Dr. Leopold-Lucas-Preisträger des Jahres 2008: Dieter Henrich, München

Dieter Henrich wurde 1927 in Marburg/Lahn geboren. 1946 Abitur des Humanistischen Philipps-Gymnasiums Marburg, Studium in Marburg, Frankfurt/M. und Heidelberg (1946-1950). Promotion (1950) und Habilitation (1956) in Heidelberg. Professuren an der Freien Universität Berlin (1960-1965), Heidelberg (1965-1981) und München (seit 1981). Gastprofessuren an der Columbia Universität, der Harvard Universität, der Universität Tokio und der Yale Universität. Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung (1970), seit 1971 Ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 1984 auch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Mitglied der Academia Europaea, der American Academy of Arts and Sciences und der Académie Internationale de Philosophie de l'Art. Ehrendoktor der Theologischen Fakultäten in Münster (1999) und Marburg (2002) sowie der Philosophischen Fakultät in Jena (2005). Hölderlin-Preis der Stadt und Universität Tübingen (1995), Hegel-Preis der Stadt Stuttgart (2003) und Deutscher Sprachpreis (2006).

Das wissenschaftliche Werk von Henrich, in dessen Zentrum die Frage nach Selbstsein und Selbstbewusstsein steht, ist in seiner Fülle und Ausstrahlung kaum zu überschätzen. Henrichs Beiträge besonders zur Hegel-Forschung, aber auch zu anderen Vertretern des Deutschen Idealismus haben Epoche gemacht. Zu einer Zeit, in der schon der Bezug auf das Selbstbewusstsein veraltet und angesichts der Perspektiven von Strukturalismus, Dekonstruktionismus und Systemtheorie oder neuerdings der in der Hirnforschung vertretenen Auffassungen geradezu als obsolet erschien, hat Henrich beharrlich an der unhintergehbaren Bedeutung von Subjektivität festgehalten und diese wissenschaftlich demonstriert.

„Menschen leben nicht nur, sie haben ihr Leben aus dem Wissen von sich selbst heraus zu führen. Darum ist ihr Selbstbewusstsein gegenüber allem, was sie als Menschen ausmacht, elementar und unmittelbar“, so beginnt sein vor kurzem erschienenes Buch „Denken und Selbstsein“, das seine Vorlesungen über Subjektivität dokumentiert. Hier tritt exemplarisch hervor, dass Henrichs Philosophie durchweg dem elementaren Anspruch der Humanität verpflichtet ist.

Die zahlreichen Veröffentlichungen des Philosophen umfassen auch Themen der Ethik, der Ästhetik und Kulturtheorie sowie der Religionsphilosophie und der Theologie. Weltweit Beachtung gefunden haben auch seine Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus und zu Hölderlin. Zahlreiche Ehrungen und Preise aus dem In- und Ausland sowie die Gastprofessuren und Akademiemitgliedschaften in Europa, Amerika und Asien unterstreichen die enorme Resonanz, die Henrichs wissenschaftliche Arbeit gefunden hat.

Der Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht haben. Zu den bisherigen Preisträgern gehören namhafte Wissenschaftler wie Karl Rahner, Paul Ricoeur, Raimund Popper, Michael Walzer und Michael Theunissen, Repräsentanten des religiösen Lebens wie Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, oder der polnische Erzbischof Henryk Muszynski, sowie der Kultur und Politik wie Léopold Sédor Senghor, der frühere senegalesische Staatspräsident, und Richard von Weizsäcker. Preisträger des letzten Jahres war der Neutestamentler Bischof Eduard Lohse.

Die Auszeichnung wurde 1972 von dem am 9. Juli 1998 verstorbenen Generalkonsul Franz D. Lucas, ehemals Ehrensenator der Eberhard Karls Universität, zum 100. Geburtstag seines in Theresienstadt umgekommen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas gestiftet. Die Evangelisch-theologische Fakultät vergibt den Preis alljährlich im Namen der Universität Tübingen.

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Friedrich Schweitzer,
Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät
Tel.: 07071-2972538
friedrich.schweitzer@uni-tuebingen.de
EBERHARD KARLS UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit * Michael Seifert
Wilhelmstr. 5 * 72074 Tübingen
Tel.: 0 70 71 / 29 – 7 67 89 * Fax: 0 70 71 / 29 – 5566
E-Mail: presse1@verwaltung.uni-tuebingen.de

Media Contact

Michael Seifert idw

Weitere Informationen:

http://www.uni-tuebingen.de/

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise

Zurück zur Startseite

Kommentare (0)

Schreib Kommentar

Neueste Beiträge

Die ungewisse Zukunft der Ozeane

Studie analysiert die Reaktion von Planktongemeinschaften auf erhöhtes Kohlendioxid Marine Nahrungsnetze und biogeochemische Kreisläufe reagieren sehr empfindlich auf die Zunahme von Kohlendioxid (CO2) – jedoch sind die Auswirkungen weitaus komplexer…

Neues Standardwerkzeug für die Mikrobiologie

Land Thüringen fördert neues System zur Raman-Spektroskopie an der Universität Jena Zu erfahren, was passiert, wenn Mikroorganismen untereinander oder mit höher entwickelten Lebewesen interagieren, kann für Menschen sehr wertvoll sein….

Hoher Schutzstatus zweier neu entdeckter Salamanderarten in Ecuador wünschenswert

Zwei neue Salamanderarten gehören seit Anfang Oktober 2020 zur Fauna Ecuadors welche aufgrund der dort fortschreitenden Lebensraumzerstörung bereits bedroht sind. Der Fund ist einem internationalen Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern…

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close