Taugt Indien als Vorbild für Interkulturalität?

Angesichts ausländerfeindlicher Gewalttaten und türkischer Ehrenmorde stimmen deutsche Politiker bereits einen Abgesang auf die „Multi-Kulti-Gesellschaft“ hierzulande an. Indien kann dagegen auf eine beeindruckende Tradition des Zusammenlebens verschiedener Kulturen verweisen. Taugt Indien mit all seiner Vielfalt, mit seinen Entwicklungsfortschritten, aber auch mit seinen schwer verständlichen Widersprüchen als Modell für ein multikulturelles Zusammenleben? Dies ist am 16. und 17. Mai Thema eines Symposiums an der Universität Bonn. Anlass der öffentlichen Veranstaltung im Festsaal des Uni-Hauptgebäudes ist die Biennale Bonn, die in diesem Jahr unter dem Motto Indien steht.

Indien ist in sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ein ungeheuer vielfältiges Land, in dem unter anderem Hindus, Moslems, Christen, Sikhs und Buddhisten leben. In der Vergangenheit hat das auch recht gut geklappt – ein Modell, von dem europäische Gesellschaften lernen können? „Ganz problemlos verlief das Zusammenleben auch in Indien nie“, relativiert der Bonner Indologe Dr. Heinz Werner Wessler. „In den letzten Jahrzehnten nehmen diese Spannungen zu, auch weil sich die Bevölkerungsgruppen mehr und mehr über ihre Religionszugehörigkeit definieren. Traditionell gab es dieses Lagerdenken nicht, diese Idee ’ein Volk, eine Sprache, eine Religion’.“

Das öffentliche Symposium in englischer Sprache zeichnet am 16. und 17. Mai die aktuelle Entwicklung des riesigen Landes nach, das sich in den letzten Jahren neben China zunehmend zur zweiten aufstrebenden Großmacht in Asien entwickelt. Referenten der Bonner Partneruniversität in Mumbai sorgen dabei für Informationen aus erster Hand. Organisiert wird die Veranstaltung vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften, dem Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie sowie dem neutestamentlichen Seminar (Katholische Theologie).

Thema der Veranstaltung ist auch das indische Kastenwesen, das sich in den letzten Jahrzehnten im Umbruch befindet. Das Ziel des Staatswesens, die Privilegien der Oberschicht in der Kastenhierarchie zu brechen, hat dazu geführt, dass sich nun die ehemalige Brahmanenelite diskriminiert sieht.

Im Symposium geht es aber auch um eine Klärung der Begriffe: Sollte man eher von „Multikulturalität“, „Interkulturalität“ oder „Multikommunitarismus“ sprechen? Mit dieser Frage befassen sich insbesondere Prof. Werner Gephart und Prof. A.R. Momin (Universität Mumbai). Prof. Indira Munshi und Prof. Jörg Blasius vergleichen dagegen die Integration von Minderheiten in Deutschland und Indien. Prof. Konrad Klaus und Prof. Hans Findeis beschäftigen sich im letzen Tagungsteil mit den historischen Perspektiven des Mosaiks der Kulturen und Religionen in Indien.

Das Tagungsprogramm gibt es unter
http://www.ioa.uni-bonn.de/materialien/SS2006/symposium.pdf

Kontakt:
Dr. Heinz Werner Wessler
Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-7424
E-Mail: heinzwerner.wessler@uni-bonn.de

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Frank Luerweg idw

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