Frankreich intensiviert den Ausbau der Nanotechnologie

Schwerpunkt des neuen staatlichen Forschungsprogramms „Nano 2012“ ist das Kompetenzzentrum Minalogic in Grenoble. Die wachsende Nano-Landschaft motiviert immer mehr ausländische Unternehmen zu Investitionen und Partnerschaften.

Für Oséo Innovation, die französische Förderinstitution für den KMU-Sektor, gehört die Nanotechnologie neben den Bio- und Ökotechnologien zu den Zweigen, in denen Frankreich auf der internationalen Bühne eine stärkere Rolle spielen soll.

Für die Finanzierung von gemeinsamen Projekten innovativer mittelständischer Unternehmen verfügt Oséo Innovation über einen Fonds von 300 Mio. Euro. Das Konzept folgt dem nationalen Programm über strategische industrielle Innovationen – die Förderung pro Projekt liegt zwischen 3 Mio. und 10 Mio. Euro, entweder als Subvention oder rückzahlbares Darlehen.

Regional konzentriert sich die Nanotechnologie im Kompetenzzentrum Minalogic im Département de l'Isère (Rhône-Alpes) um die Städte Grenoble und Crolles. Das Zentrum widmet sich der Forschung in der Nanotechnologie und entwickelt intelligente miniaturisierte Systeme, mikroelektronische Komponenten und Softwarelösungen. Minalogic zählt unter den insgesamt 71 französischen Kompetenzzentren zu den sieben Weltzentren mit Anspruch auf internationale Technologieführerschaft.

Geprägt wurde das Hightech-Cluster durch Großunternehmen wie STMicroelectronics, Philips und Motorola. 2000 gründeten STMicroelectronics und Philips Semiconductors die Alliance Crolles, 2001 wurde die taiwanesische TSMA assoziiert, 2002 Motorola Semiconductors (später Freescale). STMicro, Freescale und NXP Semiconductors (Philips) formten 2002 das Programm Crolles 2 zur Entwicklung von CMOS-Technologien. Die Allianz investierte bis 2007 insgesamt 3,4 Mrd. Euro und schuf 1.340 Arbeitsplätze. Mit dem Austritt von NXP im Jahre 2007 erklärten STMicro und Freescale das Projekt (planmäßig zum Jahresende) für beendet.

Das Nachfolgeprogramm für CMOS-Technologien (32 und 22nm) in Minalogic heißt „Nano 2012“. Frankreichs Premierminister François Fillon will das neue Fünfjahresprogramm mit insgesamt 565 Mio. Euro finanzieren. Rund zwei Drittel sind für „Crolles 3“ (Grenoble, Crolles) bestimmt, ein Drittel für andere Kompetenzzentren in Caen und der Provinz Provence Alpes-Côte d'Azur. Getragen wird das Programm von STMicroelectronics und dem neuen Partner IBM, dem CEA (Commissariat à l'Énergie Atomique) und öffentlichen Einrichtungen. Es beinhaltet Forschung & Entwicklung wie auch die industrielle Anwendung.

Die F&E-Ausgaben für Nano 2012 bezifferte Fillon mit 2,5 Mrd. Euro, den Beschäftigungseffekt mit 650 Arbeitsplätzen. Hinzu kommen Ausrüstungsinvestitionen durch STMicroelectronics in Höhe von 1,25 Mrd. US$. Die Produktionskapazität für Silizium-Scheiben (300 mm) in Crolles soll sich von 2.800 auf 4.500 pro Woche erhöhen. Das Beispiel der späten 80er Jahre – als Grenoble die Entwicklung bestritt und die Massenproduktion in Ostasien stattfand – solle sich laut dem Premierminister nicht wiederholen.

Minalogic ist in den letzten drei Jahren bedeutend gewachsen. Die Anzahl der Unternehmen stieg von 28 auf 85 (75% KMU, die Hälfte davon mit unter 25 Beschäftigten), die der weiteren Partner von 52 auf 124. Außer den genannten Unternehmen sind unter anderem folgende vertreten: Adixen, Air Liquide, Biomérieux, Schneider Electric, France Telecom, Nanoident, Thales und Xerox. Minalogic gilt inzwischen als weltführend – auf dem Niveau von East Fishkill bei New York und dem Technologiepark Hsinchu in Taiwan.

Die Attraktivität für ausländische Unternehmen an Investitionen und Partnerschaften nimmt zu – zuletzt kamen Unternehmen wie Hewlett Packard (virtual nodes), Nikon oder Monolithic Power Systems (analoge Halbleiter) aus Silicon Valley (Kalifornien). Boc Edwards (Linde Group) verlegte den Stammsitz von London nach Bernin-Crolles. Einen bedeutenden neuen Schub verspricht die Ausweitung der medizintechnischen Anwendungen durch die Gründung von Clinatec, eine experimentelle auf Nanotechnologie basierende neurochirurgische Klinik.

Das Rückgrat der Nanotechnologie ist das Forschungszentrum CEA LETI in Grenoble, eines von neun Forschungsinstituten des CEA und Teil des europäischen Exzellenz-Zentrums für Nano- und Mikrotechnologie Minatec. Zu über 85% konzentriert Leti die Forschung auf Projekte mit externen Partnern. Im letzten Jahr waren es 350 Verträge mit 200 Partnern, das Jahresbudget belief sich auf 174 Mio. Euro. Rund 30 Start-up-Unternehmen erwuchsen aus der Institution – darunter Soitec, Asygn, Kalray oder Fluoptics. Der Forschungsstab umfasst über 1.000 Wissenschaftler.

Neben Minalogic bestehen in Frankreich noch vier weitere Zentren für Mikro- und Nanotechnologien in Lille, Toulouse, Besançon und Paris. Lille bildet mit dem Institut d'Electronique de Microélectronique et Nanotechnologie (IEMN) wohl das zweitgrößte Forschungscluster. Toulouse spezialisierte sich auf Systemarchitekturen mit dem Nukleus im Laboratoire d'Architecture et d'Analyse des Systèmes (LAAS). Besançon ist auf Mikrosysteme und -technologien ausgerichtet.

Die Pariser Region (Orsay, Marcoussis) gilt als internationales Technologiezentrum für Nanoelektronik, Photonics, Mikrosysteme, NanoBiotech und Nanomaterialien. Die Forschung wird getragen vom Institut d'Electronique Fondamentale (IEF) und dem Laboratoire de Photonique et de Nanostructures (LPN). Es bestehen zahlreiche industrielle Partnerschaften mit Unternehmen wie Altis, Thales, STMicroectronics, Sony, Schneider oder Horiba Jobin Yvon. Thales und Alcatel errichteten hier das größte industrielle europäische Forschungslabor im III-V-Halbleiterfeld für die Bereiche Telekommunikation, Verteidigung, Sicherheit und Weltraum.

Zwei weitere bedeutende Kompetenzzentren sind SCS (solutions communicantes sécurisées) in Provence-Alpes-Côte d'Azur und System@tic Paris Région in Saint-Aubin (Essonne). SCS widmet sich Softwarelösungen und Speicherchips für die Sicherung von Datenübertragungen, System@tic konzentriert sich auf komplexe elektronische Systeme für die Steuerung, Überwachung und Kontrolle von Hightech-Anlagen.

In System@tic wurden seit 2005 insgesamt 101 Forschungsprojekte durchgeführt mit Investitionen über 572 Mio. Euro, wozu der Staat, ANR und Oséo 220 Mio. Euro beitrugen. In den ersten acht Monaten 2008 waren es 38 Mio. Euro, davon 17 Mio. Euro aus öffentlichen Mitteln. Hierbei wurden vier Projekte von KMUs durchgeführt (Egylis, Open Wide, Simpoe, Wallix), die zu 36% von der öffentlichen Finanzierung profitieren. Vielversprechend ist auch die neue Demonstrationsplattform (Neptune) für drahtlose Netze der neuen Generation.

Die Zuständigkeit für die Verteilung öffentlicher Forschungsgelder für die wichtigsten Hightech-Zweige – darunter die Mikro- und Nanotechnologie – wurde im Januar 2007 an die neu gegründete Agence Nationale de Recherche (ANR) übertragen. Die Agentur richtet sich an öffentliche Forschungseinrichtungen wie auch Privatunternehmen mit dem Zweck des gegenseitigen Kennenlernens und Entwicklung von Partnerschaften. Laut dem letzten ANR-Jahresbericht wurden in den Jahren 2005 bis 2007 für das „Programme des Nanosciences et Nanotechnologies“ (PNANO) insgesamt 99,3 Mio. Euro gewährt.

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