Sauerkraut und Federbett

"The Germans eating Sour Krout" - als ersten, zweiten, dritten Gang.

Volkskundlerin aus Münster untersucht nationale Stereotypen in englischen Druckgrafiken

Der Deutsche an sich ernährt sich ausschließlich von Sauerkraut, der Holländer ist stets nur auf das Mehren seines Gewinns bedacht, der Franzose ist verschwendungssüchtig und modeorientiert, der Spanier stolz und aufbrausend. Von England aus gesehen, war die Welt im 18. Jahrhundert eine Ansammlung von Klischees, denen der Brite natürlich deutlich überlegen war. Solche und ähnliche Stereotypen finden sich vor allem in den damals massenhaft verbreiteten Gebrauchsgrafiken, mit denen für Britannia Stimmung gemacht wurde. Erstmals werden sie nun systematisch von der Volkskundlerin Silke Meyer von der Universität Münster untersucht. Das zweijährige Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Allein im British Museum sind weit über 10.000 Blätter zu finden, die bisher noch nicht unter dieser Fragestellung ausgewertet wurden. Gerade das englische Material ist besonders reichhaltig: „Zum einen gab es in England bereits damals keine Zensur und damit auch ein ausgesprochenes Vergnügen an der Karikatur, zum anderen war die englische Druckgrafik technisch sehr weit entwickelt“, so Meyer. Das 18. Jahrhundert wählte sie als Ausgangspunkt, weil damals die Entwicklung der Nationalstaaten einsetzte. Darüber hinaus befand sich England von 1700 bis 1800 über 75 Jahre lang im Krieg mit wechselnden Gegnern, was die Produktion von Karikaturen jeweils deutlich ankurbelte.

Die Karikaturen, Theater- oder Kinderdrucke und andere Gebrauchsgraphiken, illustrierte Reiseberichte, Geographiebücher und ähnliche Werke untersucht Meyer nach festgelegten Kriterien. Die dargestellte Kleidung, Nahrung, die Physiognomie, den Körper und die Haltung der handelnden Personen und immer wieder auftauchende Attribute geben Auskunft darüber, wie die Engländer ihre Nachbarn sahen.

Die Holländer, die nach dem dreißigjährigen Krieg zu ernsthaften Wirtschaftskonkurrenten der Briten geworden waren, kommen am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts besonders schlecht in den Darstellungen weg. Dass diese sich in späteren Kriegen oftmals neutral stellten und sich ganz auf den Handel konzentrierten, warfen ihnen die Briten vor allem vor. Daraus entwickelte sich eine typische Darstellungsform: In den meisten Karikaturen und Grafiken zeichnet sich der Holländer durch eine feiste stämmige Figur aus, bodenständig und phlegmatisch, charakteristisch dargestellt vor allem in seiner Körperhaltung mit parallel gestellten Beinen, festem Schritt und den Händen in den Hosentaschen, um abwartende Gleichgültigkeit zu signalisieren. Zu seinen ständigen Attributen gehört die Pfeife eines Bauern.

Die Darstellung der Franzosen ist besonders interessant unter dem Gesichtspunkt der Französischen Revolution. Nach 1798 wird der bis dahin eitle, modesüchtige und geckenhafte Franzose, porträtiert in zierlicher Körpergestalt, spitzer Physiognomie und ausladendem Gestus ersetzt durch das Bild des Revolutionärs. Verkniffen, verhärmt, verwahrlost sind die Gestalten, die für das revolutionäre Frankreich stehen. Erstmals sind auch Frauen als Kennzeichen der grausamen Hysterie im revolutionären Frankreich Protagonisten, während sich die Darstellung ansonsten auf Männer beschränkte. Nach den napoleonischen Kriegen wird dann wieder auf alte Klischees vom Erzfeind zurückgegriffen. Die Spanier dagegen standen im 18. Jahrhundert nicht so im Mittelpunkt des Interesses wie die französischen Nachbarn. Sie traten meist in der Mode des 16. und 17. Jahrhunderts auf, mit stolzen, aufbrausenden Gesten.

Das Deutschland-Bild der Engländer ist von zwei Besonderheiten geprägt: Zum einen sind hier viel weniger ausgeprägte Stereotypen zu beobachten als in der Darstellung anderer Länder. Sauerkraut und Federbett sind die einzigen feststehenden Attribute. Das erklärt sich dadurch, dass Deutschland zu dieser Zeit noch lange nicht zu einem Staat zusammengewachsen war. Zum anderen ist das Bild von den Deutschen überwiegend positiv besetzt. Durch die enge Personalunion zwischen England und Hannover und das Bündnis mit Preußen, die sich auch darin widerspiegelt, dass die gezeichneten Deutschen oft Friedrich II. ähnelten, waren die Engländer den Deutschen gegenüber sehr viel freundlicher eingestellt. Da sie aber zumeist nur Kontakt mit deutschen Soldaten hatten, stehen diese im Mittelpunkt.

Die Grafiken hatten einen sehr viel höheren Stellenwert als heute. Sie wurden in Alben gesammelt, sie schmückten die Wände des Bürgertums und auch eher ärmlicher Haushalte, sie dienten als Ausgangspunkt politischer Diskussionen. Das englische Bürgertum im 18. Jahrhundert war überaus interessiert an und informiert über Politik und Gesellschaft. Zentrales Medium zur Vermittlung von Propaganda und Aufklärung waren dabei eben jene Grafiken, die zum einen in Läden und auf der Straße verkauft, zum anderen von der Regierung und anderen Gruppierungen unters Volk gebracht wurden.

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Brigitte Nussbaum idw

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