Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Minijobs, Ich-AG und 1 €-Jobs als Motor für mehr Angebote in der Kinderbetreuung?

07.02.2005


Institut Arbeit und Technik warnt: Qualität ist nicht kostenlos zu haben



Die Zahl der Kinderbetreuungsangebote insbesondere für die unter Dreijährigen soll in den nächsten Jahren deutlich ausgeweitet werden. Dies betrifft vor allem Westdeutschland, wo derzeit für nur rund 3 Prozent der Kinder in dieser Altersstufe Angebote zur Verfügung stehen. Da die Schaffung neuer Kindertagesstätten teuer ist, wird dabei von der Politik auch auf ein größeres Angebot von Tagesmüttern gesetzt, die in ihrem Haushalt ein oder mehrere Kinder betreuen. Bislang wird dies z.T. unter Mitwirkung der Jugendämter organisiert, oft aber auch auf privater Basis. Aber wie lassen sich mehr Frauen (Männer sind in der Kindertagespflege bislang eher Exoten) für diese Aufgabe gewinnen? Können die neuen arbeitsmarktpolitischen Instrumente wie Minijobs und Ich-AG’s dazu beitragen, dass das bislang eher schlecht bezahlte Arbeitsfeld der Tagespflege attraktiver wird? Dies ist nach Einschätzung der Arbeitsmarktforscherin Dr. Claudia Weinkopf vom Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) allerdings zweifelhaft. "Vor überzogenen Hoffnungen ist nachdrücklich zu warnen". Fraglich erscheint zudem, ob es sich hierbei - wie angestrebt - um qualitativ hochwertige Angebote in der Kindertagespflege handeln wird.



Die Gründe für diese eher skeptische Einschätzung sind vielfältig. Es bleibt das grundsätzliche Problem, dass damit eine existenzsichernde Vergütung und ausreichende soziale Absicherung von Tagesmüttern und Kinderfrauen ermöglicht wird. Dies liegt insbesondere daran, dass Minijobs und Ich-AG ja erklärter Maßen gerade auf die Ausweitung von eher niedrig bezahlter und damit häufig nicht existenzsichernder Erwerbsarbeit zielen.

Solche Formen der Erwerbstätigkeit können sich aber tendenziell nur diejenigen "leisten", die anderweitig finanziell und sozial abgesichert sind. Diese Gruppe wird allerdings zunehmend kleiner. Die abgeleitete Absicherung über einen gut verdienenden Ehemann erweist sich spätestens im Fall der Trennung als prekär. Und selbst, wenn die Beziehung hält, ist keineswegs automatisch sicher gestellt, dass der Ehemann auf Dauer ein Einkommen erzielt, mit dem eine Familie ernährt werden kann. Gegenüber einem offiziellen Minijob bleibt Schwarzarbeit in der Kindertagespflege für die Beschäftigten in vielen Fällen attraktiver. Zudem eignen sich diese Arbeitsformen aufgrund der niedrigen Einkommensgrenze von 400 ¤ tendenziell eher für einen zeitlich eng begrenzten Betreuungsbedarf und kleine Gruppen bzw. Einzelbetreuung.

Die Ich-AG bietet noch die größten Potenziale, die Einkommenssituation von Tagesmüttern zu verbessern und damit auch die Attraktivität solcher Tätigkeiten zu erhöhen. Im Vergleich zu einer ungeförderten selbständigen Tätigkeit als Tagesmutter, die für ihre soziale Absicherung sorgt, liegt das erzielbare Einkommen bei einer Ich-AG durch die öffentlichen Zuschüsse und die günstigeren Sozialversicherungsbeiträge deutlich höher. Dies gilt aber lediglich für den Zeitraum von drei Jahren. Eine erhebliche Einschränkung besteht zudem darin, dass die Gründung einer Ich-AG grundsätzlich nur Arbeitslosen mit Leistungsanspruch möglich ist. Bislang kommen aber nur wenige Tagesmütter aus dieser Gruppe.

Dies könnte sich künftig im Zuge der verstärkten "Aktivierung" von Arbeitslosen ändern, die ein zentraler Baustein der neuen Arbeitsmarktpolitik ist. Verstärkt könnten arbeitslose Frauen dazu gedrängt werden, sich in der Kindertagespflege beruflich zu engagieren - zumal vielfach angenommen wird, Kinderbetreuung sei eine "einfache" Dienstleistung, die keine besonderen Qualifikationen erfordere oder jedenfalls nur solche, über die Frauen bereits "qua Geschlecht" verfügten. "Wenn aber Personen, die weder über die erforderlichen Kompetenzen verfügen noch hieran überhaupt Interesse haben, verstärkt in der Kindertagespflege tätig werden, besteht die Gefahr, dass die Ausweitung der Angebote auf Kosten der Qualität geht", kritisiert die IAT-Forschungsdirektorin.

Zusätzliche qualifizierte Angebote lassen sich nur erschließen, wenn eine Tätigkeit in der Kindertagespflege insgesamt attraktiver ausgestaltet wird. Hierfür erscheint jedoch eine deutliche Verbesserung der Einkommenschancen, der sozialen Absicherung und der Arbeitsbedingungen erforderlich. Ansatzpunkte wären z.B. eine verstärkte fachliche Qualifizierung und Begleitung sowie Vernetzung und Kooperation (auch mit institutionellen Einrichtungen). All dies ist aber nicht kostenlos zu haben.

Kinderbetreuung und -erziehung sind sensible Aufgaben, die Qualität und Kontinuität erfordern. Vor diesem Hintergrund eignen sie sich nicht als Experimentierfeld für neue arbeitsmarktpolitische Instrumente. Dies gilt auch für die so genannten "1 €-Jobs", die derzeit massiv ausgeweitet werden, um vor allem Langzeitarbeitslose für sechs bis neun Monate in Beschäftigung zu bringen.

Für weitere Fragen steht
Ihnen zur Verfügung:
Dr. Claudia Weinkopf
Durchwahl: 0209/1707-142

Pressereferentin
Claudia Braczko
Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen
Tel.: +49-209/1707-176
Fax: +49-209/1707-110
E-Mail: braczko@iatge.de
info@iatge.de

Claudia Braczko | idw
Weitere Informationen:
http://www.iatge.de
http://www.iatge.de/aktuell/veroeff/2004/weinkopf12.pdf

Weitere Berichte zu: Absicherung Ich-AG Kinderbetreuung Kindertagespflege Minijob Tagesmütter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungen

Transferkonferenz Digitalisierung und Innovation

22.01.2018 | Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
Weitere B2B-VideoLinks
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Forschungsteam schafft neue Möglichkeiten für Medizin und Materialwissenschaft

22.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Ein Haus mit zwei Gesichtern

22.01.2018 | Architektur Bauwesen