Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rostocker Gewitter-Forscher bringt Licht in Opferzahlen von Blitz-Unfällen

18.05.2015

Dr. Fred Zack analysierte statistische Angaben aus aller Welt: Jeder Vierte stirbt

In Deutschland werden jährlich schätzungsweise mehrere Hundert Menschen vom Blitz getroffen oder indirekt geschädigt. „Für Überlebende gibt es aber in der Bundesrepublik keine statistische Erfassung“, bedauert der Rechtsmediziner, Privatdozent Dr. Fred Zack von der Universität Rostock. Er ist seit 1995 den Phänomenen von Blitzen, die bei Gewitter wie aus heiterem Himmel einschlagen, Menschen verletzen oder gar töten können, auf der Spur. Zack legt nun neue Zahlen vor.


Gewitterexperte Dr. Fred Zack legt neue Zahlen zum Tod bei Blitzunfällen vor

(Foto: ITMZ/Uni Rostock)

25 Prozent der Blitzopfer in aller Welt versterben. In Deutschland sind von 1998 bis 2013 nach Angaben des statistischen Bundesamtes jährlich bis zu acht Menschen bei schweren Gewittern ums Leben gekommen. Der Rostocker Rechtsmediziner ist auch Ansprechpartner des Ausschusses für Blitzschutz und Blitzforschung des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE).

Zack wurde stutzig, weil in der wissenschaftlichen Literatur die Angaben zum Risiko, bei einem erlittenen Blitzunfall zu sterben, von 10 bis 90 Prozent differieren. Diese hohe Diskrepanz hat den Forscher von der Universitätsmedizin Rostock zu einer wissenschaftlichen Überprüfung veranlasst.

Gemeinsam mit einer Doktorandin hat er Arbeiten aus aller Welt, in denen statistische Angaben zu Blitzopfern gemacht wurden, ausgewertet und dabei errechnet, dass nur etwa jeder Vierte, also 25 Prozent, durch oder kurz nach einem Blitzschlag versterben.

Über die Anzahl der Menschen, die einen Blitzunfall überleben und schwere gesundheitliche Schäden davon tragen, gibt es allerdings keine statistischen Angaben. Zack hat sich, wie er selbst sagt, mit dem Thema „Blitzunfälle und die Folgen für betroffene Menschen“ infiziert. Er beklagt, dass es in Deutschland immer noch kein Zentrum für Blitzopfer mit Früh- oder Spätschäden gibt, mit Ausnahme der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität Regensburg, die sich um Patienten mit blitzbedingten neurologischen Beschwerden kümmert.

Sein Schlüsselerlebnis war vor einigen Jahren der Unfall eines jungen Mannes, der durch einen Blitzschlag auf einem Sportplatz so schwer verletzt wurde, dass er fünf Tage später in einer Klinik verstarb.

Während eines Sportfestes in der Nähe von Ludwigslust war der Mann in einem Zelt stehend verletzt worden, nachdem ein Blitz in eine Pappel eingeschlagen war, die in unmittelbarer Nähe stand. „Bei der Obduktion kam unter intakter Haut flächenhaft verkochte Brustmuskulatur ans Tageslicht, das Herz war ebenfalls schwer geschädigt.“ Rechtsmediziner Zack suchte in den deutschsprachigen Lehrbüchern vergeblich nach Erklärungen, doch solch ein Fall war nirgendwo beschrieben. In der internationalen Literatur stieß er dann auf den so genannten „side splash“. Dabei trifft der Blitz primär ein anderes Objekt, wie zum Beispiel einen Baum und nur ein Teil der Energie überträgt sich auf ein in der Nähe befindliches Opfer. Das unter Umständen mit tödlichen Folgen.

Bei Blitzunfällen die Menschen erleiden, sind nach Dr. Zack besonders häufig die Haut, das Herz, das Gehör, die Augen, das Gehirn und die Nerven betroffen. Gesundheitliche Schäden können vorübergehen oder bleiben und treten manchmal auch erst eine gewisse Zeit nach dem Unfall auf. Typische Beispiele sind Verbrennungen der Haut, Hörstörungen, Tinnitus, Missempfindungen und Lähmungen. Die Liste der möglichen psychischen Störungen ist lang und reicht von Denk- und Konzentrationsstörungen über Depressionen bis hin zu Angstzuständen (z. B. vor grellem Licht) und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Zack hat längere Zeit recherchiert und analysiert, auf welche Art und Weise ein Blitz überhaupt einen Menschen schädigen kann und ist dabei auf insgesamt fünf verschiedene Übertragungsmechanismen der elektrischen Energie gestoßen. In der deutschsprachigen Fachliteratur waren bis zum ersten, von Dr. Zack untersuchten Blitzunfall nur zwei Wege beschrieben. Die gefährlichste Art des Blitzschlags ist der direkte Treffer, wobei der Strom häufig durch den Kopf fährt und lochartige Durchschläge an den Füßen hinterlässt. Er endet oft tödlich. Der Kontakteffekt tritt ein, wenn der Blitz in ein Objekt schlägt, das sich in direktem Kontakt zum Blitzopfer befindet, beispielsweise ein Golfschläger.

Der bereits bekannte Überschlagseffekt (side splash) tritt ein, wenn der Blitz beispielsweise in einen Baum einschlägt und Teile der Energie auf eine Person übertragen werden, die sich in der Nähe befindet. Bei der sogenannten Schrittspannung fließt der Strom in der Nähe des Einschlages über ein Bein in den Körper und über das andere hinaus. Letzte Möglichkeit: Beim leitervermittelten Blitzeffekt kann der Blitz eine Telefonleitung oder ein Elektrokabel treffen. Gefahr besteht beim Benutzen eines Schnurtelefons oder beim Bedienen von Elektrogeräten während eines Gewitters.

Blitze können den Menschen aber auch indirekt z. B. durch ein Knalltrauma, umher fliegende Gegenstände oder ein blitzbedingtes Feuer schädigen, sagt Dr. Zack.

Bei einem Blitzschlag können bis zu 100 Millionen Volt und mehrere 10.000 Ampere innerhalb von 0,02 Sekunden auf einen Menschen einwirken. Diese Werte zeigen, dass die Kräfte eines Blitzschlags nicht mit denen aus einer Steckdose vergleichbar sind. Dementsprechend schwerer und vielfältiger sind die Verletzungen.

„Längst überholt ist der Ratschlag, sich bei einem Gewitter im Freien flach auf den Boden zu legen, denn das vergrößert nur die Angriffsfläche, die man dem Strom bietet, der dann über das Herz fließen und tödliche Rhythmusstörungen auslösen kann“, sagt Dr. Zack. „Besser: in die Hocke gehen, die Füße dicht aneinanderstellen und die Ohren mit den Händen zu halten. In Häusern sollte man Fenster und Türen zur Gewitterzeit geschlossen halten und elektrische Geräte nicht benutzen.“

Auch in einem Auto ist man nicht einhundertprozentig sicher. Als Insasse sollte man bei Gewitter nie die Blechanteile im Auto berühren. Außerdem sollte das Fahren mit dem Auto unterlassen werden.
Denn wenn der Blitz einschlägt, kann das Licht so grell sein, dass eine Orientierung danach kaum möglich ist. Weiterhin besteht für die Fahrzeuginsassen die Gefahr eines Knalltraumas mit Hörschädigung.

Gewitter-Experte Zack betont, dass durch Beachtung der Wettervorhersagen und entsprechende Verhaltensweisen die meisten Blitzunfälle vermeidbar sind. Text: Wolfgang Thiel

Universität Rostock
Universitätsmedizin
Institut für Rechtsmedizin
Dr. Fred Zack
Tel: +49 381 494-9907
Mail: fred.zack@med.uni-rostock.de

www.uni-rostock.de

Ingrid Rieck | Universität Rostock

Weitere Berichte zu: Auto Baum Blitzopfer Blitzschlag Blitzunfall Energie Gefahr Gewitter Opferzahlen Rechtsmediziner Strom Unfall

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Statistiken:

nachricht Frauenanteil in Professorenschaft 2015 auf 23 % gestiegen
14.07.2016 | Statistisches Bundesamt

nachricht Mehr Habilitationen von Frauen im Jahr 2015
28.06.2016 | Statistisches Bundesamt

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Statistiken >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik