Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Die Platte ist besser als ihr Ruf." Einmaliges Forschungsprojekt räumt mit Klischees auf.

15.03.2005


Die Zufriedenheit der Bewohner mit der Wohnqualität ist im Plattenbau so hoch wie nie zuvor seit der Wende. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ), die Anfang März vorgestellt wurde. Als Basis für diese Studie diente eine repräsentative Befragung von 672 Einwohnern des Leipziger Stadtteils Grünau im Sommer 2004. Zwei Drittel gaben dabei an, sich in der Großsiedlung wohl zu fühlen. Seit 1979 befragen Wissenschaftler die Einwohner ausgewählter Häuser in Abständen von mehreren Jahren. Die Wohn- und Lebensbedingungen in Leipzig-Grünau wurden bereits zum achten Mal untersucht. Der lange Zeitraum und zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme machen diese Intervallstudie zu einem international einmaligen Forschungsprojekt.



"Soziale Brennpunkte, Armenviertel oder gar Slums" - bei solchen Vorurteilen über ostdeutsche Plattenbausiedlungen kann Dr. Sigrun Kabisch nur mit dem Kopf schütteln. Die Soziologin untersucht seit 25 Jahren die Situation im Leipziger Stadtteil Grünau, also in einem der größten ostdeutschen Plattenbaugebiete. Bis zur Wende baute die DDR rund eine Million Wohnungen in der "Platte". Das ist fast ein Drittel aller Wohnungen im Osten Deutschlands, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden.

... mehr zu:
»UFZ


Im Abständen von mehren Jahren haben die UFZ-Wissenschaftler die Einwohner von Leipzig-Grünau befragt. Initiiert wurde diese Intervallstudie durch Prof. Alice Kahl 1979, an der Universität Leipzig als der Stadtteil noch im Aufbau war. Als Hauptindikator für die Stimmung dient damals wie heute die sogenannte "Gute-Freund-Frage". 2004 antworteten 60 Prozent der Befragten mit JA auf die Frage "Würden Sie einem guten Freund raten, nach Grünau zu ziehen?". Das ist der beste Wert seit der Wende. Besser war die Stimmung nur in den ersten Jahren des Wohngebietes. Für dieses überraschende Ergebnis hat Dr. Sigrun Kabisch eine einfache Erklärung parat: "Wer wegziehen wollte, ist schon lange weg. Geblieben sind die überzeugten und zufriedenen Grünauer. Und diese erkennen die inzwischen erfolgten Sanierungs- und Aufwertungsmaßnahmen an." Zwei Drittel wohnen seit über 15 Jahren in der Platte" und verfügen über ein relativ gutes Einkommen. Das durchschnittliche Einkommen pro Haushalt schwankt in Grünau je nach Wohnkomplex zwischen 1412 und 1836 Euro pro Monat. Insgesamt liegt es aber spürbar über dem Leipziger Durchschnitt von 1436 Euro pro Monat. Damit sei das Klischee vom Armenviertel Plattenbausiedlung eindeutig widerlegt, betonen die Soziologen vom UFZ. Dennoch warnen sie: 60 Prozent der Befragten gaben an, dass Ihre Miete die persönliche Schmerzgrenze erreicht habe. Während es sich bei den "Alteingesessenen" vorwiegend um Senioren handelt, deren Rente noch nicht durch Jahre der Arbeitslosigkeit geschmälert wurde, haben die Neu-Grünauer durchschnittlich geringere Einkommen zur Verfügung.

Zu DDR-Zeiten lebte fast jeder vierte Leipziger im Stadtteil Grünau. Seit der Wende schrumpfte die Bevölkerung in dem Plattenbaugebiet deutlich von 85 000 auf 49 000 Einwohner. "Aber auch 49 000 Einwohner verdienen unsere Aufmerksamkeit", betont Kabisch. "Das sind immerhin zehn Prozent von Leipzigs Bevölkerung und mehr als in vielen kreisfreien Städten." Der Abriss von ausgewählten Wohnblöcken stößt bei den Befragten auf Akzeptanz. Wichtig sei jedoch, dass die Mieten dadurch nicht steigen, dass der Abriss begründet erfolgt und die bestehende Infrastruktur dabei nicht zerstört wird, so die Meinung der Grünauer. In den letzten Jahren wurden über Stadtförderprogramme etwa 40 Millionen Euro in die Modernisierung von Leipzig-Grünau investiert. Statt weiter in die Infrastruktur wolle die Stadt nun künftig kleinteilig in das soziale Umfeld investieren, sagte Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee in einer ersten Reaktion auf die Studie.

"Grünau wird älter, sozial gemischter und vermutlich noch etwas weiter schrumpfen", so die Prognose von Dr. Sigrun Kabisch und ihren Kollegen Annett Fritzsche und Dr. Matthias Bernt. Aus Sicht der UFZ-Wissenschaftler heißt das: Gebraucht werden mehr altengerechte Wohnungen mit Fahrstuhl. In enger Verbindung mit dem Alter steht auch die hohe Bindung der Mehrheit der Bewohner an Leipzig-Grünau. Für sie ist die Plattenbausiedlung ein lebenswertes Wohngebiet. Außen- und Innenwahrnehmung unterscheiden sich hier deutlich. Für die Einwohner ist klar: Die "Platte" ist wesentlich besser als ihr Ruf. Tilo Arnhold

Ansprechpartner für die Presse:

Doris Böhme
UFZ-Pressestelle
Telefon: 0341-235-2278
e-mail: presse@ufz.de

Weitere fachliche Informationen:

Dr. Sigrun Kabisch
Leiterin des UFZ-Departments Stadt- und Umweltsoziologie
Telefon: 0341-235-2366

Literatur zum Thema:

Weiske, Christine; Kabisch, Sigrun; Hannemann, Christine (Hrsg.):
Kommunikative Steuerung des Stadtumbaus.
Interessengegensätze, Koalitionen und Entscheidungsstrukturen in schrumpfenden Städten.
VS Verlag, Wiesenbaden, 2005
ISBN 3-531-14358-1
EUR 19,90

Kabisch, Sigrun; Bernt, Matthias; Peter, Andreas:
Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen.
Eine sozialwissenschaftliche Fallstudie.
VS Verlag, Wiesenbaden, 2004
ISBN 3-8100-4171-8
EUR 22,90

Die Wissenschaftler des UFZ-Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle (UFZ) erforschen die komplexen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in genutzten und gestörten Landschaften. Sie entwickeln Konzepte und Verfahren, die helfen sollen, die natürlichen Lebensgrundlagen für nachfolgende Generationen zu sichern. Das UFZ ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, die mit ihren 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2.2 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands ist. Die insgesamt 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Helmholtz-Gemeinschaft forschen in den Bereichen Struktur der Materie, Erde und Umwelt, Verkehr und Weltraum, Gesundheit, Energie sowie Schlüsseltechnologien

Doris Böhme | idw
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de
http://www.ufz.de/index.php?de=5414

Weitere Berichte zu: UFZ

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie