Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Alte Werte sind weiterhin modern

02.09.2005


Ein interessanter und den Lebensunterhalt sichernder Beruf, eine erfüllte Partnerschaft und Kinder - das sind die drei wichtigsten Erwartungen, die junge Erwachsene an ihr Leben stellen. "Daran hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel verändert", schätzt PD Dr. Matthias Reitzle von der Friedrich-Schiller-Universität Jena den Forschungsstand zum Thema "Erwachsenwerden im sozialen Wandel" ein. "Auch im internationalen Vergleich, so belegt eine Studie über junge Leute aus 13 Ländern, wurden diese Werte übereinstimmend an die Spitze der Lebensziele gesetzt", erklärt der Entwicklungspsychologe, der in seiner gerade vorgelegten Habilitationsschrift Entwicklungsübergänge, ihre Zeitpunkte und Hintergründe untersucht hat.



"Gestiegene Heiratsalter und eine sinkende Quote von Eheschließungen sind nicht gleichbedeutend mit Wertewandel und Abkehr von Ehe und Familie", sagt Reitzle. "Diese sozialen Veränderungen wirken nur so drastisch, weil sie überwiegend mit den Verhältnissen in den 60er und frühen 70er Jahren verglichen werden, den goldenen Zeiten von Vollbeschäftigung und scheinbar unbegrenztem Wachstum".



Deutlich zeigt eine Studie aus den Niederlanden mit lückenlosen Heiratsregisterdaten von 1850 bis 1989, dass die niedrigen Heiratsalter des Nachkriegsbooms historisch eine Ausnahmesituation darstellten. Um 1860 waren holländische Frauen im Schnitt 27,5 und Männer 29, wenn sie sich trauten - deutlich älter als in den späten 1980ern. Dies belegt, dass die so genannte Normalbiografie mit rasch aufeinander folgenden Übergängen ,ausgelernt - Wohnung gesucht - geheiratet - Kinder’ nie die Regel war, wenn man den historischen Bogen etwas weiter spannt. Nach Auffassung Reitzles wird die Institution Ehe auch durch die steigenden Anteile nichtehelicher Lebensgemeinschaften (NEL) nicht in Frage gestellt. "Liest man von ihrer Verzehnfachung, klingt das alarmierend", sagt er. Tatsächlich ist der Anteil der so genannten NEL in der alten Bundesrepublik von 1972 bis 2000 von 0,6 auf rund 6 Prozent angestiegen. "Selbst wenn der Trend genau so weiter ginge, dauert es noch 111 Jahre, bis sich Ehen und nichteheliche Partnerschaften zahlenmäßig die Waage halten", hat der Psychologe von der Universität Jena errechnet.

Ost-West-Differenzen

Trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Vorbildern in Sachen Ehe, Scheidung, Familie und Frauenerwerbstätigkeit bestehen nur vergleichsweise geringe Unterschiede in der Lebensplanung junger Leute: Nur fünf Prozent in Ost und West wollen definitiv ohne Kinder bleiben. Dass dann fast die Hälfte der westdeutschen Akademikerinnen kinderlos bleibt, ergibt sich erst auf dem weiteren Weg ins Erwachsenenalter und lasse nach Ursachen fragen, so Reitzle. "Betrachten wir dabei die jungen Frauen in Ost- und Westdeutschland getrennt, kommen sehr interessante Unterschiede zu Tage", erklärt der Psychologe von der Universität Jena. "Im Gegensatz zum Westen entscheiden sich in den neuen Bundesländern gut ausgebildete Frauen eher für Kinder - zumindest für eins. Die Kinderlosigkeit nach der Wende stieg deutlich bei jungen Frauen ohne Abitur. Vor allem sie sind verunsichert. Das erscheint verständlich: Rund die Hälfte dieser Frauen hat zwischen der Wende und 1996 wenigstens eine Episode von Arbeitslosigkeit erlebt", fasst Reitzle seine Forschungsergebnisse zusammen.

Hinzu kommt ein durch die Erfahrungen der Elterngeneration geprägter Ost-West-Unterschied im Selbstverständnis von Frauen: Für Frauen im Osten stehen für das ,Projekt Kind’ die Sicherheit und Planbarkeit der eigenen beruflichen Zukunft im Vordergrund, nicht so sehr Qualität und Bestand der Partnerbeziehung. Viele haben als Töchter ihrer geschiedenen Mütter erlebt, dass die Mutter-Kind-Familie nicht gleichbedeutend mit Not und sozialem Abseits ist - wenn Mutter relativ sicher im Erwerbsleben steht. Letzteres ist unter den heutigen Marktbedingungen eher bei gebildeten Frauen der Fall. "Ihre gut gebildeten Schwestern im Westen hingegen fürchten oft, ihre hohen Bildungsinvestitionen in den Sand zu setzen. Wenn erst ein Kind den Karriereweg unterbricht und dann auch noch die Ehe scheitert, gerät dies leicht zum sozialen Abstieg. So haben es manche in ihren Familien und Freundeskreisen erlebt", weiß Reitzle. Um das viel beklagte Problem der Kinderlosigkeit in Deutschland anzugehen, müssen nach Auffassung des Jenaer Psychologen unterschiedliche Akzente gesetzt werden. "Im Westen brauchen wir deutlich mehr Kindereinrichtungen und im Osten mehr berufliche und materielle Sicherheit für die jungen Frauen".

"Wenn es die sozialen Bedingungen zulassen, dann entscheiden sich junge Leute auch für Familie und Kinder", ist Reitzle überzeugt. Es sei Aufgabe auch der Sozialwissenschaften, über die Betonung von individuellen Fähigkeiten und Stärken hinaus für Bedingungen zu sorgen, unter denen allen jungen Menschen ihre relativ konventionellen Lebensziele erreichbar erscheinen. "Selbstredend gab und gibt es ungleich schlimmere Umwelten für das Erwachsenwerden als die derzeitige Bundesrepublik. Nur, damit vergleichen junge Leute ihre Lage nicht, sondern mit der hohen sozialen Sicherheit ihrer Elterngeneration - in einer prosperierenden BRD ebenso wie unter der künstlichen ,Käseglocke’ des DDR-Systems’, schließt der Jenaer Psychologe, der zurzeit aktiv am Ausbau des "Center for Applied Developmental Science" an der Jenaer Universität mitwirkt.

Kontakt:
PD Dr. Matthias Reitzle
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Am Steiger 3/1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945208, Fax: 03641 / 945202
E-Mail: Matthias.Reitzle@uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/

Weitere Berichte zu: Heiratsalter Kinderlosigkeit NEL Psychologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise