Industrielle Montagearbeit ist Wissensarbeit

Anhand empirischer Untersuchungen in fünf Montagebetrieben zeigt die Soziologin Dr. Sabine Pfeiffer vom ISF München: Moderne Montagearbeit verlangt Fähigkeiten, die in keiner Arbeitsplatzbeschreibung stehen. Und diese Fähigkeiten wenden erfahrene Montagearbeiter tagtäglich an, denn sonst stünde es schlecht um Taktzeiten, Produktqualität und Wettbewerbschancen.

Montage ist Wissensarbeit – freilich geht es da nicht in erster Linie um theoretisches, auf formalem Wege vermitteltes Wissen, sondern vor allem um praktisches Wissen, um Erfahrungswissen. Einen raschen Überblick erlaubt ein interaktiver „Kompass Montage Erfahrung“, der im Internet zur Verfügung steht.

Pfeiffers gerade im Rainer Hampp Verlag erschienenes Buch „Montage und Erfahrung“ bietet aber noch viel mehr: eine Analyse der aktuellen Entwicklungstrends in der Montagewelt, eine Auseinandersetzung mit der eigentümlich selektiven Rezeption des Toyota-Systems in der deutschen Industrie und nicht zuletzt einen empirisch gesättigten Beitrag zur laufenden arbeits- und berufsbildungspolitischen Diskussion.

Was soll man sich unter Erfahrungswissen in der Montage vorstellen? Das Buch „Montage und Erfahrung“ und der „Kompass Montage Erfahrung“ präsentieren sehr anschauliche Beispiele. Hier wird sichtbar, wie wertvoll zum Beispiel die ganzheitliche Wahrnehmung einer Geräuschkulisse, Herantasten an Probleme, Gefühl für die Maschine und Intuition sind. Störungen schon im Ansatz erkennen und vermeiden, laufend ganz nebenbei die Qualität überprüfen und auch noch permanent nach Verbesserungen für den Arbeitsablauf Ausschau halten – das sind Leistungen von erfahrenen Montagearbeitern, die für den ökonomischen Erfolg zentrale Bedeutung haben. Dennoch werden sie weithin unterschätzt.

Diese Unterschätzung mag auch an einem idealisierenden Blick auf das große Vorbild flexibler Montagesysteme liegen: auf das Ganzheitliche Produktionssystem von Toyota. Die Autorin macht anhand neuerer Studien auf Missverständnisse im deutschen Blick auf Toyota aufmerksam: Elemente, die ein selbstständiges Eingreifen der Montagearbeiter in den Produktionsprozess zulassen, wie etwa das Ziehen der Reißleine, des „Andon cord“, werden kaum wahrgenommen. Andererseits werden dem Produktionssystem von Toyota Leistungen zugeschrieben, die es auch in Japan nie erfüllen konnte: den Widerspruch zwischen Kosten und Qualität auflösen, Standardisierung und Flexibilisierung versöhnen.

Abgerundet wird das Buch durch ein Plädoyer für eine erfahrungsförderliche Berufsausbildung – und für eine erfahrungsförderliche flexible Standardisierung. Denn nur so können die Erfahrungen der Montagearbeiter tatsächlich voll zur Geltung kommen – und sie sind der entscheidende Faktor für den Erfolg moderner Montagesysteme, nicht nur, aber auch am Standort Deutschland.

Buch und Kompass wurden im Zuge des Projekts „Erfahrungsbasierte WissensArbeit in flexiblen Montagesystemen – WAMo“ erarbeitet. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Konzepts „Forschung für die Produktion von morgen“ unter dem Förderkennzeichen 02PB4090 gefördert und vom Projektträger Forschungszentrum Karlsruhe, Bereich Produktion und Fertigungstechnologien (PFT) betreut.

Das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung – ISF München e.V. ist ein unabhängiges, seit 1965 bestehendes Sozialforschungsinstitut mit gut 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und spielt eine führende Rolle auf den Gebieten der Arbeits- und Industriesoziologie.

Rückfragen zu den Veröffentlichungen und zum Projekt WAMo beantwortet jederzeit gern die Stelle für Publikationen und Öffentlichkeitsarbeit des ISF München, Frank Seiß, Tel. 089/272921-78, [email protected]

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Frank Seiß idw

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