Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapie im Chatroom

05.12.2007
Neue Medien schließen Lücke zwischen stationärer und ambulanter Psychotherapie / Expertenkonferenz am 13. / 14. Dezember 2007 in Heidelberg

Nur selten bekommen Patienten unmittelbar nach dem Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik einen ambulanten Behandlungsplatz zur Psychotherapie in ihrem Heimatort. Eine Alternative bietet dann "E-Health" mit neuen Medien: Per Chat, E-Mail oder SMS halten die Therapeuten Kontakt zu ihren Patienten und bauen so eine Brücke zwischen Klinikaufenthalt und Alltag - mit großem Erfolg. Am 13. und 14. Dezember 2007 kommen namhafte Experten aus Europa und den USA nach Heidelberg, um den Einsatz neuer Technologien in der Psychotherapie zu diskutieren.

Eingeladen zur Konferenz "Technology-Enhanced Treatment Delivery" (technologieunterstützte Therapievermittlung) hat die Forschungsstelle Psychotherapie (FOST) am Psychosozialen Zentrum des Universitätsklinikums Heidelberg, die von Dr. Hans Kordy geleitet wird.

Selbsthilfe-Treffen einmal pro Woche im Chatroom

Die Heidelberger werden beim Expertentreffen auch über ihre eigene praktische Arbeit berichten: So ermöglichen sie seit 2001 ehemals stationären Patienten gemeinsam mit den Panorama-Fachkliniken in Scheidegg (Allgäu) und der Techniker-Krankenkasse, über eine "Internetbrücke" den Kontakt zum Therapeuten und anderen ehemaligen Patienten zu halten. Das Ganze funktioniert als Gruppen- und als Einzeltherapie - per Chat oder E-Mail.

Ähnlich wie bei einer Gruppentherapie treffen sich die ehemaligen Patienten, die z.B. aufgrund von Depressionen, Angst-, Persönlichkeits- oder Essstörungen stationär behandelt wurden, einmal pro Woche im Chatroom und berichten dort von ihren Problemen und Fortschritten. Ein Therapeut aus der Klinik moderiert den Chat und sorgt dafür, dass sich die acht bis zehn Teilnehmer an die vorher vereinbarten Regeln halten. Insgesamt zwölf bis fünfzehn Wochen dauert die virtuelle Gruppentherapie.

Patient schildert per E-Mail seine seelische Verfassung / Verlässliche Antwort des Therapeuten

Ganz ähnlich funktioniert die E-Mail-Therapie - nur kommt es hier lediglich zum Austausch zwischen einem Patient und Therapeut: Der Patient schreibt E-Mails über seine seelische Verfassung, der Therapeut antwortet verlässlich darauf, meist innerhalb eines Tages. "Manche schreiben sich da richtig etwas von der Seele", sagt Markus Wolf, Mitarbeiter von Dr. Kordy, der die Texte anonymisiert in einer Forschungsarbeit auswertet und darüber auf der Konferenz berichten wird. Da viele Mails und Chats im Internet zu leicht von außen einzusehen sind, haben die Heidelberger eine besonders sichere Plattform entwickelt, auf die nur berechtigte Teilnehmer Zugriff haben.

Reine Internet-Therapie ist in Deutschland nicht erlaubt

Doch wie zuverlässig funktioniert eine Therapie per Internet? Fehlt den Patienten nicht der direkte Kontakt zum Therapeuten - die Körpersprache und der Gesichtsausdruck eines Gegenübers? "Wir haben gute Erfahrungen gemacht", sagt Dr. Kordy. "Die Teilnehmer kommen mit den neuen Medien zurecht und vermissen die 'nonverbalen Signale' des Therapeuten überhaupt nicht." Selbst ältere Patienten ohne Computererfahrung lernen schnell den Umgang mit dem System. Dennoch soll die virtuelle Therapie den persönlichen Kontakt zum Therapeuten nicht vollständig ersetzen, denn im Gegensatz etwa zu den Niederlanden, ist es in Deutschland nicht erlaubt, reine Internettherapien ohne vorherigen persönlichen Kontakt zum Therapeuten durchzuführen.

Rückenschmerzen: Fragebogen im Chatroom erinnert an Verhaltensänderung

Dr. Eva Neubauer, Psychologin an der Orthopädischen Universitätsklinik in Heidelberg, wird auf dem Kongress über ihre Erfahrungen mit Rückenschmerzpatienten sprechen: Bei diesen spielen oft psychische Faktoren eine große Rolle, daher arbeitet auch Neubauer nach der Entlassung aus der Klinik mit einem Chat. "Wenn chronische Rückenschmerzen besser werden sollen, braucht man langfristig eine Verhaltensänderung im Alltag, zum Beispiel mehr Entspannung, mehr Bewegung oder dass die Patienten abnehmen", sagt Frau Neubauer. Ob die Patienten ihr Verhalten geändert haben, kann sie anhand des Fragebogens überprüfen, den die Teilnehmer vor Betreten des Chatrooms ausfüllen. Der Chat selbst funktioniert ähnlich wie das Projekt mit den Panorama-Fachkliniken. "Die Patienten wohnen oft weit voneinander weg und würden sonst nicht mehr zusammenkommen", schildert Neubauer die Vorteile des Verfahrens.

Auch bei der Prävention von Essstörungen hat die Heidelberger Forschergruppe mit dem elektronischen Medium gute Erfahrungen gemacht: Speziell für Studenten haben die Wissenschaftler eine Internetplattform entwickelt: Es(s)prit. Auf dieser können sich Interessierte informieren, wie wahrscheinlich es ist, dass sie selbst an einer Essstörung erkranken oder ob sie bereits daran erkrankt sind. In einem Forum können sie sich zu verschiedenen Themen austauschen und sich ebenfalls in einem Gruppen- oder Einzelberatungschat mit anderen Betroffenen oder einem Berater treffen.

SMS gegen Essstörungen: 90 Prozent halten Therapie mindestens 6 Monate durch

Doch es geht noch mobiler: Die Psychologin Dr. Stephanie Bauer wird bei der Heidelberger Konferenz darüber berichten, wie sie Patientinnen mit Essstörungen per Kurzmitteilung vom Handy betreut: Ihre Schützlinge verschicken wöchentlich eine SMS über ihr Essverhalten, etwa wie oft es zu Essanfällen kam oder wie oft sie sich erbrochen haben. Daraufhin versendet der Computer automatisch eine passende, aus einem Pool von mehr als 1.000 verschiedenen Standardmitteilungen ausgewählte Antwort. Damit Zusatzinformationen, wie etwa Warnsignale über gravierende Verschlechterungen, nicht übersehen werden, überprüft eine studentische Mitarbeiterin alle Kurzmitteilungen beim Eingang und vor dem Versenden.

Der Erfolg gibt den Heidelbergern recht: "In der Regel gibt es bei Patientinnen mit Essstörungen hohe Therapieabbruchquoten um die 50 Prozent. Bei uns arbeiten etwa 90 Prozent über ein halbes Jahr mit", so Dr. Kordy.

Journalisten sind herzlich eingeladen, an der Tagung teilzunehmen!
Eine Akkreditierung ist nicht notwendig.
Link zum Tagungsprogramm:
www.klinikum.uni-heidelberg.de/Aktuelles.8446.0.html?&L=
Weitere Informationen zu "E-Health" am Universitätsklinikum Heidelberg:
www.klinikum.uni-heidelberg.de/E-Health.7355.0.html?&FS=0&L=
Kontakt:
Dr. phil. Dipl.-Math. Hans Kordy
Telefon: 06221 / 56 7345
E-Mail: hans.kordy@med.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Aktuelles.8446.0.html?&L=
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/E-Health.7355.0.html?&FS=0&L=

Weitere Berichte zu: Chatroom Essstörung Psychotherapie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Veranstaltungsnachrichten:

nachricht European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal
18.08.2017 | Bergische Universität Wuppertal

nachricht Einblicke ins menschliche Denken
17.08.2017 | Universität Potsdam

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Veranstaltungsnachrichten >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie