Tagung am 2. Juli in München: Stehlen, Schwänzen, Schlagen …

Entwicklungsprozesse schwieriger Kinder und Jugendlicher
Schwierige Kinder und Jugendliche sind aus den Schlagzeilen nicht mehr wegzudenken und werden häufig als „Monsterkids“ skandalisiert. Doch warum sie sich gewalttätig, aggressiv, rechtsradikal oder kriminell verhalten, wird selten thematisiert. Um die Öffentlichkeit stärker aufzuklären, veranstalten das Deutsche Jugendinstitut als Forschungseinrichtung und die Stiftung der Stadtsparkasse München „Für Kinder und Jugendliche unserer Stadt“ als Förderin von Jugendhilfe- und Präventionsprojekten am 2. Juli 2001 eine Tagung in München. Auf dem Programm stehen Vorträge und Diskussionen zu den Entstehungsprozessen von Aggression, Fremdenfeindlichkeit, Kriminalität und Schulverweigerung. Aktuelle Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass sich häufig bereits in der Kindheit Anzeichen für auffällige Verhaltensweisen finden, und bieten neue Ansatzpunkte für Maßnahmen in Prävention und Jugendhilfe. Auf der Tagung stellen sich auch einschlägige Praxisprojekte aus dem Münchner Raum vor. So haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gelegenheit, mit Fachleuten aus Forschung, Jugendhilfe und weiteren Institutionen ins Gespräch zu kommen. Die über 300 Anmeldungen aus Praxis, Wissenschaft, Verwaltung und Politik zur Tagung spiegeln die Aufmerksamkeit, die gewalttätige, aggressive, rechtsradikale oder kriminelle Kinder und Jugendliche erhalten.

Sabrina Hoops und Dr. Hanna Permien vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) gehen in ihrem Beitrag zur Kinderdelinquenz auf die Bewältigungsstrategien von Familien tatverdächtiger Kinder ein: Die Verantwortung für die pädagogische Bewältigung begangener Straftaten von strafunmündigen Kindern liegt in erster Linie bei den Eltern. Der Jugendhilfe kommt hier zunächst nur eine unterstützende Funktion zu. Die Reaktionen der Eltern auf das Delinquenzverhalten ihrer Kinder sind entscheidend dafür, ob die gesetzwidrigen Aktivitäten ein Episodenphänomen bleiben oder ob sie sich zu einer Delinquenzkarriere verfestigen.

Haike Schröpfer berichtet aus einer DJI-Studie zum Schuleschwänzen: Verweigerungshaltungen von Schülern lassen sich als Hilferufe deuten, Schuleschwänzen „just for fun“ ist die Ausnahme. Viel häufiger sind nicht bewältigte Probleme wie schulischer Misserfolg, Notendruck, Erwartungen der Eltern, Stress, Schwierigkeiten mit Lehrkräften und Mitschülern. Und: Nicht jedes auffällige Verhalten ist bereits ein Indiz für Schulverweigerung. Bedenklich wird es dort, wo sich die Verweigerung festigt und die Jugendlichen als Folge sozial und später beruflich ausgegrenzt werden.

In seinem Beitrag zu den Entwicklungspfaden von Aggression und Fremdenfeindlichkeit lenkt Dr. Klaus Wahl, ebenfalls DJI, den Blick auf die Lebensgeschichten fremdenfeindlicher Gewalttäter: Häufig fallen sie bereits im Kindesalter als hoch aggressiv und gewalttätig auf. Andere sind als Kinder scheu oder ambivalent im Umgang mit ihnen unvertrauten Menschen, wieder andere provokativ und antisozial in ihren Verhaltensweisen. Später können sich Neigungen zur Selbstbehauptung mit einem ethnozentrischem Mantel umgeben und ideologisch verfestigen. Es lohnt sich, der Bildung der emotionalen Persönlichkeit in Familie, Kindergarten, Schule und peer-group mehr Aufmerksamkeit zu schenken und Angebote für emotional gefährdete Kinder zu machen statt nur auf „exit-Programme“ für Jugendliche und junge Erwachsene zu setzen.

Prof. Dr. Chris Brückner von der Fachhochschule München verdeutlicht abschließend am Beispiel der Kinderdelinquenz, dass sich Jugendhilfe und Schule verändern müssen, um präventiv zu wirken. So werden ausschließlich auf den Wissenserwerb ausgerichtete Schulen besonders schwierigen Kindern, die aus kleinen, überlasteten oder nicht funktionierenden Familien kommen, nicht mehr gerecht. Sie können diese Kinder nicht mehr ausreichend ins Schulgeschehen integrieren. Die Debatte um Auffälligkeiten von scheinbar „monströsen“ Kindern ist häufig von einer Neuauflage ordnungspolitischer Programmatik im Umgang mit Kinder- und Jugenddelinquenz begleitet, die schnelle Lösungen und Handlungsfähigkeit verspricht, aber diese Versprechen nicht halten kann und konnte. Es ist aber auch die administrative Jugendhilfe, die unter dem Druck der öffentlich geführten Kostendebatte die Kriminalität als Eigenschaft von Personen verdinglicht und defizitäres Verhalten zum Gegenstand von Interventionen macht. Positiv bewertet Frau Brückner präventive Jugendhilfemaßnahmen, die attraktive Stadtteile durch Beschäftigungsprojekte, Abenteuerpädagogik, schulische Förderung, Hilfen für Familien, Täter-Opfer-Ausgleichsmaßnahmen, soziale Trainingskurse und heilpädagogische Intensivbetreuung schaffen.

Deutsches Jugendinstitut e.V.
Referat für Öffentlichkeitsarbeit
Barbara Keddi
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