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(K)ein Standard für die Bildung

11.09.2012
Nationale Bildungsstandards sollen dafür sorgen, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich besser abschneiden. Finnland ist das große Vorbild. Den Einfluss dieser Standards auf den Unterricht an Grundschulen hat Annette Frühwacht untersucht. Ihre Studie ist jetzt veröffentlicht worden.
„Nationale Bildungsstandards formulieren verbindliche Anforderungen an das Lehren und Lernen in der Schule. … Bildungsstandards benennen präzise, verständlich und fokussiert die wesentlichen Ziele der pädagogischen Arbeit, ausgedrückt als erwünschte Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler. Damit konkretisieren sie den Bildungsauftrag, den Schulen zu erfüllen haben.“ So steht es in einer Expertise, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Jahr 2009 veröffentlich hat.

In der Öffentlichkeit wird die Einführung von Bildungsstandards in Deutschland in der Regel als direkte Reaktion auf die ernüchternden Ergebnisse der Pisa-Studie 2000 wahrgenommen. Zwar hatte es schon seit 1997 Bestrebungen in der Kultusministerkonferenz gegeben, national verpflichtende Bildungsziele festzulegen. Die Tatsache, dass bei internationalen Vergleichsstudien erfolgreiche Länder durchwegs über nationale Standards verfügen, hat deren Einführung in Deutschland jedoch stark beschleunigt. Was liegt schließlich näher als dem „Pisa-Sieger“ Finnland im Hinblick auf dieses bildungspolitische Merkmal zu folgen?

Wie Lehrkräfte Bildungsstandards verstehen und wie diese Standards Einfluss auf den Unterricht nehmen: Das hat die Wissenschaftlerin Annette Frühwacht in einem Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Würzburg am Beispiel von Grundschulen untersucht. Sie ist dabei insbesondere der Frage nachgegangen, ob unterschiedliche bildungspolitische Rahmenbedingungen bei den Lehrern zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führen. Dazu hat sie Interviews mit Lehrkräften in Deutschland und in Finnland geführt. Interviewpartner in Finnland waren außerdem Vertreter des Zentralamts für Unterrichtswesen in Helsinki und ein Vertreter der lokalen Schulbehörde.

Ergebnisse der Studie

„Die theoretische Analyse zeigte zunächst, dass sich die Rahmenbedingungen und Regelungsstrukturen in Deutschland und Finnland stark unterscheiden“, sagt Frühwacht. Dies sei am deutlichsten schon an den unterschiedlichen Bezeichnung zu erkennen: In Finnland tauche der Begriff „Standards“ im Zusammenhang mit Bildung nicht auf. Finnen sprächen hingegen vom „Rahmenlehrplan für die Gemeinschaftsschule“.

Ein weiterer Unterschied: „In Finnland legt man großen Wert auf Konsens. Deshalb werden in Helsinki nur zentrale Aspekte vorgegeben“, erklärt die Schulpädagogin. Konkrete Ziele würden dann in den einzelnen Schulbezirken unter der Beteiligung von Lehrkräften, Eltern und Schülern erarbeitet. Das ist in Deutschland anders; hier unterscheidet sich die Vorgehensweise von Bundesland zu Bundesland: „Teilweise wurden die Bildungsstandards in neuen Lehrplänen umgesetzt, teilweise wurden die Bildungsstandards parallel zu den bereits bestehenden Lehrplänen vorgegeben, teilweise wurden komplett neue Bildungspläne geschrieben“, sagt Frühwacht.

Eine Konsequenz dieser unterschiedlichen Herangehensweise spiegelt sich nach Ansicht der Wissenschaftlerin im Umgang der Lehrer mit den Bildungsstandards. „In Finnland werden die Standards als kleinster gemeinsamer Nenner wahrgenommen“, sagt sie. Ganz anders in Deutschland: Hier stieß Frühwacht auf unterschiedlichste Vorstellungen von Bildungsstandards bis hin zum Nicht-Wissen um die Existenz dieser Standards.

Was die Bedeutung der Bildungsstandards für den Unterricht betrifft, fand Frühwacht ebenfalls gravierende Unterschiede: In Deutschland würden vor allem die Lehrpläne von den Lehrkräften als verpflichtend wahrgenommen. Bildungsstandards werden deshalb nur soweit umgesetzt wie sie in den Lehrplänen verankert sind. In Finnland dienten die nationalen Festlegungen hingegen für die langfristige Unterrichtsplanung.

Schlussfolgerung: Praktiker stärker beteiligen

„Die Studie zeigt, dass bildungspolitische Rahmenbedingungen Einfluss auf die Wahrnehmung der Lehrkräfte haben können“, lautet die Schlussfolgerung der Wissenschaftlerin. Ihr Rat an die verantwortlichen Politiker ist deshalb klar: Praktiker sollten stärker an der Entwicklung und Umsetzung von Bildungsstandards beteiligt werden. Zusätzlich sollten die Standards in die Lehrpläne integriert werden.

Für ihre Interviews ist Annette Frühwacht mehrere Male nach Finnland gereist. Was sie zu ihrer Überraschung dort erfahren durfte: „In Finnland existiert eine ganz andere Art von Neidkultur. Dort schämt sich derjenige, der besser als andere ist, weil er befürchten muss, dass er damit bei den Anderen Neid auslöst“. Deshalb würden Finnen auch so großen Wert auf Konsens legen. Für die Auswertung ihrer der Daten sei dieses Wissen sehr hilfreich gewesen.

Frühwacht, Annette (2012): Bildungsstandards in der Grundschule. Bildungsstandards und Vergleichsarbeiten aus der Sicht von deutschen und finnischen Lehrkräften. Klinkhardt-Verlag, 270 S., kart., EUR(D) 32,00, ISBN 978-3-7815-1876-6

Kontakt

Dr. Annette Frühwacht, E-Mail: annette.fruehwacht@ewf.uni-erlangen.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de

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