Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wachstumspaket mindert Risiko einer lang anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche

30.10.2008
Ein Wachstumspaket mit einem Volumen von mindestens 25 Milliarden Euro kann einen entscheidenden Impuls geben, um die deutsche Wirtschaft vor dem Abrutschen in eine lang anhaltende Schwächephase zu bewahren.

Auf diese Weise eröffnen sich Chancen, einen Rückschlag auf dem Arbeitsmarkt zu verhindern. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

"Angesichts der immer noch dramatischen Situation auf den Finanzmärkten und der um sich greifenden Verunsicherung muss eine kumulative Abwärtsspirale unter allen Umständen vermieden werden, damit es nicht zu einer Depression kommt", schreiben die Ökonomen in einer aktuellen Analyse.

"Ein fiskalpolitisches Programm in Deutschland ist nötig und würde dabei helfen, die Stärke des gegenwärtigen Abschwungs zu vermindern und seine Dauer erheblich zu verkürzen." Der wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn, stellt die Untersuchung am heutigen Donnerstag auf einer Makroökonomischen Konferenz vor, die die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall veranstaltet.

Horn und sein Forscherkollege Dr. Achim Truger empfehlen eine Kombination aus Maßnahmen, welche die Konjunktur ohne große Sickerverluste stimulieren und bereits ab dem ersten Halbjahr 2009 wirksam werden könnten. Um schnell den privaten Konsum zu unterstützen, sollten Anfang kommenden Jahres in einem ersten Schritt alle Haushalte Barschecks erhalten. Für eine Auszahlung von etwa 125 Euro pro Person veranschlagt das IMK ein Gesamtvolumen von rund 10 Milliarden Euro. Die Barschecks könnten mit geringem Aufwand durch die Einwohnermeldeämter versandt werden. Weil so auch die Haushalte mit geringen und mittleren Einkommen mit besonders hoher Konsumquote lückenlos erfasst würden, sei damit zu rechnen dass ein großer Teil der Entlastung auch tatsächlich rasch in den Konsum fließt, schreiben Horn und Truger in ihrer Untersuchung, die als IMK Policy Brief veröffentlicht wird. Dagegen dürfte eine Entlastung aus Steuersenkungen zu einem guten Teil gespart werden, weil sie überwiegend Haushalten mit höheren Einkommen zugute käme.

In der zweiten Jahreshälfte könnten dann die konjunkturstützenden Wirkungen einer Erhöhung der öffentlichen Investitionen greifen. Das IMK hält kurzfristig zusätzliche Investitionen von 10 bis 12 Milliarden Euro für notwendig. Sie sollten schwerpunktmäßig in den Bildungsbereich fließen, und zwar sowohl in Ausbau, Sanierung und bessere Energienutzung von Kindergärten, Schul- und Hochschulgebäuden als auch in zusätzliche Stellen für Erzieher, Lehrer und Hochschullehrer. "Ein Teil der Ziele des jüngsten Bildungsgipfels könnte als konkrete Zielvorgabe für solche Projekte dienen", so die Forscher. Damit ließe sich auch das Problem angehen, dass die öffentlichen Investitionen in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig sind. Bei dem Investitionspaket für 2009 "handelt es sich daher nicht um ein Konjunkturprogramm im klassischen Sinne, sondern um den konjunkturpolitisch motiviert möglichst zügigen Einstieg in eine mittelfristig angelegte dauerhafte Aufstockung zentraler Zukunftsinvestitionen", betonen die Ökonomen. Es sei sinnvoll, die öffentlichen Investitionen dauerhaft um 25 Milliarden Euro pro Jahr zu erhöhen.

Zeitlich befristet werden sollte dagegen die dritte Komponente des Wachstumspaketes: drei bis fünf Milliarden Euro könnten im kommenden Jahr bereitgestellt werden, um drei Schwerpunkte zu verfolgen: investitionswilligen Unternehmen helfen, die von einer extrem restriktiven Kreditvergabe der Banken betroffen sind, das Volumen der KfW-Kredite zur energetischen Gebäudesanierung aufstocken sowie die steuerliche Absetzbarkeit von Handwerkerrechnungen ausdehnen.

Angesichts der immensen Folgekosten einer lang anhaltenden wirtschaftlichen Schwäche halten die Wissenschaftler das beschriebene Wachstumspaket für kompatibel mit einer nachhaltigen finanzpolitischen Wachstumsstrategie und mit dem Ziel der Haushaltskonsolidierung. Insbesondere die Erhöhung der öffentlichen Investitionen finanziere sich über Nachfrage- und Beschäftigungseffekte zum Teil selbst. Dagegen drohten eventuelle Versuche zu verpuffen, den Haushalt im Abschwung aktiv zu konsolidieren, warnen die Wissenschaftler. Der Impuls durch das Wachstumspaket dürfe daher nicht durch Sparmaßnahmen an anderer Stelle konterkariert werden. In der Politik wie in der Wissenschaft beobachten Horn und Truger eine wachsende Akzeptanz konjunkturfördernder Makropolitik - unter anderem "gestützt auf neuere Forschungsergebnisse aus dem angloamerikanischen Raum."

Die Effektivität des Wachstumsprogramms könnte nach der IMK-Analyse noch gesteigert werden, wenn die Länder der Eurozone oder der gesamten EU rasch koordiniert vorgehen. "Da alle Mitgliedstaaten das gleiche konjunkturelle Problem haben, sollte eine solche europaweite Stimulierung auch durchsetzbar sein", schreiben Horn und Truger. Parallel sei die Europäische Zentralbank gefordert: Eine "schnelle und starke Zinssenkung" könne zwar ein Wachstumspaket nicht ersetzen, da sie zeitversetzt wirke. Gleichwohl sei ein kräftiger Zinsschritt "angesichts rückläufiger Preissteigerungsraten und ausbleibender Zweitrundeneffekte nicht nur notwendig, sondern auch vertretbar."

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_93304.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_10_5_2008.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Der Dauerläufer: Starke Binnennachfrage macht diesen Aufschwung robuster als seine Vorgänger
17.10.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Positiv für die Volkswirtschaft: Die Zahl der Betriebsgründungen von Hauptniederlassungen steigt weiter
12.10.2017 | Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise