verlierer am Arbeitsmarkt sind eindeutig Erwerbspersonen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Der sich abzeichnende deutliche Abbau von Einfacharbeitsplätzen wird die Arbeitsmarktchancen für diese Personengruppe weiter verschlechtern. Zwar sinkt das Arbeitskräfteangebot von Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und wird 2015 nur noch 12,7 % betragen (derzeit 14,1 %), jedoch wird auch auf der Bedarfsseite der entsprechende Anteil in den alten Ländern von derzeit 14,8 % (1978: 29,5 %) auf 12,5% im Jahr 2015 zurückgehen. Das Arbeitskräfteangebot von Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung wird somit weiterhin den Bedarf übersteigen.

Strukturwandel
Der Trend zur Dienstleistungsgesellschaft hält an, und der damit verbundene Strukturwandel setzt sich fort. Der Trend geht einher mit steigenden Anforderungen der Qualifikationsstrukturen und wird vor allem die Hochschulabsolventen begünstigen. Insbesondere in den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, aber auch bei wachstumsorientierten Naturwissenschaften, etwa der Biotechnologie, werden innovative Dienstleistungsaufgaben entstehen.
Diese Beschäftigungsdynamik wird auch in Zukunft bei kleinen und mittleren Unternehmen neue Arbeitsplätze schaffen. Hochqualifizierte mit innovativen Ideen, die zur Lösung komplexer Probleme beitragen können, werden gefragter denn je sein.

Steigende Mobilität – Entstehung von europäischem und globalem Arbeitsmarkt
Mit fortschreitender europäischer Integration und zunehmender weltwirtschaftlicher Verflechtung ist auch der deutsche Arbeitsmarkt immer weniger als geschlossenes System zu verstehen. Mit der Vertiefung und Erweiterung des europäischen Binnenmarktes und den wachsenden Möglichkeiten der Freizügigkeit lassen sich immer mehr die Konturen einer Europäisierung des Arbeitsmarktes erkennen, der zu zunehmend grenzüberschreitendem Wettbewerb auf der Angebotsseite und auch bei der Nachfrage nach Arbeitskräften führt.
Dabei vollzieht sich die Entwicklung räumlich wie auch hinsichtlich der Qualifikationsstufen differenziert. Eine erhöhte Mobilität ist am ehesten bei qualifizierten Fachkräften in den Grenzregionen und generell bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen festzustellen.
Die bevorstehende Erweiterung der EU – durch Beitritt der mittel- und osteuropäischen Staaten – dürfte kaum zu größerer Zuwanderung von Arbeitskräften führen. Einerseits ist hier mit Übergangsfristen zu rechnen, die die Mobilität begrenzen werden und zum anderen werden – wie die Erfahrungen aus der Süderweiterung der EU zeigen – wirtschaftliche und soziale Verbesserungen der Beitrittsländer das Interesse an einer Migration zurückgehen lassen.
Außerdem vollzieht sich in den östlichen – wie in den westeuropäischen – Nachbarstaaten eine ähnliche demographische Entwicklung wie in unserem Land .

Für Deutschland bedeutet diese Entwicklung eine Herausforderung, sie bietet aber auch die Chance, durch Aus- und Weiterbildung das Innovationspotenzial in unserem Land zu erhöhen. Ziel gemeinsamer Anstrengungen von Bund und Ländern muss sein, den Arbeitskräftenachwuchs qualifiziert auszubilden und ihm auch berufliche Entfaltungsmöglichkeiten zu eröffnen, die den auf den international erweiterten Arbeitsmärkten nachgefragten jungen Menschen eine attraktive Zukunft versprechen. Als rohstoffarmes Land kann es sich Deutschland nicht leisten, dass der hier ausgebildete und dringend benötigte hochqualifizierte Nachwuchs ins Ausland abwandert. Globalisierung der Arbeitsmärkte und zunehmende Mobilität erfordern auch, dass Deutschland sich attraktiv und offen für qualifizierte Nachwuchskräfte aus anderen Ländern zeigt; diese sind nicht nur eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereicherung, sie werden auch im Beschäftigungssystem gebraucht.

Die Sonderstellung der neuen Länder
Besonderes Augenmerk erfordert die Entwicklung in den neuen Ländern. Dort wirkt sich schon jetzt der demographische Effekt im Bildungsbereich aus; seine Folgen werden den Arbeitsmarkt in den neuen Ländern viel früher als in den alten Ländern treffen, bei den Erwerbspersonen mit abgeschlossener Berufsausbildung ab 2008/2009. Bei sinkenden Bevölkerungszahlen wird sich die Gefahr von Engpässen bei qualifizierten Arbeitskräften durch zunehmende (Netto-)Abwanderung von Fachkräften verschärfen. Ein „Ausbluten“ der neuen Länder und ein dauerhaftes strukturelles Ungleichgewicht hätten erhebliche negative Folgen für ganz Deutschland.


Der Bericht ist von den Regierungschefs erbeten worden. Eine vollständige Veröffentlichung ist erst nach Kenntnisnahme durch die Regierungschefs möglich. Er wird danach auf der Homepage der BLK ( www.blk-bonn.de ) eingestellt.

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Burghard Kraft idw

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