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Europäischer Tarifbericht des WSI: Keine Anzeichen für Lohn-Preisspirale - Weitere Verschiebung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen

30.09.2008
12 von 27 EU-Ländern haben 2007 den lohnpolitischen Verteilungsspielraum nicht ausgeschöpft.

Die nominalen Bruttolöhne in diesen Ländern stiegen weniger stark als die Summe aus Preis- und Produktivitätszuwachs. Damit verschob sich in einem Jahr mit starkem Wirtschaftswachstum und positiver Arbeitsmarktentwicklung in knapp der Hälfte EU-Staaten das Verhältnis von Kapital- und Arbeitseinkommen erneut zu Gunsten der Kapitaleinkommen.

Zwar wuchs die Zahl der Länder, in denen der Verteilungsspielraum ausgeschöpft wurde, im Vergleich zu 2006 von 9 auf 15. Im EU-Durchschnitt fiel die Verteilungsbilanz 2007 aber zum vierten Mal in Folge negativ aus: Die nominalen Bruttolöhne blieben um 0,8 Prozentpunkte hinter dem Preis- und Produktivitätsanstieg zurück.

Ein wesentlicher Grund für den niedrigen europäischen Durchschnitt war die - wie in den Vorjahren - stark negative Verteilungsbilanz in Deutschland: Hier betrug die Differenz 2,1 Prozentpunkte. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Die Untersuchung erscheint in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.

In diesem Jahr wird der Verteilungsspielraum in Deutschland wie im EU-Durchschnitt durch höhere Lohnabschlüsse stärker ausgeschöpft, die Nominallohnsteigerungen bleiben aber weiterhin klar unter dem Preis- und Produktivitätszuwachs.

So rechnet die Europäische Kommission in ihrer Frühjahrsprognose, die WSI-Tarifexperte Dr. Thorsten Schulten für den europäischen Vergleich herangezogen hat, für 2008 in Deutschland mit einem Wachstum der Nominallöhne um 2,1 Prozent. Den neutralen Verteilungsspielraum veranschlagen die Brüsseler Experten hingegen bei 3,7 Prozent. Auch wenn die Nominallöhne in diesem Jahr noch etwas stärker zunehmen sollten, werde Deutschland auch 2008 seine problematische "lohnpolitische Sonderstellung in Europa nicht verlieren und sich wiederum am Ende der europäischen Lohnskala bewegen", schreibt WSI-Forscher Schulten.

Für die gesamte EU gehen die Experten der Brüsseler Kommission davon aus, dass die Nominallöhne im Durchschnitt 2008 um 3,8 Prozent wachsen. In den Staaten der alten EU 15 rechnet Brüssel mit einem durchschnittlichen Nominallohnanstieg um 3,5 Prozent. Der Verteilungsspielraum ist in beiden Fällen wiederum deutlich größer: 4,8 Prozent in der EU 27 und 4,1 Prozent in der EU 15.

Angesichts der weiterhin negativen Verteilungsbilanz seien Warnungen vor einer möglichen Lohn-Preisspirale unbegründet, betont Schulten: "Von einer inflationstreibenden Lohnentwicklung kann derzeit in Europa keine Rede sein." Zugleich sei eine stärkere, produktivitätsorientierte Lohnentwicklung angesichts der schwächeren Weltkonjunktur besonders wichtig, um die wirtschaftliche Lage im europäischen Binnenmarkt zu stabilisieren.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_93070.html
http://www.boeckler.de/pdf/wsimit_2008_09_schulten.pdf
http://www.boeckler.de/119.html

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