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Deutsche Konjunktur fest in unsicherem Umfeld

10.03.2011
Das RWI erhöht seine Prognose des Wirtschaftswachstums für das Jahr 2011 gegenüber Dezember 2010 von 2,5 auf 2,9%; für 2012 erwartet es 2,4%.

Die Wirtschaft ist offenbar gut in das neue Jahr gestartet, im Verlauf des Jahres dürfte das Produktionswachstum jedoch leicht nachlassen, weil sowohl die Impulse aus dem Ausland als auch die Inlandsnachfrage etwas an Tempo verlieren.

Belastend dürfte auch die weiter anziehende Inflation wirken. Trotzdem wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt wohl verbessern. Gleiches gilt für die öffentlichen Haushalte, weshalb die Finanzpolitik deren Konsolidierung weiter vorantreiben sollte.

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem kräftigen Aufschwung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im vergangenen Jahr mit 3,6% so stark gewachsen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Wichtige Impulse kamen aus dem Ausland, da sich der Welthandel nach seinem dramatischen Einbruch im Jahr 2009 normalisierte. Diese Impulse übertrugen sich auf die Inlandsnachfrage. Bei verbesserten Absatzaussichten nahm die Investitionsneigung der Unternehmen zu, und die günstigen Arbeitsmarktperspektiven stärkten den privaten Konsum. Gefördert wurde all dies durch das historisch niedrige Zinsniveau. Dieses trug auch dazu bei, dass die Wohnungsbauinvestitionen kräftig ausgeweitet wurden.

Allerdings hat die Aktivität vielfach noch nicht den Stand vor Ausbruch der Finanzkrise erreicht. Vor diesem Hintergrund ist die Situation am Arbeitsmarkt überraschend gut: Die Zahl der Erwerbstätigen liegt bereits um mehr als 300 000 über dem Höchststand vor der Finanzkrise, und die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist auf den niedrigsten Stand seit 1992 gesunken. Ein Schatten auf den derzeitigen Aufschwung wirft der Preisanstieg: Im Februar betrug die Inflationsrate 2,0%, worin sich in erster Linie der Anstieg der Rohstoffpreise bemerkbar machte. Jedoch ist inzwischen auch ein Anziehen der Kerninflation festzustellen, die die Verbraucherpreise ohne die Preise für Energie und Nahrungsmittel umfasst. So wie die niedrigen Zinsen der EZB derzeit den Aufschwung unterstützen, so begünstigt die expansive Geldpolitik die Teuerung.

Arbeitsmarkt wird sich weiter verbessern, die Inflation noch steigen

Viele Indikatoren deuten darauf hin, dass die Wirtschaft gut in das neue Jahr gestartet ist. Für den weiteren Verlauf des Jahres erwartet das RWI ein robustes, wenngleich leicht nachlassendes Produktionswachstum. Nennenswerte Impulse kommen zunächst noch aus dem Ausland; sie lassen aber nach. Auch die Inlandsnachfrage verliert etwas an Tempo. Die Ausrüstungsinvestitionen dürften sich normalisieren, nachdem durch die Finanzkrise aufgeschobene Investitionen nachgeholt wurden. Kräftig expandieren wird insbesondere der Wohnungsbau, für den die Rahmenbedingungen ausgesprochen günstig sind. Auch die privaten Konsumausgaben werden voraussichtlich deutlicher wachsen als im Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts. Vor diesem Hintergrund erwartet das RWI einen Zuwachs des BIP um 2,9% für dieses und um 2,4% für kommendes Jahr.

Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich weiter verbessern. Die Zahl der Erwerbstätigen wird im Jahresdurchschnitt 2011 voraussichtlich um knapp 500 000 und 2012 nochmals um fast die gleiche Zahl zunehmen. Die Arbeitslosenquote könnte damit deutlich unter 6% sinken. Dadurch wird es für die Unternehmen schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden, so dass die Effektivlöhne und damit auch die Lohnstückkosten zunehmen dürften.

Auch die anziehende Inflation wirkt weiter belastend. Getrieben wird sie vorerst durch die Rohstoffpreise. Zudem dürften aufgrund der angespannten Finanzlage der Gemeinden kommunale Gebühren und Abgaben weiter angehoben werden. Unter der Annahme eines konstanten Rohölpreises dürfte der Preisauftrieb seitens der Energieträger im Verlauf des Prognosezeitraums nachlassen. Allerdings steigt bei zunehmender Kapazitätsauslastung voraussichtlich die Kerninflation. Das RWI erwartet eine Inflationsrate von 2,5% für dieses und 2,4% für kommendes Jahr.

Chancen zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte nutzen

Die Lage der öffentlichen Haushalte dürfte sich spürbar verbessern. Die Defizitquote dürfte 2011 und 2012 auf 1,8% bzw. 0,6% sinken. Für die Finanzpolitik sind die Rahmenbedingungen günstig, um die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte weiter voranzutreiben und die Einhaltung der Schuldenbremse im Jahr 2016 sicherzustellen.

Schwierig ist die Situation für die Geldpolitik. Die EZB orientiert sich an den Bedingungen im Euro-Raum insgesamt, in dem die Wirtschaft stark unterschiedlich wächst. Hinzu kommt, dass sich die Refinanzierungsbedingungen im Bankensektor zwar verbessert, aber immer noch nicht normalisiert haben. Für das Ende des Prognosezeitraums erwartet das RWI einen Leitzins von 2,5%. Eine große wirtschaftspolitische Herausforderung ist die Zukunft des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Bei seiner Neugestaltung sollten die Verantwortlichkeit der einzelnen EWU-Länder für ihre Staatsfinanzen gestärkt und die Anreize für eine solide Haushaltsführung vergrößert werden. Hilfen sollten nur erfolgen, wenn ein Land grundsätzlich solvent ist. Ansonsten muss ein Insolvenzverfahren eingeleitet werden, das durch den ESM begleitet werden muss, will man die Risiken einer Insolvenz nicht unkalkulierbar machen.

Weltwirtschaft: Große regionale Wachstumsunterschiede

Die weltwirtschaftliche Expansion hat sich in den letzten Monaten des Jahres 2010 wieder verstärkt. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Regionen immer noch beträchtlich. Während in den meisten Schwellenländern die gesamtwirtschaftliche Produktion derart kräftig wächst, dass hier und da Anzeichen einer Überhitzung zu erkennen sind, blieb die Expansion in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften (Euro-Raum, Großbritannien, USA und Japan) insgesamt moderat, aber sehr differenziert. In Ländern, wo Blasen am Immobilienmarkt geplatzt waren oder der Finanzsektor in massive Probleme geraten war, war der Aufschwung nur zögerlich. Dort hat die Staatsverschuldung oft geradezu dramatisch zugenommen, so dass die Konjunktur zudem häufig durch umfangreiche Konsolidierungsprogramme belastet wird.

Aufgrund der kräftigeren Expansion der Weltwirtschaft nahm die Nachfrage nach Rohstoffen zu, wodurch deren Preise stiegen. Die Preise für Rohöl zogen jüngst vor allem aufgrund gestiegener Risiken für die Ölversorgung an. Die Teuerung hat sich im Verlauf des vergangenen Jahres weltweit verstärkt. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften reflektiert dies bisher im Wesentlichen die höheren Rohstoffpreise, in einigen Ländern auch Steuererhöhungen. Die Kerninflation blieb hingegen gering. Durch die expansive Geldpolitik hat sich aber ein Liquiditätsüberhang aufgebaut, der bei einer zu zögerlichen Straffung des geldpolitischen Kurses ein Anziehen der Inflation befürchten lässt. Es ist daher zu erwarten, dass die Notenbanken im Prognosezeitraum die Leitzinsen deutlich erhöhen werden. In den Schwellenländern haben viele Notenbanken aufgrund eines höheren Inflationsdrucks den Schwenk zu einer restriktiveren Politik bereits vollzogen.

Auch die Finanzpolitik dürfte 2011 und mehr noch 2012 restriktiv ausgerichtet sein. Durch die jüngste Rezession hat die Staatsverschuldung zumeist erheblich zugenommen, so dass eine Konsolidierung dringend geboten ist. Viele Länder haben bereits Maßnahmen eingeleitet, andere – wie die USA und Japan – haben solche angekündigt, wenn auch unklar ist, in welchem Umfang sie realisiert werden.

Bis zum Jahr 2012 moderates, aber relativ robustes Wachstum

Vor diesem Hintergrund dürfte der Prognosezeitraum durch ein moderates, aber relativ robustes Wachstum der Weltwirtschaft gekennzeichnet sein. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften setzt sich die Erholung fort und die internen Auftriebskräfte gewinnen allmählich an Bedeutung. Die Investitionstätigkeit dürfte sich normalisieren, zumal durch die Krise Modernisierungen zurückgestellt wurden. Auch dürfte das Vertrauen der Konsumenten zurückkehren, da die Arbeitslosigkeit zumeist wieder fällt. In den Schwellenländern verliert die Expansion etwas an Fahrt, weil die Wirtschaftspolitik und die Verteuerung von Lebensmitteln hier im Allgemeinen stärker dämpfen dürften.

Alles in allem erwartet das RWI für beide Jahre eine Zunahme des Weltsozialprodukts (in Dollar gerechnet) um gut 3%. Der Welthandel wird unter diesen Rahmenbedingungen um voraussichtlich 7,5% bzw. 7% ausgeweitet werden.

Risiken sind größer geworden

Allerdings haben sich auch die Risiken für den Aufschwung vergrößert. Die Staatschuldenkrise einiger Länder des Euro-Raums ist noch nicht gelöst. Dies könnte negativ auf die deutsche Wirtschaft ausstrahlen. Zudem ist die Ölversorgung unsicherer geworden. Kommt es hier zu nachhaltigen Störungen, werden die weltwirtschaftliche Expansion und damit auch das Wachstum in Deutschland spürbar gedämpft. Schließlich sind die Gefahren für die Preisniveaustabilität größer geworden, da steigende Rohstoffpreise aufgrund der expansiven Geldpolitik der EZB in einem Land mit guter Konjunktur leicht Zweitrundeneffekte anstoßen können.

Ihre Ansprechpartner dazu:
Prof. Dr. Roland Döhrn Tel. (0201) 81 49-262
Sabine Weiler (Pressestelle) Tel.: (0201) 81 49-213

Joachim Schmidt | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwi-essen.de/presse/
http://www.rwi-essen.de/media/content/pages/publikationen/rwi-konjunkturberichte/KB_1-2011_110310.pdf

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