DJI-Studie belegt anhaltend hohes Interesse an Jugendverbandsarbeit

Die Kinder- und Jugendarbeit leidet nicht nur unter teilweise drastischen Mittelkürzungen, sondern auch unter mangelnder Wertschätzung. Insbesondere die Jugendverbände gelten häufig als Auslaufmodell. Die Auswertungen der DJI-Jugendverbandserhebung zeigen jedoch ein anderes Bild: Die Gesamtzahl der Mitglieder in den befragten Jugendverbänden ist relativ konstant geblieben.

Insgesamt leidet die Kinder- und Jugendarbeit vielerorts sowohl unter mangelnder Anerkennung als auch unter zum Teil drastischen Mittelkürzungen. Dabei wird die Jugendarbeit neben Elternhaus und Schule mehr denn je als ergänzendes Setting des Aufwachsens gebraucht, um Jugendliche „von der Straße zu holen“. Insbesondere die Jugendverbände gelten in vielen Diskussionen zur Jugendarbeit als Auslaufmodell.

Jugendliche hätten angeblich keine Lust mehr, sich an eine Wertegemeinschaft zu binden und verlässlich durch ihr bürgerschaftliches Engagement zum Erhalt der verbandlichen Strukturen beizutragen. Eine aktuelle DJI-Studie findet für diese These jedoch keine Belege. Die Analysen des Deutschen Jugendinstituts und des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund ergänzen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe seit Langem die empirischen Daten der amtlichen Statistik.

Dr. Mike Seckinger, Leiter des DJI-Projektteams „Jugendhilfe und sozialer Wandel“, sieht auch in der jüngsten der seit Jahren regelmäßig durchgeführten DJI-Jugendverbandserhebungen keine Hinweise auf eine generell zurückgehende Nachfrage seitens der Jugendlichen. Vielmehr sei die Kürzung der bereitgestellten Mittel – zumindest in bestimmten Regionen – ein ernsthaftes Problem für die Jugendarbeit. Gerade hat z.B. der Freistaat Sachsen einschneidende Kürzungen beschlossen, obwohl es nach dem Achten Sozialgesetzbuch eine Pflichtaufgabe des Staates ist, die Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit zu sichern, wie auch Daniel Grein (Geschäftsführer Deutscher Bundesjugendring) gegenüber DJI Online betont.

Der Finanzdruck führt in vielen Kommunen u.a. dazu, dass die Wirksamkeit der eingesetzten Mittel stärker als bisher überprüft wird. „Das Thema Wirkungsforschung/Evaluation in der Jugendarbeit wird uns in Zukunft noch stärker beschäftigen als bislang“, meint Dr. Reinhard Liebig vom Forschungsverbund DJI/TU Dortmund im DJI Online Gespräch. Er sieht im Nachweis von Effekten – wie dem Kompetenzerwerb durch ehrenamtliche Tätigkeiten – eine Chance für die Jugend(verbands)arbeit, ihre Bildungspotenziale aufzuzeigen und ihre Attraktivität zu steigern.

Viele Jugendverbände haben ihre Aktivitäten um Angebote an Schulen erweitert und sind damit ein wichtiger Partner für den Ausbau der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern geworden. Etwa zwei von fünf Jugendverbänden (40%) verfügen über Angebote an Schulen. In Ostdeutschland ist dies signifikant häufiger der Fall (52% gegenüber 34%). Diese Organisationen sind aber nur noch selten in übergeordnete Verbandsstrukturen eingebunden.

Die Kooperation mit den Schulen hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Ein Teil der befragten Jugendverbände profitiert von der Zusammenarbeit mit Schulen. Sie erreichen neue Zielgruppen und können Kinder und Jugendliche auch für Angebote außerhalb der Schule interessieren. Ein anderer Teil muss erhebliche Anpassungsleistungen an die Schule erbringen und Ressourcen aus anderen Bereichen abziehen, um die Angebote an Schulen überhaupt durchführen zu können. Dies hat wiederum negative Auswirkungen auf das eigentliche Angebot der Jugendverbände und bedroht sie in ihrem Selbstverständnis.

Neben den bildungsorientierten Angeboten stehen die „traditionellen“ Aktivitäten wie Fahrten, Freizeiten und Gruppenarbeit mit über 80 Prozent nach wie vor im Vordergrund der verbandlichen Jugendarbeit. Hierzu gehören auch die Ferienprogramme vieler Verbände, mit denen einerseits berufstätige Eltern entlastet und andererseits Jugendliche erreicht werden, die bisher nicht an verbandlichen Aktivitäten teilgenommen haben. Obwohl die Nutzung von Mobiltelefon und Internet für den Großteil der Jugendlichen heute zum Alltag gehört, ist der Anteil von Jugendverbänden, die medienpädagogische Angebote bereitstellen, mit 16 Prozent als sehr gering einzustufen. Die Nutzung neuer Kommunikationsformen sowie der Umgang mit der Informationsflut und das Thema Jugendschutz könnten noch stärker thematisiert werden, so die DJI-Studie.

Die Jugendverbände repräsentieren nach wie vor ein sehr breites Spektrum an Weltanschauungen und Überzeugungen, sind aber noch weit davon entfernt ein Spiegel der Migrationsgesellschaft zu sein. Im Bereich interkultureller Öffnung der Jugendverbände gibt es trotz programmatischer Aussagen noch wenig Fortschritte. Obwohl etliche Verbände mit ihren Angeboten in den vergangenen Jahren mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund gegenüber früher erreicht haben, sind Jugendliche mit Migrationserfahrung in den etablierten Jugendverbänden in der Regel unterrepräsentiert. Dies gilt vor allem für die ehrenamtlich und hauptamtlich Aktiven. Dr. Mike Seckinger (DJI) warnt jedoch vor einer „von oben verordneten“ Öffnung für sozial benachteiligte Jugendliche oder Jugendliche mit Migrationshintergrund in Verbindung mit einem Integrationsauftrag. Dies würde den wichtigsten Strukturprinzipien der Jugendverbandsarbeit – der Freiwilligkeit und Selbstorganisation – widersprechen: „Die besondere Leistung von Jugendverbänden besteht darin, dass sie Jugendlichen die Möglichkeiten zur Selbsterprobung und zur Verantwortungsübernahme eröffnen. Dies geht nicht, wenn andere bereits genau definiert haben, wie und mit welchem Ergebnis dies stattfinden soll.“ Auf der anderen Seite wäre es sicher hilfreich, wenn die Jugendringe vor Ort aktiv um die sogenannten Migranten-Selbstorganisationen als neue Mitglieder werben würden.

Media Contact

Andrea Macion idw

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