Deutsche Kaufleute und Bankiers finanzierten die Eroberung Lateinamerikas mit

Die oberdeutsche und norditalienische Hochfinanz war maßgeblich an der Eroberung und Erschließung Lateinamerikas im 16. Jahrhundert beteiligt. Handelsmagnaten und Bankhäuser wie die Augsburger Fugger und Welser finanzierten für die spanische Krone Schiffsexpeditionen und ließen sich dafür weitgehende Rechte zur wirtschaftlichen Exploration der Neuen Welt einräumen. Solche Vereinbarungen wurden in so genannten „Asientos“ – Generalverträgen – sowie in einer Vielzahl von Unter- und Nebenvereinbarungen dokumentiert; eine Auswahl davon hat jetzt der Jenaer Wirtschafts- und Sozialhistoriker Rolf Walter erstmals ediert.

Jena (13.02.01) Christoph Kolumbus, Amerigo Vespucci, Hernán Cortéz oder Francisco Pizarro: Das sind die Namen, die man landläufig mit der Entdeckung und Eroberung Lateinamerikas verbindet. In der Überlieferung als wagemutige Seefahrer oder goldgierige Abenteurer dargestellt, gebührt ihnen aber nur der schillerndste Part in der Geschichte der „conquista“.

Ein anderes, wohl ebenso spannendes Kapitel spielt weniger unter der sengenden Äquatorsonne, sondern mehr in den stillen Kontoren und Kanzleien der oberdeutschen und norditalienischen Hochfinanz: zu Augsburg, Nürnberg und Genua und den Faktoreien zu Sevilla und Cádiz. Denn von dort aus organisierten die Fugger, Welser, Neidhart und Cromberger, die Spinola, Cattaneo und andere für die spanische Krone die Finanzierung der teuren und risikoreichen Expeditionen in die Neue Welt. Prof. Dr. Rolf Walter, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Universität Jena, bringt nun, nach 500 Jahren, Licht in die kommerziellen Hintergründe einer beispiellosen Expansionsunternehmung, die Millionen Gulden verschlang.

Unzählige Notariatsakten aus den Archiven von Sevilla und Cádiz haben er und sein akademischer Lehrer, der inzwischen verstorbene Hermann Kellenbenz, gesichtet und ausgewertet. Fast 1.000 davon legt Walter nun erstmals in einer luziden Edition der Öffentlichkeit vor. Dabei geht es um Darlehen, Bürgschaften und Wechselgeschäfte, den Zahlungsverkehr sowie Geld- und Messegeschäfte großen Stils. Sichtbar wird damit ein verzweigtes Beziehungsgeflecht zwischen einer Gruppe international operierender Finanzmagnaten und dem iberischen Herrscherhaus.

In einen System von Verträgen und Unterverträgen wurden die Rechte und Pflichten der beteiligten Partner dokumentiert: auf der einen Seite Konsortien von Geldgebern, auf der anderen zumeist die Beauftragten der spanischen Krone. Minutiös halten diese Kontrakte fest, wo in der Neuen Welt Niederlassungen und Faktoreien zu gründen wären oder welche Fachkräfte die Ausbeutung der vermuteten Reichtümer vor Ort betreiben sollten. Nicht zuletzt Bergleute wurden gen Westen verschifft, denn die Handelsherren waren geradezu elektrisiert von dem Gedanken an Gold und Silber. Zunächst aber mussten sie investieren.

So vereinbarte etwa Bartholomäus Welser mit Kaiser Karl V. 1528 einen so genannten „Asiento“, einen Generalvertrag, über das heutige Venezuela. Welser finanzierte die Flotten, ihre Ausrüstung und die Besatzung und erhielt das Land im Gegenzug praktisch zum Lehen. Eine andere Unternehmung, die Loaisa-Expedition, führte 1525 die brasilianische Küste entlang – und scheiterte später im Pazifik. Allein die Fugger, die den Löwenanteil in diesem Konsortialgeschäft finanzierten, verloren 10.000 Dukaten. – „Venture Capital“, sagt Rolf Walter, „die Fugger als echte ,global players’ konnten das verschmerzen, aber geärgert hat es sie sicher.“ Denn später versuchten die Augsburger Handelsmagnaten den Verlust gegen die spanische Krone einzuklagen, blieben aber auch damit erfolglos.

Ursprünglich war ihnen sogar das riesige Gebiet des heutigen Chile zugedacht. Ein entsprechender Vertrag wurde zwar unterzeichnet, aber nicht ratifiziert. „Die Gründe kennen wir nicht“, so Walter, „aber die Fugger waren auch im Südamerika-Geschäft sehr vorsichtige Kaufleute.“ Anders die Welser, die in der zweiten Phase der Westexpansion einen Stützpunkt auf Santo Domingo gründeten, um von dort aus die „tierra firme“, das Festland, zu erschließen. „Die Welser schickten sogar ihre besten Leute in die Neue Welt“, weiß Walter, „viele, sogar Mitglieder der Familie, verloren dort ihr Leben.“ Der Handel mit Gold und Silber, Edelsteinen und Perlen von der Isla Margarita blühte, sogar in das Geschäft mit Sklaven waren die deutschen Kaufleute verwickelt. Amortisiert haben sich die hohen Investitionskosten jedoch letztlich nie.

Einige dieser frühneuzeitlichen Venture-Kapitalisten bezahlten ihr Engagement mit dem finanziellen Ruin – nicht zuletzt weil sich das prunksüchtige und hoch verschuldete spanische Herrscherhaus bei Geldgeschäften als ein ziemlich unsicherer Kantonist erwies. So musste sich Jakob Fugger nicht genieren, Karl V. 1523 eindringlich daran zu erinnern, wer ihm vier Jahre zuvor die Kaiserwahl finanziert hatte. Und als in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mehrere Staatsbankrotte den Glanz der Habsburger Dynastie trübten, verloren vor allem deutsche und italienische Finanzhäuser viel Kapital. Zudem verstand es Karls Nachfolger Philipp II. geschickt, die ausländischen Geldgeber allmählich aus dem Lateinamerika-Geschäft zu verdrängen.

„Rein wirtschaftlich gesehen, war das Engagement der oberdeutschen und italienischen Finanzwelt in der Neuen Welt ein Desaster“, urteilt Rolf Walter. Die politischen und kulturellen Folgen aber bleiben bis heute spürbar. Walter erinnert an die Teilung der Welt in eine spanische und portugiesische Hemisphäre 1494 durch den Vertrag von Tordesillas, aber auch an eine ganze Palette neuer Konsumgüter, die aus der Neuen Welt nach Europa importiert wurden. Kakao, Tabak, Tomaten, Kartoffeln, Mais, Erdnüsse, Vanille und Bohnen: Auch das hat die – abendländische – Welt verändert.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Rolf Walter
Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Jena
Tel.: 03641/943320, Fax: 943322
E-Mail: R.Walter@wiwi.uni-jena.de

Literatur: Hermann Kellenbenz (), Rolf Walter (Hgg.): Oberdeutsche Kaufleute in Sevilla und Cádiz (1525-1560). Eine Edition von Notariatsakten aus den dortigen Archiven. Stuttgart 2001. 712 Seiten. 144,00 DM


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