Indianergift für die moderne Medizin

Der heutige Nutzen des südamerikanischen Pfeilgifts Curare

Verschiedene Pflanzengifte, die die Indianer Südamerikas nutzten, wurden in Europa unter dem Sammelbegriff Curare bekannt. Bei deren wissenschaftlicher Untersuchung wurden dabei eher zufällig Anwendungsmöglichkeiten entdeckt, die Curare zu einem heute unentbehrlichen Stoff für die Medizin machten. Dr. Tobias Buzello hat sich am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln mit der Historie und dem Potential von Curare beschäftigt und dessen Weg vom Gift zum Helfer verfolgt.

Die westliche Welt kam bald nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents mit den südamerikanischen Pfeilgiften in Berührung. Die Indianer nutzten diese als Waffe gegen die europäischen Besatzungstruppen. Der Begriff Curare entstammt der Sprache der Tupi-Indianer, in der `ourari´ soviel bedeutet wie `Flüssigkeit, die einen Vogel töten kann´. Seine todbringende Wirkung besteht in der Lähmung der Atemmuskulatur. Das Gift verbreitete unter den westlichen Truppen große Ängste und in der Hoffnung, ein Gegengift zu entwickeln, nahmen sich westliche Forscher dieser Substanz an. Dieser Versuch schlug fehl, doch im Laufe der intensiven Beschäftigung mit Curare entstand die Idee, dass dessen muskelentspannende Wirkung mit Gewinn in der Medizin eingesetzt werden kann.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte man Curare therapeutisch gegen Tollwut, Epilepsie, Tetanus und Morbus Parkinson ein. Auch in der Psychiatrie wurde es verwendet, um die damals verbreitete Elektroschock-Therapie zu unterstützen. Letztlich erwies sich Curare aber nur in einem Bereich von nachhaltiger Bedeutung, nämlich als Relaxan bei chirurgischen Operationen. Hinsichtlich dieser Eigenschaft erwies sich der Stoff den bisher dagewesenen Mitteln wie Äther oder Chloroform als überlegen und wurde somit Mitte des 20. Jahrhunderts zum medizinischen Standard. Dies war jedoch nicht ohne Risiko, da die extrem lähmende Wirkung erst im Laufe der Zeit so kontrolliert werden konnte, dass es nicht zu ungewollten Todesfällen kam.

Als das natürliche Angebot an Curare die rapide steigende Nachfrage nicht mehr befriedigen konnte, wurden synthetische Ersatzprodukte entwickelt. Dies war jedoch erst mit der Erfindung moderner Forschung- und Analyseverfahren wie der Dünnschichtchromatographie möglich geworden, so dass ein durchschlagender Erfolg erst in den 60er Jahren zu verzeichnen war. Mit den neuen Substanzen konnten auch die gefährlichen Nebenwirkungen minimiert werden, so dass diese heute einen sicheren und zuverlässigen Bestandteil der modernen Anästhesie darstellen.

Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Daniel Schäfer unter der Telefonnummer 0221/478-6796, der Fax-Nummer 0221/478-6794 und unter der Email-Adresse ajg01@uni-koeln.de zur Verfügung.

Media Contact

Gabriele Rutzen idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-koeln.de/pi/

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit

Dieser Fachbereich fasst die Vielzahl der medizinischen Fachrichtungen aus dem Bereich der Humanmedizin zusammen.

Unter anderem finden Sie hier Berichte aus den Teilbereichen: Anästhesiologie, Anatomie, Chirurgie, Humangenetik, Hygiene und Umweltmedizin, Innere Medizin, Neurologie, Pharmakologie, Physiologie, Urologie oder Zahnmedizin.

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Durch maschinelles Lernen Stoffklassen erkennen

Bioinformatiker der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben gemeinsam mit Kollegen aus Finnland und den USA eine weltweit einmalige Methode entwickelt, bei der alle Metaboliten in einer Probe berücksichtigt werden können und sich…

Fingerkuppen-Sensor mit Feingefühl

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) und der Universität Tokyo haben einen ultradünnen Mess-Sensor entwickelt, der wie eine zweite Haut auf der Fingerkuppe getragen werden kann. Dadurch bleibt…

Harzer Stausee drohen italienische Wassertemperaturen

Die Rappbodetalsperre im Harz ist die größte Trinkwassertalsperre in Deutschland und beliefert rund 1 Mio. Menschen mit Trinkwasser. Der Klimawandel könnte nun dafür sorgen, dass die Wassertemperaturen in dem Stausee…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close