Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutschlandweit erstes interdisziplinäres Allergiezentrum entsteht in Lübeck und Borstel

12.03.2003


Die "Allergiesaison" beginnt: Überschießende Reaktionen auf Erdnüsse können tödlich verlaufen - Neuer Forschungsschwerpunkt im Norden

... mehr zu:
»Allergie »Allergiker

Die Zahl der Allergiker steigt beständig, in Deutschland leidet schon jeder sechste unter Heuschnupfen. Hinzu kommen Millionen Menschen, die auf unterschiedlichste Substanzen aus Natur oder Industrie u.a. mit Ausschlag, Atemnot, Schwindel, Übelkeit oder Juckreiz reagieren. Die medizinische Versorgung der Betroffenen ist noch nicht optimal. Das soll sich - zumindest im norddeutschen Raum - künftig ändern: Zusammen mit der im September 2002 neu gegründeten Medizinischen Klinik III der Universität Lübeck befindet sich das bundesweit erste interdisziplinäre Allergie-Zentrum im Aufbau. "Spezialisten aus der Grundlagenforschung arbeiten hier eng mit klinisch tätigen Ärzten zusammen. Ziel muss es sein, neu gewonnenes Wissen aus dem Labor schnellst möglich zum Wohle des Patienten in die Praxis zu transportieren", erklärte der Ärztliche Direktor der neuen Klinik, Prof. Dr. Peter Zabel.

Bereits heute, so Zabel, bestehe auf dem Gebiet der Allergieforschung und -therapie eine enge Kooperation u.a. mit Wissenschaftlern des Forschungszentrums Borstel, mit Molekularbiologen, Kinderärzten, HNO- und Hautspezialisten, Arbeits- und Sozialmedizinern der Universität Lübeck. Patienten werden fachübergreifend untersucht und behandelt, Ärzte rotieren zwischen einzelnen Kliniken, Studenten werden interdisziplinär mit dem Thema Allergie vertraut gemacht. Diese intensive Zusammenarbeit solle "möglichst bald" mit der Gründung eines Allergiezentrums auch formal dokumentiert werden.


Als Allergie bezeichnet man so genannte überschießende Reaktionen des Immunsystems auf körperfremde Substanzen. Überschießend deshalb, weil das Abwehrsystem auf Fremdstoffe anspricht, die - anders als etwa Krankheitskeime - eigentlich ungefährlich sind für die Gesundheit. Experten schätzen, dass es etwa 20 000 Substanzen gibt, für die eine allergieauslösende Wirkung bekannt ist. Von der Ananas bis zur Zitrone, vom Angorafell bis zur Zahnpasta - prinzipiell kann jeder Stoff zum Allergen werden. Bei den meisten Allergenen handelt es sich um Eiweißsubstanzen (Proteine) pflanzlicher oder tierischer Herkunft wie etwa Blütenpollen, Hausstaubmilben oder Schimmelpilzen. Besonders die Pollen verursachen teils erhebliche Probleme mit den Atemwegen - die gerade erwachende Natur löst bei Millionen Menschen Heuschnupfen aus.

Zu den Forschungs- und Behandlungsschwerpunkten in Lübeck und Borstel gehören die Nussallergien. "Diese sind relativ selten und werden von Ärzten und Patienten zunächst häufig unterschätzt", erläutert Allergologin Dr. Ute Lepp, "doch Nussallergien können zu sehr heftigen körperlichen Reaktionen bis zum so genannten anaphylaktischen Schock führen, der unter Umständen tödlich verläuft."

Bei der Nussallergie wird unterschieden zwischen körperlichen Reaktionen, die ursächlich auf den Pollenflug zurück zu führen sind ("pollenassoziierte" Allergie oder allergische Kreuzreaktion) und solchen, die unmittelbar mit Verzehr oder Kontakt eines nusshaltigen Nahrungsmittels zusammen hängen. Kreuzreaktionen treten häufig bei Birkenpollenallergikern auf. "In den Birkenpollen sind Proteine enthalten, die in gleicher Weise auch in der Haselnuss, in Apfel, Birne oder Kirsche vorkommen. Diese Eiweiße, zu denen u.a. das Profilin gehört, sind für die Pflanzen von großer Bedeutung - sie schützen sie vor Krankheiten. Beim Menschen verursachen sie jedoch allergische Reaktionen." Von Fall zu Fall verschieden, müssen Birkenpollenallergiker in der Pollensaison oder sogar ganzjährig auf haselnusshaltige Nahrungsmittel verzichten.

Noch bedrohlicher sind allergische Reaktionen nach dem Verzehr von erdnusshaltigen Speisen. Hier reichen bereits kleinste Mengen im Mikrogrammbereich aus, um beim Betroffenen Luftnot, Schleimhautschwellungen oder Kreislaufstörungen hervorzurufen - die Hülsenfrucht hat ein extrem hohes allergisches Potential. Dr. Lepp berichtete von zwei Patienten, die nach dem Verzehr von Körnerbrötchen, denen Erdnuss beigemischt war, entsprechend reagierten: "Einer Patientin schwoll innerhalb weniger Minuten der Rachen zu, sie wurde ohnmächtig. Erst der herbei geeilte Notarzt bewahrte sie mit entsprechenden Medikamenten vor Schlimmerem." In solchen Fällen, so Lepp, spielen die Ärzte schon mal Detektiv. "Wir haben Kontakt mit der Großbäckerei aufgenommen. Tatsächlich setzen sie fünf ihrer Produkte Erdnuss zu. Da das Unternehmen für alle Teigarten jedoch nur eine Rührmaschine benutzt, sind auch vermeintlich erdnussfreie Backwaren für Allergiker gefährlich. Folglich kommt diese Bäckerei für unsere Patienten nicht mehr in Frage."

Wie weit verbreitet Erdnussallergien sind, ist derzeit nicht bekannt. Aus den USA, wo bereits Kleinstkinder täglich Erdnussbutter essen, weiß man, dass etwa sechs Prozent der Bevölkerung IgE-Antikörper im Blut gegen Erdnüsse entwickelt haben. Jährlich vermuten Experten mindestens 100 Todesfälle: Die Betroffenen erleiden nach dem Verzehr von Erdnüssen eine Schockreaktion mit vollständigem Kreislaufversagen und sterben ohne ärztliche Hilfe innerhalb kurzer Zeit. Aus Deutschland gibt es keine vergleichbaren Daten, doch geht Dr. Lepp von steigenden Patientenzahlen aus: "Dies liegt wahrscheinlich an der größeren Verbreitung der Erdnuss in der Lebensmittelindustrie. Vor allem in Süßwaren, etwa in verschiedenen Schokoladeprodukten, Müsliriegeln oder Karamellbonbons, sind inzwischen Erdnüsse enthalten."

Um den Betroffenen künftig besser helfen zu können, konzentrieren sich die Forschungen in Lübeck und Borstel auf verschiedene Fragen:

Wie kommt es eigentlich zu einer Allergie? Allergien entstehen nicht "über Nacht", es gibt Sensibilisierungsphasen, in denen sie sich ausbilden. Oft spielen gleichzeitig ablaufende Infektionen eine große Rolle. Der Zusammenhang zwischen Allergie und Infektion wird von den Wissenschaftlern intensiv unter die Lupe genommen. Erforscht wird vor allem die Bedeutung bestimmter Bakterien (Chlamydia pneumonaie) für Entstehung und Unterhaltung von allergischem Asthma.

Welchen Stellenwert hat das neue Erdnuss-Allergen Ara h 6, das die Forscher in Borstel entdeckt haben? Ersten Untersuchungen zufolge ist das Protein sehr widerstandsfähig: Es ist hitzestabil - übersteht somit auch höhere Temperaturen bei der industriellen Fertigung oder beim Kochen - und widersetzt sich beim Verdauungsprozess den aggressiven Magensäften. In weiteren Studien muss die Bedeutung des Allergens für den Patienten geklärt werden.

Wo liegt der individuelle Schwellenwert, bei dem eine allergische Reaktion ausgelöst wird? Wenige Mikrogramm von Erdnussproteinen reichen aus, um heftigste Reaktionen zu erzeugen (Zum Vergleich: Haselnüsse, Milch oder Eier bereiten Allergikern erst im Grammbereich Probleme). Um herauszufinden, warum dies so ist, wird die Beziehung zwischen der chemischen Struktur des Allergens und seiner verheerenden Wirkung auf den Organismus genauer untersucht. Außerdem arbeiten die Wissenschaftler an der Entwicklung gentechnisch hergestellter (rekombinanter) Allergene, um Betroffene zu hyposensibilisieren. Ein solches "Unempfindlichmachen" ist bei Pollenallergikern seit mehreren Jahren mit gutem Erfolg möglich; für Nahrungsmittelallergien gibt es bisher keine entsprechenden Therapieoptionen.

Warum reagieren Erdnussallergiker so unterschiedlich? Einige sind nur sensibilisiert, d.h. in ihrem Blut finden sich entsprechende IgE-Antikörper und sie können trotzdem folgenlos Nüsse essen. Bei anderen wiederum sind keine Antikörper nachweisbar; diese sprechen jedoch heftigst auf Erdnüsse an. Auch lässt sich niemals eine Reaktion vorhersagen: Wer beim ersten Nusskontakt beinahe gestorben ist, kann auf den zweiten nur mit leichten Schnupfen reagieren. Auch der umgekehrte Fall ist möglich.

Wann beginnt die Sensibilisierung? Besonders Säuglinge und Kleinkinder sind gefährdet, eine Erdnussallergie zu entwickeln. Kontrovers diskutiert wird, ob stillende Mütter deshalb auf Erdnussprodukte verzichten sollen oder ob etwa erdnusshaltige Bäder für kleine Neurodermitispatienten allergieauslösend sein können. Eindeutige Empfehlungen gibt es noch nicht, doch rät Dr. Lepp zum Verzicht von Erdnussprodukten in den ersten drei Lebensjahren, wenn die Eltern allergiebelastet sind.

Besonders gefährdet sind Allergiker beim Restaurantbesuch, wenn Ihnen die Zutaten nicht bekannt sind. Auch im Supermarkt sind längst nicht alle Inhaltsstoffe auf der Verpackung ausgezeichnet. "Versteckte Allergene sind ein erhebliches Gesundheitsrisiko für gefährdete Nahrungsmittelallergiker", warnt Dr. Lepp. Umfassenden Schutz gibt es nicht, deshalb werden in Lübeck und Borstel alle Patienten mit einem Notfallset ausgestattet, so dass sie sich im Extremfall die lebensrettende Medikamentenkombination aus Cortison, Antihistaminika und Adrenalin selbst spritzen können.

Doch Erdnussallergiker müssen gar nicht erst zu Messer und Gabel greifen: Etwa fünf Prozent von ihnen, so eine amerikanische Untersuchung, reagieren mit Atemnot und ähnlichen Symptomen auf einen Kuss auf Wange oder Mund - selbst wenn sich der Partner zuvor die Zähne geputzt hat. Und bei Prof. Zabel ist bereits ein Skatspieler vorstellig geworden, der über heftige allergische Reaktionen klagte, weil seine Spielpartner vorab Erdnüsse gegessen hatten und er über die Karten Kontakt mit dem Allergen bekam. Prof. Zabel: "Deshalb sollten Nussallergiker künftig aber nicht aufs Küssen oder Karten spielen verzichten. Wir müssen das Problem anders lösen: Es gilt, mehr über die Krankheit zu erfahren und den Patienten besser zu analysieren, so dass wir künftig jedem Einzelnen eine optimale Therapie anbieten können."

Weitere Informationen erteilen ab Montag 17. März:

Prof. Dr. Peter Zabel
Telefon: 0451-500 6377 oder 04537-188 301
Email: pzabel@fz-borstel.de

und Dr. Ute Lepp
Tel. 04537-188 370
Email: ulepp@fz-borstel.de

Rüdiger Labahn | idw

Weitere Berichte zu: Allergie Allergiker

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Bildung Wissenschaft:

nachricht Digitales Know-how für den Mittelstand: Uni Bayreuth entwickelt neuartiges Weiterbildungsprogramm
28.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Physik-Didaktiker aus Münster entwickeln Lehrmaterial zu Quantenphänomenen
22.09.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Bildung Wissenschaft >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher untersuchen Pflanzenkohle als Basis für umweltfreundlichen Langzeitdünger

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

„Antilopen-Parfüm“ hält Fliegen von Kühen fern

20.10.2017 | Agrar- Forstwissenschaften

Aus der Moosfabrik

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie