Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Förderpreis für Urgeschichte erstmals im Bereich Genetik

04.02.2010
Auszeichnung für grundlegende Arbeiten zur Erbgutanalyse der Neandertaler

Das Institut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen verleiht heute, den 4. Februar, zum 12. Mal den Tübinger Förderpreis für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie.

Der Preisträger Dr. Johannes Krause ist am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig tätig und wird für seine Dissertation von 2008 ausgezeichnet. Erstmals erhält ein Wissenschaftler aus dem Bereich der Genetik den Preis, der mit 5000 Euro dotiert und von der Firma EiszeitQuell gestiftet ist. Der Förderpreis ist der höchst dotierte jährlich vergebene Preis dieser Art für Archäologen.

Krauses Forschungsarbeiten decken innerhalb der Genetik ein sehr weites Spektrum ab. Neben grundlegenden Beiträgen zur Analysemethodik hat er auch Arbeiten zu den Genomen von Mammuts, Höhlenbären und Menschenaffen, Untersuchungen über das Erbgut von Neandertalern und frühen anatomisch modernen Menschen sowie Arbeiten über die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen beiden Menschenformen vorgelegt. Auch zeitlich ist Krauses Forschung breit angelegt. Sie reicht von Untersuchungen an Bären an der Miozän-Pliozän-Grenze vor etwa fünf Millionen Jahren bis zu den letzten Neandertalern und ersten anatomisch modernen Menschen in Europa vor etwa 30.000 Jahren sowie schließlich zu modernen Bären.

Ein zentrales Problem bei fossilen Proben von ausgestorbenen Lebewesen besteht darin, dass die DNA im Laufe der Zeit zerfällt und aus den Bruchstücken rekonstruiert werden muss. Deshalb wird für diesen Schritt häufig die DNA aus bestimmten Zellorganen, den Mitochondrien, verwendet. Diese DNA liegt in jeder Körperzelle in mehreren hundert Kopien vor. Anhand der Untersuchung des mitochondrialen Erbguts ausgestorbener und lebender Bären entwickelte Johannes Krause mit Kollegen eine als "2-Stufen Multiplex PCR" bezeichnete Methode: ein Verfahren, um die Bruchstücke der "Alten DNA" zu vervielfältigen und zu längeren Sequenzen bis hin zum kompletten Genom zusammenzustellen. Diese Methode eignet sich auch dazu, bestimmte Bereiche der Kern-DNA zu erforschen. Von der Kern-DNA gibt es im Unterschied zur mitochondrialen DNA nur wenige Kopien. Krauses Arbeiten stellen somit einen bahnbrechenden Beitrag zur Grundlagenforschung dar.

Ein Schwerpunkt der Forschungen Krauses liegt auf Genuntersuchungen an Neandertalern. Der Nachwuchswissenschaftler ist Teil einer Arbeitsgruppe, die das komplette Neandertaler-Genom entschlüsselt hat. Durch genetische Analysen an Menschenfossilien aus dem russischen Altai-Gebiet konnten diese als Neandertaler identifiziert und somit das bisher bekannte Verbreitungsgebiet dieser Menschenform enorm ausgeweitet werden. Darüber hinaus konnte Krause mit Kollegen zeigen, dass zwei bestimmte evolutionäre Veränderungen im sogenannten Sprachgen FOXP2 sowohl bei Neandertalern als auch bei anatomisch modernen Menschen nachweisbar sind. Diese Änderungen müssen somit noch vor der Aufspaltung in beide Linien stattgefunden haben, was nahelegt, dass Neandertaler wohl eine gut ausgeprägte Sprachfähigkeit besaßen.

Schließlich gelang einer Arbeitsgruppe unter maßgeblicher Beteiligung von Johannes Krause, eine Million Basenpaare der Kern-DNA des Neandertalers darzustellen. Zuvor waren immer nur wenige kurze Abschnitte der Erbinformation, noch dazu nur mitochondriale DNA, entziffert worden. Durch Vergleiche mit den Genomen von anatomisch modernen Menschen und Schimpansen konnte nun gezeigt werden, dass sich die DNA-Sequenzen der Neandertaler und der modernen Menschen vor etwa 500.000 Jahren auseinanderentwickelten. Dieser Nachweis ist ein grundlegender Beitrag zur Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse beider Menschenformen.

Der Förderpreis würdigt insbesondere auch die innovativen Ergebnisse von Johannes Krauses Forschung. So konnten etwa einzelne Merkmale der Beschädigung von DNA identifiziert werden, anhand derer sich Alte DNA von modernen Verunreinigungen unterscheiden lässt. Damit konnte unter Krauses Federführung erstmals das komplette mitochondriale Genom eines frühen anatomisch modernen Menschen mit einem Alter von 30.000 Jahren aneinandergefügt werden. Das Erbgut unterscheidet sich signifikant von dem der Neandertaler. Außerdem legen Vergleiche nahe, dass zumindest ein gewisser Grad an genetischer Kontinuität zwischen den frühen anatomisch modernen Menschen in Europa und den heutigen Europäern besteht. Diese Ergebnisse liefern der Forschung weitere Fakten über den Prozess der Besiedlung Europas durch anatomisch moderne Menschen, die Ablösung der Neandertaler und schließlich die Bevölkerungsstruktur frühmoderner Europäer.

Aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen mit der Dissertation "From Genes to Genomes: Applications for Multiplex PCR in Ancient DNA Research" gehört der 29-jährige Johannes Krause bereits jetzt zu den etablierten Forschern auf seinem Gebiet. Der Preisträger stellt seine Arbeiten unter dem Titel "Von Genen zu Genomen. Neues aus der Alten DNA-Forschung" im Rahmen einer Feierstunde auf Schloss Hohentübingen am heutigen 4. Februar vor.

Nähere Informationen und Kontakt:

Prof. Nicholas Conard Ph.D.
Eberhard Karls Universität Tübingen
Institut für Ur-und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters
Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie
Schloss Hohentübingen, 72070 Tübingen
T. 0 70 71/29-7 24 16
F. 0 70 71/29-57 14
E-Mail: http://nicholas.conard[at]uni-tuebingen.de
Eberhard Karls Universität Tübingen
Hochschulkommunikation
Abteilung Presse und Forschungsberichterstattung
Michael Seifert
Wilhelmstr. 5 · 72074 Tübingen
Tel.: 0 70 71 · 29 · 7 67 89 · Fax: 0 70 71 · 29 · 5566
E-Mail: michael.seifert@uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Innovationen in der Bionik gesucht!
18.01.2018 | VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V.

nachricht Fraunhofer HHI erhält AIS Technology Innovation Award 2018 für 3D Human Body Reconstruction
17.01.2018 | Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, HHI

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie