Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chinesische Investoren in Deutschland: Bislang keine schlechten Erfahrungen aus Arbeitnehmersicht

25.03.2014

Analyse der Hans-Böckler-Stiftung

Wenn Firmen den Besitzer wechseln, kommen immer häufiger chinesische Investoren zum Zug. Negative Folgen für Beschäftigung, Entlohnung und Mitbestimmung sind bis jetzt nicht zu beobachten.

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse von Mitbestimmungsexperten der Hans-Böckler-Stiftung. In mehreren Fällen ist es Betriebsräten und Gewerkschaften gelungen, mit chinesischen Firmenkäufern Vereinbarungen über Tarifbindung, Investitionen und Beschäftigungssicherung zu schließen. Die Investoren aus dem Reich der Mitte zeigten sich bislang kooperativer als viele Finanzinvestoren.

Im Jahr 2011 übernahmen Investoren aus China die Mehrheit oder wesentliche Anteile an elf größeren Unternehmen in Deutschland. Allein im ersten Halbjahr 2012 kamen sieben weitere hinzu, darunter der Betonpumpenhersteller Putzmeister, die Kiekert AG, die Türschlösser für Autos produziert, oder der Autozulieferer Preh (siehe auch die Infografik; Link unten).

„Das Interesse chinesischer Investoren an deutschen Übernahmekandidaten ist erwacht", sagt Oliver Emons, Ökonom in der Hans-Böckler-Stiftung. Ein wichtiges Indiz dafür, dass Kapital aus dem Reich der Mitte künftig häufiger nach Deutschland fließen dürfte, sieht der Experte für Fusionen und Übernahmen in der kürzlich erfolgten Gründung einer chinesischen Handelskammer in Berlin. Zudem setze das Besuchsprogramm des chinesischen Präsidenten Xi Jinping Ende dieser Woche auch eindeutig wirtschaftliche Schwerpunkte.

Emons hat die Entwicklung der vergangenen Jahre verfolgt und den strategischen Ansatz der chinesischen Investoren analysiert. Zumindest sei der Verdacht, sie folgten einem Masterplan, "nicht ganz abwegig", konstatiert er. Jedenfalls zeichne die chinesische Führung die gewünschte wirtschaftliche Entwicklung noch immer in Fünf-Jahres-Plänen vor und habe 2006 Richtlinienkataloge beschlossen, "die Investitionen in gewisse Industriesektoren und Länder lenken sollen". 

Dazu passt, dass sich die jüngsten Einkäufe in Deutschland auf bestimmte Sparten wie Maschinen- und Fahrzeugbau oder Chemie konzentrieren. Das Ziel sind häufig Unternehmen, die in sehr speziellen Marktsegmenten Weltmarktführer sind, so genannte Hidden Champions. Emons formuliert die Idee dahinter so: "Wenn du sie nicht besiegen kannst, schließe dich mit ihnen zusammen."

Neben dem Interesse am Know-how nennt der Ökonom noch weitere Gründe für ein verstärktes chinesisches Engagement in der deutschen Wirtschaft, etwa die Verwertung der enormen Devisenreserven und den Zutritt zum hiesigen Markt. Zu beobachten sei außerdem, dass Investoren aus China nicht mehr nur nach Firmenpleiten zugreifen, sondern inzwischen auch gesunde Unternehmen mit vorübergehenden Finanzierungsschwierigkeiten übernehmen.

Bei Beschäftigten und Arbeitnehmervertretern habe zunächst meist die Skepsis gegenüber den neuen Eigentümern überwogen, stellt Emons fest. Allerdings sei bis jetzt festzustellen, "dass Unternehmen, die aufgekauft werden, überwiegend eigenständig bleiben". Außerdem gebe es "keine Anzeichen dafür, dass chinesische Investoren Mitbestimmung oder Tarifvertrag nicht anerkennen würden". Im Fall von Putzmeister etwa zeigten sich die neuen Eigentümer nach anfänglichen Protesten von Belegschaft und IG Metall gegen die Übernahme durchaus verhandlungsbereit und unterschrieben schließlich eine Beschäftigungsgarantie bis 2020.

Ähnlich ist die Situation beim Duisburger Hersteller von Autoblechen Tailored Blanks, den ThyssenKrupp im vergangenen Jahr an den Konzern Wuhan Iron and Steel verkauft hat: Hier vereinbarten IG Metall und Betriebsrat mit dem chinesischen Käufer, Standort und Beschäftigung für fünf Jahre zu sichern und dort auch zu investieren. Sämtliche bestehenden sozialen Errungenschaften sollen nach dieser so genannten Best-Owner-Vereinbarung erhalten bleiben.

Wichtigster Punkt: Der neue Eigentümer konnte dazu verpflichtet werden, seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband beizubehalten. Damit haben alle Tarifverträge weiterhin Bestand. Verabredet wurde außerdem, durch einen Integrationsbeirat unter Beteiligung von IG Metall und Betriebsräten für drei Jahre die Einhaltung der Vereinbarung zu überwachen.

Ob chinesische Unternehmenskäufer ihre Zusagen langfristig ernst nehmen oder nur als juristische Formalie betrachten, bleibe zwar abzuwarten, meint Emons. „Bislang gab es noch in keinem übernommenen Unternehmen eine Nagelprobe, also etwa einen schweren Konjunktureinbruch, der die deutsche Tochter oder die chinesische Mutter in Schwierigkeiten bringt.“

Aber auffällig sei immerhin "ein gewachsenes Interesse der Chinesen am deutschen Modell der mitbestimmten Arbeitsbeziehungen – selbst mit Blick auf ihr eigenes Land". Aus Sicht der Beschäftigten in Deutschland könne man wenigstens sagen, dass die Belegschaften übernommener Unternehmen mit chinesischen Eigentümern bis dato besser gefahren sind als andere Beschäftigte mit Finanzinvestoren, die nur auf kurzfristige Rendite aus sind.

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Oliver Emons
Abteilung Mitbestimmungsförderung
Tel.: 0211-7778-165
E-Mail: Oliver-Emons@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://www.boeckler.de/46188_46211.htm - Infografik zum Download im aktuellen Böckler Impuls

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wert fest „im grünen Bereich“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr sinkt auf nur 5,1 Prozent
14.09.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
07.09.2017 | Institut für Weltwirtschaft (IfW)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungen

Posterblitz und neue Planeten

25.09.2017 | Veranstaltungen

Hochschule Karlsruhe richtet internationale Konferenz mit Schwerpunkt Informatik aus

25.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Legionellen? Nein danke!

25.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Hochvolt-Lösungen für die nächste Fahrzeuggeneration!

25.09.2017 | Seminare Workshops

Seminar zum 3D-Drucken am Direct Manufacturing Center am

25.09.2017 | Seminare Workshops