Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie vertragen sich Moral und Profit?

25.08.2006
Ein Düsseldorfer Betriebswirt erforschte in seiner Doktorarbeit den Umgang mit "sensiblen Gütern".

Was haben Blutkonserven, Walfleisch, Zigaretten, Maschinenpistolen, AIDS-Medikamente und Milchpulver gemeinsam? Sie gelten als so genannte "sensible Güter". Ein Themenbündel für Moralphilosophen und missionarische Gutmenschen? Oder für Wirtschaftswissenschaftler und kühl kalkulierende Manager?

"Die Ökonomie sensibler Güter", so der Titel der gerade fertig gestellten und mit "magna cum laude" bewerteten Dissertation von Dr. Kay Schlenkrich (32). "Sensible Güter"? "Der Fokus dieser Arbeit soll daher auf Produkte und Dienstleistungen gerichtet werden, die aufgrund von Wertvorstellungen aus der relevanten Unternehmensumwelt gesellschaftlichen Handlungszwängen oder auch Handlungserweiterungen ausgesetzt sind."

Soweit die Definition in der Arbeit, die von Prof. Dr. Winfried Hamel betreut wurde (Lehrstuhl für BWL, insbesondere Unternehmensführung, Organisation und Personal). Schlenkrich ergänzt in einer Fußnote: "Grundsätzlich lassen sich hierunter vielfältige medizinische Leistungen, aber auch Nahrungsmittel oder Waffen subsumieren. Das Beispiel der Firma Nestlé, die nach langer Auseinandersetzung einen Kodex zur Vermarktung von Substitutionsprodukten für Muttermilch institutionalisiert hat, illustriert die besondere gesellschaftliche Relevanz eines solchen Produkts."

... mehr zu:
»Doktorarbeit

Hintergrund: Der Nahrungsmittelmulti hatte über Jahrzehnte in Drittweltländern massiv für sein Milchpulver geworben. Und so Abhängigkeiten erzeugt. Die Zahl stillender Mütter ging rapide zurück, vielfach wurde das teure Pulver stark verdünnt (oft mit verkeimtem Wasser), es kam zu Unterernährung, zu Todesfällen. Erst internationale Proteste nötigten den Konzern 1984 zu einer Selbstverpflichtung, die sich an Vorgaben der WHO und von UNICEF aus dem Jahr 1981 orientierte.

Anderes Beispiel: Blutprodukte wie Plasma oder Serum. Schlenkrich recherchierte selbst in der Blutspendezentrale der HHU und führte ausgiebige Gespräche mit deren Leiter, Prof. Rüdiger Scharf. Blut: das große Geschäft? "Der Markt umfasst hierzulande sicherlich mehrere Milliarden", resümiert Schlenkrich. Er konzentrierte sich in seiner Doktorarbeit, schon aus Gründen der Überschaubarkeit und der gut dokumentierten Quellenlage, dann auch auf medizinische Blutkomponentenprodukte, die in Deutschland von den staatlichen und kommunalen Spendeeinrichtungen (sie sind hier insbesondere den Universitätsklinika angegliedert), dem Deutschen Roten Kreuz als gemeinnützige G.m.b.H. - die keine Gewinne machen darf, aber sich in einem ökonomischen Gestaltungsspielraum bewegt - , und den Einrichtungen der pharmazeutischen Industrie hergestellt und vertrieben werden.

Keine Frage, hier geht es um Geld, viel Geld. Aber eben auch um eine ethisch-moralische Diskussion. "Die wiederum ist gesellschaftsabhängig." Schlenkrich führt im Gespräch die Leichenschau "Körperwelten" des umstrittenen Plastinators Gunther von Hagens an, "in China gibt es darüber keine gesellschaftliche Diskussion! Es kommt immer darauf an, in welchem Kulturkreis sich die 'sensiblen Güter' bewegen. In Südamerika findet zum Beispiel kaum eine Diskussion über Organspenden statt." Es sind öffentliche, zum Teil stark emotionalisierte Auseinandersetzungen, die auch zeitgebunden sein können, "etwa hierzulande im Augenblick um Tabak. Und die Anti-Baby-Pille ist in Irland immer noch ein hochsensibles Gut!" Weitere medienpräsente "sensible Güter": preiswerte AIDS-Medikamente für die Dritte Welt, Waffen (das deutsche Sturmgewehr G3 ist seit Jahrzehnten ein international gefragter Exportartikel) oder auch Autos. Wie "unanständig" ist es, sich eine schwäbische Luxuskarosse zu kaufen? Wie kalkuliert das Unternehmen das Image eines Produktes gezielt mit ein?

Fest steht auf jeden Fall, dass moralische Urteile, die wirtschaftliche relevante Tatbestände betreffen, wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Verblüffend, dass die Brisanz des Themas bislang so gut wie keinen Niederschlag in der Fachdiskussion fand. Schlenkrich im Abstract seiner Dissertation: "Die Systematisierung ökonomischer und ethischer Beziehungen und der Weg der Ökonomisierung sensibler Güter werden in der betriebswirtschaftlichen Literatur vergleichsweise wenig beachtet. Dies erstaunt umso mehr, wenn man sich vor Augen hält, welche beachtlichen monetären Dimensionen alleine sensible Güter im bundesrepublikanischen Gesundheitswesen begründen."

Schlenkrich, der mittlerweile bei einer renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beschäftigt ist, plädiert in seiner Doktorarbeit dafür, die Produktion und den Vertrieb "sensibler Güter" nicht losgelöst von der gesellschaftlichen Diskussion zu sehen, nicht nur die ökonomische Bewertung im Blick zu haben. Andererseits bedürfen auch Güter, die einer ethischen Relevanz unterliegen, zwingend einer ökonomischen Gestaltung: "Die ökonomische Handlungsfreiheit ist von der Intensität der Sensibilität abhängig."

Rolf Willhardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de/

Weitere Berichte zu: Doktorarbeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Wirtschaft Finanzen:

nachricht Wert fest „im grünen Bereich“ - IMK-Konjunkturindikator: Rezessionsgefahr sinkt auf nur 5,1 Prozent
14.09.2017 | Hans-Böckler-Stiftung

nachricht Konjunkturprognose: Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
07.09.2017 | Institut für Weltwirtschaft (IfW)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Wirtschaft Finanzen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie