„Blended learning“-Konzept in der Allgemeinmedizin

Die Aufzeichnung von Podcasts gehört zum Lehrkonzept "Blended learning" dazu. Hier sprechen Prof. Dr. Johannes Jäger (vorne) und Dr. Fabian Dupont miteinander.
Universität des Saarlandes/Oliver Dietze

Neue Wege im Medizinstudium

Blended learning, eine Mischung aus Präsenz- und Online-Lehrformaten, verspricht eine ideale Mischung beider Welten. Die Methode hält nun auch in der Medizin Einzug. Das Zentrum Allgemeinmedizin in Homburg geht diesen neuen Weg als erstes. Am Ende sollen die Studentinnen und Studenten mehr hausärztliche Kompetenzen haben als nach dem bisher klassischen Studium.

Johannes Jäger bringt es knapp auf den Punkt: „Die Frage lautet: Was will ich am Ende für Ärzte haben? Welche, die sich komplexe Inhalte stundenlang konzentriert anhören können? Oder welche, die Patienten betreuen, fundierte Diagnosen stellen und sie kompetent begleiten?“

Die Fragen, die der Professor für Allgemeinmedizin, der auch niedergelassener Hausarzt ist, hier stellt, sind natürlich rhetorische Fragen, deren Beantwortung auf der Hand liegt. Und da die Wahrscheinlichkeit, dass solche umfassend kompetente Ärztinnen und Ärzte in die Hausarztpraxen strömen, sehr viel höher ist, wenn sie im Studium bereits auf ihre spätere Tätigkeit herangeführt werden, gibt es nun einen breiten Pilotversuch am Zentrum Allgemeinmedizin, welches Johannes Jäger leitet. Im Mittelpunkt steht dabei das „Blended learning“, also die Vermischung von Präsenz- und Online-Lehrformaten.

Dieses Konzept, verschiedene Lehr- und Medienformen miteinander zu vermischen, um eine sinnvolle und zielgerichtete Kompetenzvermittlung zu ermöglichen, gibt es schon länger. In der Medizin dagegen ist es neu. Statt sich nun, vereinfacht gesagt, wie bisher in der traditionellen Lehre vor die Studentinnen und Studenten zu stellen, eine Vorlesung zu halten oder ein Seminar, und auf diese Weise medizinisches Wissen weiterzugeben, gehen die Allgemeinmediziner neue Wege.

„Wir schauen uns einen Arbeitsprozess im Ganzen an: Was muss ein Student können, wenn er später als Hausarzt tätig sein will?“, erläutert dies Fabian Dupont, der am Zentrum Allgemeinmedizin als Projektleiter die Lehre weiterentwickelt. Über das reine Wissen, das ein Allgemeinmediziner mitbringen muss, wenn ein Patient beispielsweise über Bauchschmerzen klagt, braucht er kommunikative Fähigkeiten, Einfühlungsvermögen und methodisches Wissen: Wie löst er das Rätsel, was der Auslöser der Bauchschmerzen sein könnte? Hat der Patient nur das falsche Mittagessen gegessen oder steckt etwas Ernstes dahinter?

Solche Fähigkeiten entwickelt ein angehender Mediziner nur dann am besten, wenn er sie tatsächlich verinnerlicht. Daher lernen sie die Inhalte in der Allgemeinmedizin künftig nicht nur als Faktenwissen, sondern auch am lebenden Objekt. So gibt es beispielsweise eine Übungseinheit, welche wie beim „HOM-KIT“-Programm der Medizinischen Fakultät auf Patientensimulationen aufbaut. Darin stellen professionelle Schauspieler eine typische Krankheitsgeschichte nach, mit welcher Hausärzte oft konfrontiert werden. Hier zwickts im Bauch, da steigt das Fieber und dort schmerzt der Rücken. Die Studenten können nach Herzenslust proben, wie sie dem Leiden auf die Schliche kommen.

Eine weitere Säule sind Podcasts über medizinische Themen, welche das Dozententeam für die Studentinnen und Studenten professionell aufbereitet und aufzeichnet. Ein drittes und sehr wichtiges Standbein gilt die Kooperation mit dem renommierten Amboss-Verlag, der größte deutschsprachige medizinische Fachverlag, sowie dem IMPP, dem Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen, das bundesweit einheitlich die Prüfungen in den Fächern Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie und Psychotherapie entwickelt. „Das IMPP fragt sich natürlich auch, wie sich die Prüfungen verändern, wenn 99 Prozent der Studierenden Amboss benutzen, so wie aktuell in der Corona-Pandemie“, sagt Fabian Dupont.

An dieser Stelle kommt nun Sara Willems vom Zentrum für Allgemeinmedizin ins Spiel. Als Lehrkoordinatorin hat sie 200 iPads besorgt, auf denen neuartige Prüfungen bearbeitet werden können. „So können die Studentinnen und Studenten Fragen nicht nur im bisher gängigen Multiple-Choice-Verfahren bearbeiten, das ihnen später keine Korrekturmöglichkeit mehr gibt“, erläutert sie. „Fehlerhafte Entscheidungen können an späterer Stelle auch behoben werden, so dass die Studentinnen und Studenten auch während der Prüfungssituation etwas dazulernen können“, sagt die Medizinerin. Professor Jäger nennt ein konkretes Beispiel: „In einer Frage kann es beispielsweise heißen: ‚Sie werden gerufen, weil jemand umgefallen ist und nun krampfend und mit Schaum vor dem Mund am Boden liegt. Was tun Sie?‘.

Dann geben die Studierenden zuerst an, dass sie den Patienten in die stabile Seitenlage bringen.“ Anschließend folgten weitere Maßnahmen. „Nach drei weiteren Fragen merkt der aber: ‚Hoppla, ich war ja auf dem ganz falschen Weg!‘“ Bei klassischem Multiple Choice gibt es an dieser Stelle kaum einen Ausweg, wenn zu Beginn ein Denkfehler gemacht wurde. Bei dem neuen Ansatz der Homburger Allgemeinmediziner hingegen sehr wohl.

„So verringern wir die Möglichkeit, dass der Zufall gewinnt“, erläutert Fabian Dupont. „Denn wenn ein Student nicht mehr weiter weiß, rät er und hat dabei 20, 25 Prozent Trefferquote. Gelernt hat er dabei aber nichts, selbst wenn er richtig tippt. Mit unserer Methode kann er seine Meinung überdenken. So hat er tatsächlich Wissen erlernt und kann sich merken, woran er zum Beispiel einen epileptischen Anfall erkennt und was er dann tun muss“, sagt der Projektleiter.

Ob der Lehransatz letzten Endes erfolgreich sein wird, untersuchen die beiden Doktorandinnen Aline Salzmann und Catherine Bopp. Sie haben Tools entwickelt und angepasst, um Motivation, Lernverhalten oder auch Kompetenzerwerb der Studierenden genau in dem neuen Lernplan zu untersuchen. Sie wollen erkennen, wo die Stärken und Schwächen liegen, was ankommt und was nicht. Wenn das klar ist, können die Methoden auf andere medizinische Teildisziplinen ausgerollt werden.

Das Geheimnis dabei ist: Motivation. Wenn es gelingt, diese nachhaltig zu wecken und hoch zu halten, wird das Konzept ein Erfolg, darin sind sich alle einig. Ganz so sieht es auch Johannes Jäger, nur umgekehrt: „Ich hoffe, dass dann über den studentischen Druck unsere Motivation weiter steigt, die Lehre stetig zu verbessern. Denn die Lehre und der permanente Austausch mit den jungen Studentinnen und Studenten, die uns Contra geben und uns hinterfragen, hält uns auch selbst jung und motiviert“, sagt er.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Johannes Jäger
Tel.: (06841) 1626801
E-Mail: johannes.jaeger@uks.eu

Dr. Fabian Dupont
Tel.: (06841) 1626802
E-Mail: fabian.dupont@uks.eu

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