Zukunftssicherung durch Bewegung und Spiel im Kindesalter

Augsburger Fachtagung will die Bedeutung der frühkindlichen Bewegungserziehung stärker ins öffentliche Bewusstsein rufen

Insbesondere an ErzieherInnen und Träger von Kindertageseinrichtungen, an GrundschullehrerInnen, an Eltern und Elternverbände, an Politiker, Ärzte und Krankenkassen und an Sportvereine und Sportverbände richtet sich eine Fachtagung, bei der es am 13. März 2003 an der Universität Augsburg um das Thema „Zukunftssicherung durch Bewegung und Spiel im Kindesalter“ geht. „Wir wollen die Bewegungserziehung im Kindesalter zu einem nachhaltigen öffentlichen Anliegen machen. Denn die Verantwortung, die Eltern, Kindergärten und Schulen hier haben, muss von einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen gestützt werden“, sagt der Augsburger Sportpädagoge Prof. Dr. Helmut Altenberger im Namen der Veranstalter.

DIE ELTERN AUF DEM LAUFBAND UND DIE KINDER VOR DEM BILDSCHIRM

Während sich die Eltern auf dem Laufband oder gar an der frischen Luft ihre Fitness holen, versumpfen die Kids zuhause mit dem Joy Stick in der Rechten vor dem Bildschirm und bedienen sich mit der Linken aus der Chips-Tüte: Dieses Bild sei etwas überzogen, gibt Altenberger zu, aber: „Wir müssen wieder zu einem Gleichgewicht zurückfinden, das unseren Kindern die ganz entscheidenden Entwicklungspotenziale öffnet und erschließt, die in Bewegung und Spiel ruhen. Es wäre gegenüber dem einzelnen Kind, aber auch in gesamtgesellschaftlicher Perspektive in hohem Maße verantwortungslos, wenn wir diese Potentiale nicht mobilisieren und nutzen würden.“

UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT VON STAATSMINISTERIN CHRISTA STEWENS

Dies stärker ins allgemeine Bewusstsein zu rufen und Wege zu diskutieren, die sich für die Mobilisierung dieser Entwicklungspotentiale anbieten, ist das Ziel der Augsburger Fachtagung mit dem programmatischen Titel „Zukunftssicherung durch Bewegung und Spiel im Kindesalter“. Veranstalter der unter der Schirmherrschaft der Bayerischen Staatsministerin für Arbeit, Sozialordnung, Familien und Frauen, Christa Stewens, stehenden Tagung sind der Lehrstuhl für Sportpädagogik der Universität Augsburg, das Staatsinstitut für Frühpädagogik und Familienforschung, München, und der Turnbezirk Schwaben. Letzterer feiert mit dem Symposium zugleich das 10-jährige Bestehen des von ihm gemeinsam mit den Schwäbischen Sparkassen initiierten und getragenen Projekts „KNAXIADE“: Unter dem Motto „Bewegung macht Spaß“ haben an diesem Projekt mittlerweile rund 300.000 Jungen und Mädchen in den Kindergärten Schwabens teilgenommen.

VIEL ZU HÄUFIG BLEIBEN KINDER BUCHSTÄBLICH SITZEN

In einer gegenüber noch vor wenigen Jahren massiv veränderten Lebenswelt bleiben Kinder in ihrer Freizeit buchstäblich viel zu oft sitzen. Die Gründe hierfür lassen sich nicht allein darauf reduzieren, dass Computer, Video etc. von Hause aus übermächtige Konkurrenten zu Alternativen der kindlichen Freizeitgestaltung sind, die Bewegung implizieren, Die Gründe sind vielmehr vielfältig und komplex:

Nicht nur die Gelegenheiten, sondern insbesondere auch die Anregungen zu Spiel, Sport und Bewegung sind gegenüber früher erheblich beschnitten. Ein Faktor, der diese Situation mit bedingt und verschärft, ist die gestiegene zeitliche Inanspruchnahme der Eltern – sei es durch Beruf, sei es durch die spezifische Situation in Ein-Eltern-Familien.

NEUROPHYSIOLOGISCHE ERKENNTNISSE WERDEN NICHT ZUR KENNTNIS GENOMMEN

Zumal wo Bewegung im Kindesalter keine Selbstverständlichkeit mehr ist, müsste sie gezielt gefördert werden. Entsprechende neurophysiologische Erkenntnisse, die die basale Bedeutung einer möglichst frühen kindgemäßen motorischen Aktivierung und sensomotorischen Stimulation für die Entwicklung des Kindes belegen, legen dies nahe. Aber diese Erkenntnisse finden noch kaum Berücksichtigung: Motorische Entwicklungsförderung, Bewegungserziehung, Psychomotorik und Sportförderunterricht sind bei der Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen – Männer sind in diesen Berufen fatalerweise nach wie vor praktisch nicht vertreten – noch weitgehend unbekannte Fremdwörter.

SPARPOLITISCH MOTIVIERTER BEWUSSTSEINSMANGEL

Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Bedeutung der Bewegungserziehung auch politisch noch konsequent unterschätzt wird, wobei hier gewiss staatliche Sparzwänge das Ihre leisten. Dementsprechend bleibt eine staatliche Unterstützung einschlägiger Elternarbeit und Elternbildung aus, die Eltern fühlen sich durch die an sie herangetragenen Erwartungen in Sachen Bewegungs- und Spielförderung überfordert.

BEISPIEL SKANDINAVIEN

Darüber hinaus werden frühpädagogische Bewegungserziehung und motorische Entwicklungsförderung unter völliger Verkennung der grundlegenden Unterschiede gerne mit sportlicher Talentförderung gleichgesetzt und verwechselt. „Der Bewegungserziehung im Kleinkind- und Vorschulalter“, sagt Altenberger, „haftet bei uns im allgemeinen Bewusstsein etwas von Beliebigkeit, Überflüssigkeit und von Nachrangigkeit an. Die Skandinavier sind da bereits viel weiter, und das hängt möglicherweise mit einem anderen Verständnis des Kindes zusammen und mit einem dementsprechend anderen Umgang mit den Förderpotentialen, die die frühkindliche Entwicklungsphase bietet.“ Es sei bezeichnend, so Altenberger, dass in den skandinavischen Ländern die Ausbildung von Erzieherinnen akademischen Status habe und – mit dem Abitur als Voraussetzung – an Universitäten erfolge, während in Deutschland die Mittlere Reife zur Aufnahme einer 5-jährigen Ausbildung genüge, die von Experten längst wegen ihrer hohen Ineffektivität kritisiert werde.

BEWEGUNGSERZIEHUNG IST AUCH SOZIAL-, KREATIVITÄTS- UND KOMMUNIKATIONSERZIEHUNG

Was die Effekte des von ihm organisierten Symposiums „Zukunftssicherung durch Bewegung und Spiel im Kindesalter“ betrifft, schöpft Altenberger nicht zuletzt aus der Tatsache Zuversicht, dass die bayerische Sozial- und Familienministerin Christa Stewens nicht nur die Schirmherrschaft übernommen hat, sondern dass sie sich auch klar zu der Auffassung bekennt, frühkindliche Bewegungserziehung sei mehr als nur ein Teil der Gesundheitserziehung, sie sei in einem weit umfassenderen Zusammenhang zu sehen. „Bewegung“, so Stewens im Grußwort zur Einladung, „gehört zu den natürlichen Lebensäußerungen eines Kindes, sie schafft körperliches und emotionales Wohlbefinden und schenkt Lebensfreude. Gerade im vorschulischen Alter sind motorisches Verhalten, emotionales Erleben und kognitive Prozesse untrennbar miteinander verknüpft. Kinder brauchen dementsprechend Möglichkeiten und Gelegenheiten, vielfältige Bewegungserfahrungen zu sammeln, insbesondere im Kindergarten. Denn Bewegungserziehung ist ebenso untrennbar verbunden mit Sozialerziehung, aber auch mit Spracherziehung, mit Umwelt- und Naturverständnis, mit Kreativitäts- und Kommunikationserziehung.“ Sie sei, sagt die Ministerin, der Überzeugung, „dass die Bewegungserziehung noch viel stärker in das Zentrum der pädagogischen Konzeption unserer Kindergärten gerückt werden muss.“

EXPERTEN AUS WISSENSCHAFT, POLITIK UND VERBÄNDEN AUF DEM PODIUM

Um dieses Ziel zu befördern hat Altenberger für den 13. März namhafte Experten nach Augsburg eingeladen: Bei der die Tagung eröffnenden Diskussion am Vormittag (10.00 – 12.30 Uhr) sitzen neben Ministerin Christa Stewens auf dem Podium: der Direktor des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik und Familienforschung, Prof. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis; die Vorsitzende des Bundeselternrates, Renate Hendriks; der Präsident des Bayerischen Landessportverbandes, Prof. Dr. Peter Kapustin; Prof. Dr. Detlef Kunze von der Kinderambulanz des Klinikums der Universität München/Großhadern; und Prof. Dr. Ulrike Ungerer-Röhrich vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth.

JE FÜNF ARBEITSKREISE UND PRAXISWORKSHOPS, ZUM ABSCHLUSS EINE PRESSEKONFERENZ

Das Nachmittagsprogramm (14.30 – 16.30 Uhr) bietet den Teilnehmerinnen und Teilnehmern je nach ihren Interessenschwerpunkten jeweils fünf parallel stattfindende Arbeitskreise und Praxisworkshops. Ab 17.00 Uhr werden die Ergebnisse der Fachtagung den Vertreterinnen und Vertretern der Medien in einer Pressekonferenz präsentiert.

VERANSTALTUNGSORT:
Sportzentrum der Universität Augsburg (Universitätsstraße 3, 86159 Augsburg)

KONTAKT UND WEITERE INFORMATIONEN:

Prof. Dr. Helmut Altenberger
Lehrstuhl für Sportpädagogik
Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon: 0821 – 598-2801, Fax -2828
E-mail: helmut.altenberger@sport.uni-augsburg.de

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Klaus P. Prem idw

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