Wird das Erzgebirge bald ein "Altenhaus"?

EU-Projekt ermittelt Gemütszustand von Böhmen und Sachsen in der Grenzregion

An der böhmisch-sächsischen Grenze ist Europa sowohl ein Gegenstand der Hoffnung als auch der Skepsis. Für Pavla Tiserová und Ilona Scherm von der TU Chemnitz macht diese Zwiespältigkeit den Reiz ihres Forschungsvorhabens aus. In dem von der Europäischen Union geförderten Projekt „Border Identities“ tragen die beiden Germanistinnen seit zwei Jahren die Lebensgeschichten von Menschen diesseits und jenseits der Grenze zusammen. In 36 mehrstündigen biographischen Interviews, die sie in Bärenstein und Vejprty durchführten, offenbarten sich dabei immer wieder von Schicksalsschlägen geprägte Lebensläufe. Der Einmarsch der Nazi-Truppen 1938 ins Sudetenland gehört zu den historisch sensiblen Ereignissen der Vergangenheit, ebenso die Vertreibung der Sudetendeutschen in den Jahren 1945/46 und die Invasion der Warschauer-Pakt-Armeen im August 1968. Um persönliche Erinnerungen wachzurufen, wurden den Befragten dabei auch 28 Fotos vorgelegt, die die bewegte Geschichte an der böhmisch-sächsischen Grenze dokumentieren.

Vor diesem Hintergrund interessierten sich die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Chemnitzer Professur für Germanistische Sprachwissenschaft besonders dafür, welche Positionen die Deutschen und Tschechen zu aktuellen Themen beziehen – zur EU-Osterweiterung zum Beispiel oder zur Förderung der Grenzregion durch Programme der Europäischen Union. Denn gerade nach Bärenstein und Vejprty sind nicht unerhebliche Summen für grenzüberschreitende Projekte geflossen. So werden beide Gemeinden oftmals als Modellfall für deutsch-tschechische Kooperationsmaßnahmen dargestellt. Zum Beispiel wurde eine gemeinsame Kläranlage in Vejprty gebaut und das „Sächsische Haus“ in Bärenstein mit EU-Fördergeldern zu einem „Haus der Begegnung“ umgestaltet. Von der Bevölkerung, so haben die Interviews ergeben, werden diese Projekte überwiegend positiv bewertet, wenngleich auch teilweise Skepsis mitschwingt, gerade was die Beteiligung tschechischer Bürger an gemeinsamen Veranstaltungen betrifft. Die Sprachbarriere spielt hier eine entscheidende Rolle.

Tschechen hoffen auf Europa

Unter Leitung von Prof. Dr. Werner Holly, der die Chemnitzer Professur für Germanistische Sprachwissenschaft leitet, wurden mehrere Familien zum Thema „Europa“ befragt, in denen drei Generationen vertreten waren. Es zeigte sich, dass ein Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union besonders auf der böhmischen Seite mit großen Hoffnungen verbunden ist, obwohl der gegenwärtige Entwicklungsstand des Landes überwiegend mit kritischen Augen gesehen wird. In Bärenstein setzt gerade die älteste Generation große Hoffnungen auf ein vereintes Europa. Dagegen äußerten sich deutsche Teenager eher gleichgültig bis abweisend, wenn sie zur Osterweiterung der EU befragt wurden. Und die mittlere Altersgruppe treibt in Bärenstein vermehrt die Sorge um, ein größeres Europa könne sich negativ auf den regionalen Arbeitsmarkt auswirken.

Auch dass nach dem EU-Beitritt Tschechiens die Grenzkontrollen wegfallen, ist ein wichtiges Thema, das die Menschen im Grenzgebiet bewegt. Dabei wird auf der deutschen Seite immer wieder die Angst vor Zuwanderung und vor einer steigenden Kriminalitätsrate genannt. Dagegen erwarten die wenigsten, dass durch den Wegfall der Grenze das Wohlstandsgefälle zwischen beiden Ländern verschwindet. Neben der Einführung des Euro zu Beginn des Jahres 2002 regt auch die Institution der Euroregion immer wieder kontroverse Diskussionen an. Beiderseits der Grenze beklagt ein Großteil der Interviewten, viel zu wenig über die Ziele und Aufgaben der Euroregion Erzgebirge/Krusnohorí zu wissen.

Grenzüberschreitende Angst um den Arbeitsplatz

Der rege Einkaufstourismus in der Grenzregion und die damit verbundenen Auswirkungen auf die einheimischen Dienstleistungsbetriebe bewegt vor allem die Bürger auf der sächsischen Seite. In Vejprty werden dagegen vor allem unlautere Geschäftspraktiken einiger vietnamesischer Händler beklagt. Auch die hohe Arbeitslosigkeit von über zwanzig Prozent und die Furcht, dass mehr Migration von Arbeitskräften aus osteuropäischen Staaten diese Situation noch verschärfen könnte, brennt den Menschen in Deutschland und Tschechien gleichermaßen unter den Nägeln. Ein Interviewpartner aus Bärenstein sprach deutlich aus, wie die Zukunft des Erzgebirges aussehen könnte: „Ein Altenhaus. Die Jugend macht ja fort.“

Die Untersuchung der Chemnitzer Germanistinnen Pavla Tiserová und Ilona Scherm an der deutsch-tschechischen Grenze ist eines von sechs Forschungsvorhaben im Rahmen des EU-Projektes „Border Identities“. Weitere wissenschaftlichen Arbeiten werden derzeit an der deutsch-polnischen, an der österreichisch-ungarischen, an der österreichisch-slowenischen, an der italienisch-slowenischen und an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze (in Hirschberg und Tiefengrün) durchgeführt. Mit Abschluss dieses Großprojektes zu Beginn des nächsten Jahres wird eine vollständige Auswertung aller geführten Interviews vorliegen.

Wichtiger Hinweis für die Medien: In der Pressestelle können Sie eine Auswahl historischer Aufnahmen aus Bärenstein und Vejprty anfordern, die bei der Befragung im Rahmen des EU-Projektes „Border-Identity“ eingesetzt worden sind. Darunter auch ein Foto vom Einmarsch der Wehrmacht in Vejprty im Oktober 1938, der von den Nazis als „Tag der Befreiung“ gefeiert wurde (Quelle: Ortschronik Bärenstein), ebenso ein Foto von der Grenzstraße Bärenstein um 1900 (Quelle: Ortschronik Bärenstein) und aus dem Jahr 2000 (Quelle: TU Chemnitz) sowie eine Aufnahme vom Begegnungszentrum „Sächsisches Haus“ in Bärenstein

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