Car on Demand – Chance für die europäische Automobilindustrie

Unbestritten: ein Maßanzug sitzt besser, als einer von der Stange. Der Nach teil: er ist im Vergleich zum Massenprodukt wesentlich teurer. Werden die Vorstellungen von Wilfried Sihn, Professor am Institut für Management wissen schaften an der TU Wien und Leiter der Fraunhofer-Projektgruppe für Pro duktions- und Logistikmanagement, Realität, soll das Auto der Zukunft wie ein Maßanzug passen – jedoch zu konkurrenzfähigen Preisen. Kundenspe zi fische Autos kostengünstig in Europa zu produzieren ist die Vision im Com petence Center Car on Demand (3CoD), wo Wissenschaft und Wirtschaft an innovativen Lösungen im Bereich des Produktionsmanagements und der Logistik tüfteln, die dies möglich machen sollen.

Erste Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das als K1-Kompetenzzenrum im Rahmen der neuen COMET-Linie der österreichischen Forschungsförde rungs gesellschaft – der zentralen Institution zur Förderung von Forschung, Techno logie und Innovation im Bereich der anwendungsorientierten Forschung in Österreich – eingereichte Zentrum im September 2007 definitiv genehmigt wird. Die Chancen stehen nicht schlecht, da der Antrag unter den letzten elf Bewerberkonsortien ist, die in der ersten Begutachtung von der internationalen Jury positiv bewertet wurde. Um zu den acht geförderten K1-Kompetenz zentren zu gehören, wollen sich Sihn und sein Team auch noch weitere Wirtschaftspartner aus dem Automotive-Bereich ins Boot holen.

„Die Zukunft des Automobilbaus in Europa hängt davon ab, ob es uns ge lingt, das europäische Produktionsnetzwerk aus Herstellern, Logistik dienst leistern und Lieferanten so zu gestalten, dass wir schnell, individuell und effizient auf Kundenwünsche eingehen können“, prognostiziert Sihn. Dazu ge hört wesentlich, die Ausbildung und Fähigkeiten der Mitarbeiter zu nutzen und intelligente Prozesse sowie Strukturen zu schaffen. Für den reinen „Low-Cost-Car“, das möglichst kostengünstige Weltfahrzeug als Massenprodukt mit einheitlicher Ausstattung, sieht Sihn in Europa mit seinen Standort fak toren immer Nachteile gegen Niedrigkostenländer. Für ein Fahrzeug aber, das seinen Wünschen und seinem individuellen Geschmack entspricht, sei der Kunde bereit, etwas mehr zu bezahlen. „Schlüsselelemente hierzu sind“, erläutert Sihn, „'Lean Logistics' und 'synchronized local Production Net works' – schlanke Produktions- und Logistikprozesse, die innerhalb eines synchronisierten Netzwerks aus Unternehmen ablaufen.“ Daran hängt nach Sihns Ein schätzun g die Überlebensfähigkeit der Automobilindustrie in Europa.

Das Forschungsprogramm des Competence Center Car on Demand umfasst die Entwicklung von Werkzeugen, Methoden und Konzepten zur Gestal tung, zum Betrieb und zur Optimierung der Struktur der Produktionsnetzwerke (Synchronized Production Networks), das Design von effizienten Abläufen in der Logistik (Lean Logistics) und aufeinander abgestimmten Produktions- und Logistikprozessen (Hybrid Production Systems). Zusätzlich werden Themen stel lungen zur Schaffung von Tools und Anwendungen im Bereich der Infor mationssysteme sowie der Umschlag-, Transport- und Sicherheitstechnik erforscht.

Im Competence Center Car on Demand beteiligen sich schon jetzt führende Forschungseinrichtungen im Bereich Automotive wie beispielsweise die Fraunhofer-Gesellschaft, die RWTH Aachen, die TU und die WU Wien, die TU Graz sowie international tätige Zulieferer und Automobilhersteller. Dazu zählen beispielsweise die Firmen Behr in Deutschland, Mann und Hummel in Tschechien, Miba, eybl International und Kuehne+Nagel in Österreich, General Motors in Wien, BMW in Steyr und Volkswagen in Bratislava. Doch dabei soll es nicht bleiben. „Aufgrund der Tatsache, dass 3CoD die zweite Runde im Kompetenzzentren-Programm K1 der FFG geschafft hat, sind Firmen aus ganz Europa noch bis 28. Juni 2007 aufgerufen, sich in diesem Automotive-Exzel lenznetzwerk zu beteiligen, damit wir noch schlagkräftiger und effektiver agieren können“, betont Daniel Palm, Leiter der Fraunhofer-Projekt gruppe für Produk tions- und Logistikmanagement in Wien. Geplant ist, innerhalb des Kompe tenzzentrums in den nächsten sieben Jahren eine Vielzahl an Projekten für insgesamt 15 Mio Euro gemeinsam mit Partnern aus der Industrie durchzuführen. Die Projektkosten sind bis zu 50 Prozent gefördert – eine einmalige Gelegenheit um gute Projektideen zu realisieren und gemeinsam den Auto mobilstandort Europa zu stärken.

Das österreichische Forschungsprogramm COMET fördert den Aufbau von international besetzten Kompetenzzentren mit einem von Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam definierten Rahmen zur gemeinsamen angewandten Forschung. Das Programm umfasst drei Aktionslinien „K1-Zentren“, „K2-Zentren“ und „K-Projekte“, die sich in erster Linie durch die Ansprüche an die geförderten Einrichtungen hinsichtlich Internationalität, Projektvolumen und Laufzeit unterscheiden. Im Rahmen der Ausschreibung sollen drei K2-Zentren, acht K1-Zentren und zehn K-Projekte mit insgesamt 130 Millionen Euro an österreichischen Bundesmitteln gefördert werden. Für die K1-Zentren, die Forschung von akademischer und wirtschaftlicher Relevanz betreiben, wurden bis Dezember 2006 19 Anträge gestellt. Elf davon kamen im zweistufigen Verfahren in die nächste Runde, darunter auch 3CoD.

Media Contact

Hubert Grosser idw

Weitere Informationen:

http://www.ffg.at

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