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Deutsche Bevölkerung befürwortet weitere Reformen im Bildungssystem

11.08.2008
Umbau des dreigliedrigen Schulsystems - Ausbau der Ganztagsschulen - Bessere Integration

Angesichts der großen Herausforderungen an das Bildungssystem durch Migration und demographischen Wandel befürwortet eine Mehrheit der deutschen Bevölke­rung weitreichende Reformen.

Das zeigt eine repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Ber­telsmann Stiftung. Insbesondere die Eltern plädieren für eine Reform des dreigliedrigen Schulsys­tems, den raschen Ausbau der Ganztagsschule und eine bessere Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

Fast die Hälfte der Deutschen hält das aktuelle Bildungssystem für ungerecht (45 Prozent der Be­fragten insgesamt; 48 Prozent der Eltern). In Ostdeutschland sagen sogar 60 Prozent der Befrag­ten, dass sie das Bildungssystem für nicht gerecht halten. Besonders skeptisch äußern sich die Menschen in Deutschland zur Chancengleichheit: Drei Viertel der Bevölkerung und sogar 86 Pro­zent der Eltern sind der Ansicht, dass Jugendliche aus allen Schichten beziehungsweise aus allen Kulturkreisen nicht die gleichen beruflichen Chancen haben.

Das Bildungssystem muss nach Einschätzung der Mehrheit der Befragten integrativer werden, um allen Kindern und Jugendlichen in Deutschland unabhängig von ihrer Herkunft faire Chancen zu eröff­nen. Reformbedarf sieht die Bevölkerung nach den Ergebnissen der repräsentativen Umfrage im Einzelnen in folgenden Feldern:

Mehrheit für Reform des gegliederten Schulsystems

Die Mehrheit der Befragten und fast 60 Prozent der Eltern meinen, dass alle Kinder eher faire Chan­cen hätten, wenn sie möglichst lange gemeinsam unterrichtet würden. Hierbei zeigen sich kaum Un­terschiede zwischen den Eltern der verschiedenen weiterführenden Schulformen. Die Befragten sind mehrheitlich für eine spätere Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche Schulfor­men, das heißt nach Klasse 6 oder nach Klasse 9. Weniger als ein Drittel der Befragten - in Ost­deutschland sogar nur jeder Fünfte - hält die jetzige Aufteilung nach Klasse 4 für gut.

Drei Viertel für den Ausbau der Ganztagsschule

Drei Viertel der Bevölkerung (78 Prozent) und der Eltern (75 Prozent) plädieren dafür, dass das System der Ganztagsschulen ausgebaut werden soll. Von den Eltern der Gesamtschüler sind so­gar 85 Prozent der Meinung, dass es mehr Ganztagsschulen geben soll, wie es die Gesamtschu­len in der Regel bereits schon sind.

Drei Viertel für Bevorzugung von belasteten Schulen bei Mittelverteilung

Die Ressourcen im Bildungsbereich sollten nach der Mehrheit der Bevölkerung dort eingesetzt werden, wo sie besonders benötigt werden. Jeweils drei von vier Befragten (74 Prozent) meinen, die Schulen in benachteiligten Stadtvierteln sollten gegenüber anderen Schulen besser ausges­tattet werden. Auch hier sind die Unterschiede bei den Eltern der verschiedenen Schulformen nur geringfügig.

Umfassende Mehrheit für bessere individuelle Förderung und Toleranzerziehung

Fast 90 Prozent der Befragten plädieren für eine stärkere individuelle Förderung der Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen. 62 Prozent der Befragten und 67 Prozent der Eltern sind dafür, dass Schüler aus ausländischen Kulturkreisen verstärkt individuell gefördert werden. Das Enga­gement der Schulen für die Erziehung zu mehr Offenheit und Toleranz sollte nach Ansicht von drei Vierteln aller Befragten verstärkt werden (76 Prozent).

Die Befragten zeigen sich nicht nur reformfreudig, sie sind auch bereit, sich selbst für faire Bil­dungschancen zu engagieren: Zwei Drittel der Bevölkerung (66 Prozent) und 71 Prozent der Eltern würden gern Kindern und Jugendlichen ausländischer Herkunft bei der Integration helfen, etwa durch Unter­stützung bei den Hausaufgaben.

"Unsere Umfrage macht deutlich, dass die Bevölkerung mehrheitlich ein integrativeres Bildungs­system wünscht. Aus unserer Sicht besonders erfreulich ist die Tatsache, dass die meisten Men­schen in Deutschland bereit sind, sich selbst für Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien zu engagieren", sagte Dr. Johannes Meier, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. "Unser Bildungssystem muss bessere Antworten auf die Herausforderungen der Migration und der demo­graphischen Entwicklung geben. Der ausgeprägte Reformwille der Bevölkerung ist eine Chance für den zügigen Umbau unseres Bildungssystems. Die Ressourcen für Bildung sollten verstärkt in den sogenannten Problem-Stadtteilen eingesetzt werden, was, laut unserer Untersuchung, auch drei Viertel der Deutschen unterstützen würden", unterstrich Vorstandskollege Dr. Jörg Dräger bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse.

Bei der repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die das Emnid-Institut im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt hat, wurden 1.519 Personen über 14 Jahren in Privathaushalten befragt.

Über die Bertelsmann Stiftung:

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich für das Gemeinwohl ein. Sie engagiert sich in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Soziales, Gesundheit sowie Internationale Verständigung und fördert das friedliche Miteinan­der der Kulturen. Durch ihr gesellschaftliches Engagement will sie alle Bürgerinnen und Bürger ermutigen, sich ebenfalls für das Gemeinwohl einzusetzen. Die 1977 von Reinhard Mohn gegründete, gemeinnützige Einrichtung hält die Mehrheit der Kapitalanteile der Bertelsmann AG. Die Bertelsmann Stiftung arbeitet ope­rativ und ist unabhängig vom Unternehmen sowie parteipolitisch neutral.

Rückfragen an:
Ulrich Kober, Telefon: 0 52 41 / 81-81 598; E-Mail: ulrich.kober@bertelsmann.de
Claudia Walther, Telefon: 0 52 41 / 81-81 360; E-Mail: claudia.walther@bertelsmann.de

Ute Friedrich | idw
Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de

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