Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Preisgekrönte Entwicklungsforschung zu HIV-infizierten Frauen in Lesotho

25.06.2013
Dr. des. Lena Kroeker, Absolventin der Bayreuth International Graduate School of African Studies (BIGSAS), ist mit dem diesjährigen KfW-Förderpreis für exzellente praxisrelevante Entwicklungsforschung ausgezeichnet worden.

Mit diesem Förderpreis für den wissenschaftlichen Nachwuchs würdigt die KfW Entwicklungsbank herausragende Dissertationen, die mit Bezug auf konkrete praktische Herausforderungen neue Sichtweisen und Handlungsansätze erschließen. Die Bayreuther Sozialanthropologin erhielt den Preis für ihre Untersuchungen zu HIV-infizierten schwangeren Frauen in dem südafrikanischen Staat Lesotho. Am 21. Juni 2013 nahm sie den Preis in München entgegen.

Bei der Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger arbeitet die KfW Entwicklungsbank mit dem Verein für Socialpolitik zusammen, der als eine der bedeutendsten wirtschaftswissenschaftlichen Vereinigungen im deutschen Sprachraum gilt. Die Preisverleihung fand daher im Rahmen der Jahrestagung statt, die der Ausschuss für Entwicklungsländer des Vereins für Socialpolitik in diesem Jahr an der Ludwig-Maximilians-Universität veranstaltete. Erstmals wurden drei, jeweils mit 3.000 Euro dotierte Erste Preise vergeben und nicht, wie in den Vorjahren, drei Preise mit unterschiedlicher Dotierung.

Selbstbestimmte Handlungsstrategien für den Lebensalltag

"Zwischen Leben und Tod" - so bezeichnen die Menschen in Lesotho die gesamte Zeitspanne von der Schwangerschaft bis zur postnatalen Versorgung. Lena Kroeker hat diese Redewendung als Titel für ihre Dissertation gewählt. Darin beschreibt sie die existenzielle Problematik, der Frauen in Lesotho ausgesetzt sind, wenn sie nicht allein schwanger, sondern auch mit dem HIV-Virus infiziert sind. Zugleich aber arbeitet sie die komplexen Handlungsstrategien heraus, mit denen die betroffenen Frauen auf die bedrängenden, teilweise widersprüchlichen Forderungen aus ihrem Lebensumfeld reagieren. Freiräume für ein selbstbestimmtes Handeln zu bewahren oder neu zu entwickeln, ist das Ziel dieser Strategien. Ein umsichtiges, kreatives "Navigieren" zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen und deren Erwartungen prägt dadurch den Lebensalltag.

Mit dreißig Frauen und ihren Familien hat sich Lena Kroeker während ihrer Forschungsaufenthalte intensiv befasst – sei es bei Besuchen in Krankenhäusern oder in den Wohnungen der Betroffenen. "Es ist beeindruckend, wie schwangere, HIV-infizierte Frauen in Lesotho ihre ungewisse Situation meistern", meint die Bayreuther Absolventin, die jetzt als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bayreuth Academy for Advanced African Studies tätig ist. "Durch geschickte Anpassungen, die oftmals einem täglichen Zick-Zack-Kurs gleichen, gelingt es den Frauen Konflikte zu umgehen, die sie angesichts der sozialen Kräfteverhältnisse in ihrem Umfeld nicht gewinnen können."

"Die Untersuchungen von Lena Kroeker bieten wertvolle Einsichten in soziale Strukturen und Konfliktfelder, die in der Forschung bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind", erklärt Prof. Dr. Erdmute Alber, die an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Sozialanthropologie leitet und die Dissertation betreut hat. "Bevor man aber seitens der Entwicklungspolitik Maßnahmen ergreift, die auf die HIV/AIDS-Bekämpfung im südlichen Afrika abzielen, ist es wichtig, die lokalen Gegebenheiten vor Ort zu kennen. Zudem kommt es entscheidend darauf an, das Bestreben der Frauen nach einer möglichst selbstbestimmten Gestaltung ihres schwierigen Lebensalltags ernst zu nehmen und zu stärken."

Im Spannungsfeld zwischen medizinischem Wissen und familiären Strukturen

In den letzten 30 Jahren, während sich die Infektion HIV/AIDS im südafrikanischen Raum ausbreitete, haben Frauen in Lesotho eine größere finanzielle Unabhängigkeit und damit auch eine größere Selbständigkeit in ihren alltäglichen Entscheidungen erlangt. Die von ihnen gegründeten städtischen Haushalte bestehen in der Regel aus Eltern mit Kindern, einem kinderlosen Paar oder aus einer alleinerziehenden Mutter mit Kindern. Hier sind die Frauen nicht nur Haushaltsvorstände, sondern verfügen auch – während die Männer oftmals im Nachbarstaat Süd-Afrika arbeiten – über ein eigenes Einkommen. Gleichwohl haben die traditionellen Familienbeziehungen, die sich über mehrere Generationen erstrecken, eine ungebrochene soziale Bedeutung, vor allem bei der Versorgung von Kindern und der Krankenpflege.

Dies tritt besonders deutlich zutage, wenn Frauen sowohl schwanger als auch mit dem HIV-Virus infiziert sind. Dann geraten sie rasch in ein Konfliktfeld zwischen gegensätzlichen Forderungen und Erwartungen. In medizinischen Versorgungseinrichtungen gelten sie vorrangig als infizierte Patientinnen, die Schwangerschaft wird eher als zweitrangig aufgefasst. Im Hinblick auf eine effiziente Behandlung und Fürsorge wird von den Frauen verlangt, dass sie ihren Lebensalltag an modernen biomedizinischen Standards ausrichten, die im Rahmen der westlichen Schulmedizin entwickelt wurden. Insofern sie ihr eigenes Leben und das Leben ihrer Kinder schützen wollen, sehen sie sich genötigt, diesen Handlungsempfehlungen zu folgen.

Zugleich sind die betroffenen Frauen auf praktische Unterstützung und Pflege angewiesen, sie haben das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung in einem möglichst stabilen sozialen Umfeld. In dieser Hinsicht wiederum sehen sie sich an die Strukturen und Kräfteverhältnisse in der traditionellen Großfamilie gebunden. Hier steht die Schwangerschaft im Mittelpunkt, während HIV/AIDS als Nebenaspekt gilt. Die Familienältesten fordern die Einhaltung traditioneller Riten, Normen und Verhaltensregeln. Da sie in der Regel darüber entscheiden, wie die Versorgung innerhalb der Großfamilie organisiert wird, haben schwangere und HIV-infizierte Frauen ein starkes Interesse daran, sich mit den Familienältesten gut zu stellen.

"Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, Sanktionen zu vermeiden, passen sich die Frauen widerwillig den familiären Anweisungen an. Doch oftmals kann das Vortäuschen falscher Tatsachen helfen, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und unangenehme Situationen zu vermeiden", berichtet Lena Kroeker. "Auch gelingt es manchen Frauen, sich der familiären Kontrolle zeitweise durch physische Abwesenheit zu entziehen – wie beispielsweise Textilarbeiterinnen, die meist in angemieteten Einzimmerwohnungen leben." Manche Frauen ließen sich, wenn der soziale Druck steigt, gegenüber Ärzten, Beratern oder Familienangehörigen von einer respektierten Vertrauensperson vertreten und könnten dadurch eigene Interessen besser wahren.

Ansprechpartner:

Dr. des. Lena Kroeker
Bayreuth Academy for Advanced African Studies
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel.: +49 921 55-5447
E-Mail: lena.kroeker@uni-bayreuth.de
Prof. Dr. Erdmute Alber
Lehrstuhl für Sozialanthropologie
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Tel.: +49 921 55-4121
E-Mail: erdmute.alber@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet
02.12.2016 | Universität zu Lübeck

nachricht Ohne erhöhtes Blutungsrisiko: Schlaganfall innovativ therapieren
02.12.2016 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

ICTM Conference 2017: Production technology for turbomachine manufacturing of the future

16.11.2016 | Event News

Innovation Day Laser Technology – Laser Additive Manufacturing

01.11.2016 | Event News

#IC2S2: When Social Science meets Computer Science - GESIS will host the IC2S2 conference 2017

14.10.2016 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie